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Im Gespräch: Mariss Jansons : Ich wurde wie eine Blume gepflegt

  • Aktualisiert am

Nie ohne seine Partituren, schon gar nicht zu Hause in Sankt Petersburg: Mariss Jansons Bild: Manu Theobald/Ernst von Siemens Musikstiftung

An diesem Montag feiert er seinen siebzigsten Geburtstag, am vergangenen Freitag wurde ihm der renommierte Siemens-Musikpreis zuerkannt: Der Dirigent Mariss Jansons im F.A.Z.-Gespräch.

          Herr Jansons, Sie haben zu Beginn dieser Saison „Ein Überlebender aus Warschau“ von Arnold Schönberg aufgeführt. Sehr beeindruckend. War das für Sie mit einer persönlichen Aussage verbunden?

          Nein. Ich nehme Musik anders wahr. Nicht persönlich. Ich habe das Stück dirigiert, weil ich es liebe und in dieser Musik eine pure Tragik erkenne. Es war mir nie wichtig, etwas zu tun, nur weil ich Halbjude, Lette, Petersburger oder sonst was bin. Das wäre mir fremd.

          Wie glatt und bruchlos Ihre Karriere sich entwickelt hat! Ich finde das erstaunlich für jemanden, der, wie Sie, in der Sowjetunion aufgewachsen ist...

          Da haben Sie recht!

          Mussten Sie keine Kompromisse eingehen mit der Macht? Gab es nie die Notwendigkeit, zu heucheln, sich zu verstellen?

          Ich kam ja nie in eine Situation wie Mstislaw Rostropowitsch oder Gidon Kremer! Aber ich bin schon oft sehr unzufrieden gewesen damals mit den Verhältnissen. Es gab viele Hindernisse. Beispielsweise durften wir nur neunzig Tage im Jahr im Ausland konzertieren, und wenn man interessante Angebote bekam, musste man darum kämpfen, musste die Obrigkeit um Erlaubnis bitten. Das war manchmal erniedrigend. Solche Schwierigkeiten hatten aber alle, mehr oder weniger. Ich gehörte nicht zu denen, die mit der Faust auf den Tisch gehauen haben.

          Wie sahen diese Schwierigkeiten konkret aus?

          Am schwierigsten war es für mich, als man mich 1979 einlud, als Chefdirigent nach Oslo zu gehen. Es hieß, ich dürfe nur siebzig Tage im Jahre dort sein, zehn Wochen! Irgendwann hatten sowjetische Funktionäre entschieden, dass man nicht zweimal im Jahr in das gleiche Land fahren durfte. Ich musste aber als Chefdirigent viermal im Jahr nach Oslo fahren, und ich hatte nicht mal einen Vertrag, das heißt, es war mir nicht erlaubt, ihn zu unterschreiben. Wir mussten ständig bei der Abteilung für Auswärtige Beziehungen Anträge stellen. Mal hat man dort nachgegeben, mal nicht. Neunundneunzig Prozent unserer Künstler haben so gelebt, nur ein Prozent hat dagegen angekämpft. Und ich wollte einfach nur dirigieren. Ich wurde oft eingeladen, besonders nach dem Karajan-Preis. Die Beschränkungen waren fürchterlich. Rückblickend denke ich jetzt, dass ich vergleichsweise eher wenig darunter zu leiden hatte.

          Wie kam Ihr Kontakt zu Karajan zustande?

          Als Karajan 1968 mit den Berliner Philharmonikern nach Leningrad kam, gab es einen Workshop, in dem zwölf junge Dirigenten ihre Künste zeigten. Ich war der Jüngste. Es hat ihm sehr gefallen, und er wollte, dass ich bei ihm studiere. Natürlich wurde ihm erklärt, dass dies nicht möglich sei. Aber mein Name wurde genannt, Gott sei Dank.

          Wie war es Ihnen dann doch möglich, nach Wien zu gehen?

          Es gab einen Studentenaustausch mit Österreich.

          Damals? Anfang der Siebziger!?

          Ja, Dirigenten gegen Ballerinen! Von uns kamen die Dirigenten, das heißt, einer von uns durfte ein Jahr zum Studium an die Wiener Akademie, und von dort kamen dann die Ballerinen zur Waganow-Choreographie-Fachschule. Als ich in Wien ankam, habe ich sofort Karajan angerufen, und er lud mich nach Salzburg ein. Als ich später beim Karajan-Wettbewerb gewonnen hatte, sollte ich, so sahen es die Statuten des Wettbewerbs vor, eigentlich ein Jahr als Assistent bei ihm arbeiten. Aber das wurde mir nicht erlaubt.

          Hat Karajan versucht, Ihnen zu helfen?

          Er hat einen sehr bösen Brief an unsere Kulturministerin Jekaterina Furzewa geschrieben. Aber geholfen hat das nicht.

          Später wurden Sie tatsächlich Chefdirigent eines ausländischen Orchesters, mitten in der Breschnew-Zeit, gerade hatte der Afghanistan-Krieg begonnen!

          Das war wirklich ungewöhnlich, fast einmalig. Sonst gab es das nur noch bei Gennadi Roshdestwenskij: Er war Chefdirigent des BBC-Orchesters geworden. Aber er war älter als ich und viel berühmter. Ich hatte doch gerade erst angefangen.

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