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Im Gespräch: Steven Spielberg „Ich weinte, als Lincoln zu sprechen begann“

 ·  In dieser Woche läuft „Lincoln“ in den deutschen Kinos an. Im F.A.Z.-Interview erklärt Regisseur Steven Spielberg, wie man einen historischen Giganten vom Sockel holt, um ihn dem heutigen Kinopublikum auf Augenhöhe vorzustellen.

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© Cineliz/AllPix/laif Vergrößern Ein populärer Historiker mit der Kamera, auch für problematische Stoffe: Steven Spielberg

Was haben Sie über Abraham Lincoln in der Schule gelernt?

Nicht viel. Dass er der 16. Präsident der Vereinigten Staaten war. Dass er die Sklaven befreite. Dass er den Bürgerkrieg führte und die Sklaverei abschaffte. Dass er einen Zylinder trug und sehr groß war.

Sie sind in den fünfziger und sechziger Jahren aufgewachsen. War Lincoln zu umstritten, um ausführlich im Unterricht behandelt zu werden?

Nein. Es war einfach so, dass wir die Präsidenten in schneller Abfolge durchnahmen. Eigentlich haben wir gar nichts über sie gelernt. Wir wurden über ihre Existenz informiert. Mich faszinierte das Geheimnis. Das, was die Schulbücher mir über Lincoln nicht erzählten. So suchte ich, was zwischen den Zeilen stand.

Wie stark wurde das Lincoln-Bild vor der Bürgerrechtsära durch das Bemühen beeinträchtigt, den Südstaaten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?

Es war jedenfalls Martin Luther King, der Lincolns Tugenden freigiebig lobte und bewirkte, dass über Lincoln wieder gesprochen wurde. Hollywood hatte den Süden romantisiert, nicht nur in „Vom Winde verweht“, sondern sogar in „The Red Badge of Courage“ von John Huston oder in John Fords Beitrag zu „How the West Was Won“. In Fernsehserien waren die Südstaatler die Helden und die Unionstruppen die Aggressoren aus dem Norden. Als Kind habe ich das nie verstanden. Hollywood verklärte den Süden, weil der Süden der Underdog war.

Sie haben die Filmrechte an Doris Kearns Goodwins Buch „Team of Rivals“ erworben, noch bevor die Autorin das Manuskript abgeschlossen hatte. Welche Art von Geschichte haben Sie sich vom Buch dieser Historikerin versprochen?

Ich bewundere die Gründlichkeit ihrer Arbeit. 1999 lernte ich sie kennen, als ich auf Veranlassung von Präsident Clinton einen Fernsehfilm für die Feiern zum Jahrtausendwechsel drehte. In einer halben Stunde wollte ich die ganze Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählen. Doris Kearns Goodwin verriet mir, dass sie ein Buch über Lincolns Präsidentschaft schreiben wolle. Es traf mich wie ein Blitzschlag. Mir ging auf, dass der letzte Film über Lincoln aus dem Jahr 1940 stammte: „Abe Lincoln in Illinois“ mit Raymond Massey. Davor gab es 1938 „Young Mr. Lincoln“ von John Ford mit Henry Fonda.

© dapd Vergrößern Düster: Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln

Sie haben Ihren Film in Virginia gedreht. Haben Sie etwas von fortwirkenden Vorbehalten gegenüber der Union mitbekommen?

Ich war überrascht, dass zwei oder drei junge Männer die Mitwirkung als Statisten ablehnten, weil sie das Blau der Unionstruppen nicht tragen wollten. Solche symbolische Treue zur Tradition wird von Generation zu Generation vererbt, ist aber offenbar nur noch Sache einer kleinen Minderheit.

Warum haben Sie unter allen dramatischen Episoden von Lincolns Leben die Ratifizierung des dreizehnten Verfassungszusatzes im Januar 1865 als Hauptthema des Films ausgewählt?

Lincoln ging ein hohes Risiko ein durch seinen Entschluss, den Bürgerkrieg nicht vor der Abschaffung der Sklaverei zu beenden. Er wusste: Wenn die Sklaverei nicht durch Änderung der Bundesverfassung verboten wurde, dann konnte jeder Richter den Emanzipationserlass vom 1. Januar 1863, der die Sklaven in den vom Unionsheer besetzten Gebieten befreite, als verfassungswidrig aufheben. Denn der Erlass war eine Maßnahme des Kriegsrechts. Es steckt so viel Dramatik in dieser Entscheidung Lincolns, deren Wirkungen heute noch nachzittern. Und so sehen wir Lincoln bei der Arbeit. Er sitzt nicht Modell für Maler oder Historiker, wird nicht verehrt oder vergöttlicht. Sondern er arbeitet sehr hart an einer Sache, die er unbedingt zum Abschluss bringen will.

Und wir sehen die anderen Politiker, die mit ihm und gegen ihn arbeiten. Das Drama der normalen Politik.

Der ganz normalen Politik. Im demokratischen Prozess von damals spiegelt sich, was heute passiert, im gespaltenen Repräsentantenhaus und im gespaltenen Land. Es war nicht unsere Absicht, dem Land den Spiegel vorzuhalten, aber je weiter wir mit dem Film waren, desto tiefer wurde die Spaltung. So trifft unser Film auf einen historischen Moment, in dem das, was Lincoln tat, tatsächlich Bedeutung hat.

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