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Im Gespräch: Shereen El Feki : Sexuelle Zufriedenheit als universeller Wert

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Warum tendieren wir zu einer engen Auslegung des Islams, wenn wir eine viel großzügigere haben könnten? Shereen El Feki vor kurzem in Berlin Bild: Julia Zimmermann

Der Wandel in den arabischen Staaten muss auch einer der Sexualität sein, meint die ägyptische Journalistin El Feki in ihrem neuen Buch. Ein Gespräch über Freiheit, Glück und die Frage, ob eine arrangierte Ehe eine Wahl bedeuten kann.

          Frau El Feki, Sie haben als Wissenschaftsjournalistin für den „Economist“ gearbeitet und sich beruflich viel mit HIV beschäftigt. In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie eines Tages eine Statistik in die Hände bekamen, nach der die Verbreitung von HIV in arabischen Ländern viel niedriger sein sollte als etwa in Osteuropa, Afrika oder Asien. Sie haben das nicht geglaubt.

          Ich war erstaunt. Wie kann es sein, dass in Zeiten der Globalisierung ein Teil der Erde von einer weltweiten Epidemie abgeschnitten ist? Es zeigte sich dann, dass die Zahlen ungenau und unvollständig waren. Heute haben wir ein besseres Bild von der Lage, und die Wahrheit ist: Es gibt HIV in der arabischen Welt. In den meisten Ländern der Region ist die Rate niedrig, sie liegt bei etwa 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Aber wenn man sich Risikogruppen ansieht, Schwule, Drogenabhängige oder Prostituierte, dann stößt man auf höhere Zahlen. Dabei muss man im Hinterkopf haben, dass Männer, die mit Männern schlafen, in der arabischen Welt meist auch mit Frauen schlafen - mit ihren Ehefrauen, ihren Freundinnen oder mit Prostituierten. Das Problem dabei ist, dass sexuelle Kontakte außerhalb eines ehelichen Kontextes im arabischen Raum nicht akzeptiert sind.

          Was bedeutet das für die Infizierten?

          Die klassische Geschichte geht so: Eine verheiratete Frau ist, so wie es erwartet wird, als Jungfrau in die Ehe gegangen, sie bekommt ihr erstes Kind. Das Kind hat HIV. Dann stellt man fest, dass auch die Mutter HIV hat und der Vater. Das Tragische daran ist, dass es mehr die Frauen sind, die stigmatisiert und diskriminiert werden. Denn im Islam ist Sex außerhalb der Ehe zwar für beide verboten, für Männer und Frauen, aber die Realität in einer patriarchalischen Kultur ist die, dass Jungs eben Jungs sind, und dass Männer sexuelle Kontakte haben bevor sie heiraten. Wenn Frauen dasselbe tun, ist es aber eine ganz andere Geschichte. So ist mir klar geworden, dass Sexualität ein großes Problem ist - und dass Sexualität ein sehr interessanter Weg ist, um diese Gesellschaften in ihren politischen, wirtschaftlichen und religiösen Strukturen besser zu verstehen. Meine Beschäftigung mit diesem Thema hat also etwas mit meinem Beruf zu tun, aber auch mit meiner persönlichen Geschichte. Aufgrund meiner Herkunft bin ich mit der Region verbunden, aber ich wusste nicht viel über sie. Ich wollte mehr erfahren.

          Für Sie ist Sexualität also ein Spiegel für größere gesellschaftliche Verhältnisse in der arabischen Welt. Wie meinen Sie das genau?

          Sexuelle Rechte sind wesentliche Menschenrechte. Das ist nicht in allen Ländern anerkannt, und vor allem in den Vereinten Nationen ist es sehr umstritten. Aber das ist absolut meine Meinung. Ich glaube, dass der persönliche Mensch den politischen beeinflusst und umgekehrt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie junge Menschen engagierte Bürger sein sollen, wenn sie weder die Freiheit noch die Möglichkeiten haben, auf Informationen über ihre Körper und ihre Sexualität zuzugreifen.

          Ich finde es schwer vorstellbar, wie Frauen eine wichtige Rolle im ökonomischen, politischen und sozialen Leben eines Landes spielen sollen, wenn sie auf einer elementaren Basis keine Kontrolle über ihre eigenen Körper haben. Ich finde es schwierig, mir vorzustellen, wie wir bessere Beziehungen zwischen Männern und Frauen herstellen können, etwa in der Schule, in den Parlamenten, wenn sie einander nicht auch im Schlafzimmer respektvoll und gleichberechtigt gegenüberstehen. Es ist schwer vorstellbar, wie man Gerechtigkeit, Freiheit, Würde, Gleichheit und den Schutz der Privatsphäre im Politischen durchsetzen soll, wenn diese Werte im Privaten nicht gelten. Die beiden Sphären sind miteinander verbunden.

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