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Im Gespräch: Jan Philipp Reemtsma Warum ich Wieland liebe

 ·  Seit dreißig Jahren beschäftigt sich Jan Philipp Reemtsma mit Christoph Martin Wieland. Im Interview erklärt er, warum der Zeitgenosse Goethes und Schillers auch zu seinem 200. Todestag noch immer unterschätzt wird.

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© Hagmann, Roger Vergrößern Avantgardistischer Weltbürger: Christoph Martin Wieland im Stadtschloss Weimar

Als Herausgeber, aber auch in Ihrer essayistischen Arbeit beschäftigen Sie sich seit mehr als dreißig Jahren mit Wieland. Warum dieser Autor, worin besteht für Sie sein besonderer Reiz?

Ich habe Wieland schon als Schüler gelesen und habe während meines Studiums begonnen, mich intensiv mit ihm zu befassen – nicht, dass er im Studium vorgekommen wäre. Das habe ich so nebenher getan – und es hat nicht wieder aufgehört. Mit zwölf Jahren habe ich die „Geschichte der Abderiten“ gelesen. Man muss aber ein bisschen mehr von der Welt, auch ein bisschen was von Politik verstehen, um das wirklich würdigen zu können – die genauen psychologischen Beschreibungen, die Dynamik. Ich fand es amüsant, aber es ging nicht weiter. Vertieft hab ich das dann alles während meines Studiums.

Arno Schmidt hat einmal gesagt, einen intelligenten Menschen erkenne man an seiner Liebe zu Wieland. Wie denken Sie darüber?

Man kann natürlich ein sehr intelligenter Mensch sein, ohne dass einem Wieland je untergekommen ist. Aber ich denke, gemeint ist ein besonderer Reiz Wielands, etwas sehr seltenes: das Phänomen intellektueller Poesie. Wieland hat auf verschiedenen literarischen Gebieten gearbeitet: Da sind seine Romane, seine längeren Verserzählungen; Wieland ist auch politischer Journalist gewesen, er ist derjenige unter den Klassikern, der sich sehr unmittelbar und sehr kundig mit Politik beschäftigt hat. Wir spüren bei Wieland überall das scharfe intellektuelle Durchdringen der Gegenstände, mit denen er sich befasst – und das bei einer stilistischen Virtuosität und einer poetischen Sensibilität, die kaum ihresgleichen finden.

Welche Rolle hat das Politische für Wieland gespielt?

Er hat sehr schnell verstanden, dass das, was in Paris zu Beginn der französischen Revolution vor sich geht, Weltgeschichte ist. Er hat ja die Zeitschrift „Der Teutsche Merkur“ herausgegeben, die wichtigste literarisch-politische Zeitschrift der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Da hat er die Pariser Ereignisse oft einfach dokumentiert, indem er Reden übersetzt hat, die Beschlüsse der französischen Nationalversammlung. Sehr oft kleidet er seine politischen Kommentare in die Form eines Zwiegesprächs zwischen zwei Menschen, die die Pariser Ereignisse kommentieren, und zwar, vereinfacht gesprochen, von links und von rechts. Dem einen geht die Revolution zu weit, dem anderen geht sie nicht weit genug. Es ist eine Gleichberechtigung der Standpunkte, und so kann man sich dann selber orientieren. Man hat ihm damals vorgeworfen, keine eigene Meinung zu haben. Die hatte er natürlich, aber er sagte: Die ist nicht interessant.

Kann uns Wieland mit dieser Haltung als politischer Autor heute etwas sagen?

So sollte ein politischer Kommentator sein Amt verstehen – er sollte also nicht allein die leitartikelhafte Meinung vertreteb, sondern auch den Versuch unternehmen, das Publikum selbst urteilsfähig zu machen. Das ist eine permanente Aufgabe. Die hat Wieland begriffen und vielleicht als erster überhaupt so für sich definiert.

Das alles klingt sehr modern. Was an Wieland würden Sie als veraltet ansehen?

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