Home
http://www.faz.net/-hnr-75ubt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Im Gespräch: Jan Philipp Reemtsma Warum ich Wieland liebe

Seit dreißig Jahren beschäftigt sich Jan Philipp Reemtsma mit Christoph Martin Wieland. Im Interview erklärt er, warum der Zeitgenosse Goethes und Schillers auch zu seinem 200. Todestag noch immer unterschätzt wird.

© Hagmann, Roger Vergrößern Avantgardistischer Weltbürger: Christoph Martin Wieland im Stadtschloss Weimar

Als Herausgeber, aber auch in Ihrer essayistischen Arbeit beschäftigen Sie sich seit mehr als dreißig Jahren mit Wieland. Warum dieser Autor, worin besteht für Sie sein besonderer Reiz?

Ich habe Wieland schon als Schüler gelesen und habe während meines Studiums begonnen, mich intensiv mit ihm zu befassen – nicht, dass er im Studium vorgekommen wäre. Das habe ich so nebenher getan – und es hat nicht wieder aufgehört. Mit zwölf Jahren habe ich die „Geschichte der Abderiten“ gelesen. Man muss aber ein bisschen mehr von der Welt, auch ein bisschen was von Politik verstehen, um das wirklich würdigen zu können – die genauen psychologischen Beschreibungen, die Dynamik. Ich fand es amüsant, aber es ging nicht weiter. Vertieft hab ich das dann alles während meines Studiums.

Mehr zum Thema

Arno Schmidt hat einmal gesagt, einen intelligenten Menschen erkenne man an seiner Liebe zu Wieland. Wie denken Sie darüber?

Man kann natürlich ein sehr intelligenter Mensch sein, ohne dass einem Wieland je untergekommen ist. Aber ich denke, gemeint ist ein besonderer Reiz Wielands, etwas sehr seltenes: das Phänomen intellektueller Poesie. Wieland hat auf verschiedenen literarischen Gebieten gearbeitet: Da sind seine Romane, seine längeren Verserzählungen; Wieland ist auch politischer Journalist gewesen, er ist derjenige unter den Klassikern, der sich sehr unmittelbar und sehr kundig mit Politik beschäftigt hat. Wir spüren bei Wieland überall das scharfe intellektuelle Durchdringen der Gegenstände, mit denen er sich befasst – und das bei einer stilistischen Virtuosität und einer poetischen Sensibilität, die kaum ihresgleichen finden.

Jan Philipp Reemtsma wird 60 © dpa Vergrößern Jan Philipp Reemtsma

Welche Rolle hat das Politische für Wieland gespielt?

Er hat sehr schnell verstanden, dass das, was in Paris zu Beginn der französischen Revolution vor sich geht, Weltgeschichte ist. Er hat ja die Zeitschrift „Der Teutsche Merkur“ herausgegeben, die wichtigste literarisch-politische Zeitschrift der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Da hat er die Pariser Ereignisse oft einfach dokumentiert, indem er Reden übersetzt hat, die Beschlüsse der französischen Nationalversammlung. Sehr oft kleidet er seine politischen Kommentare in die Form eines Zwiegesprächs zwischen zwei Menschen, die die Pariser Ereignisse kommentieren, und zwar, vereinfacht gesprochen, von links und von rechts. Dem einen geht die Revolution zu weit, dem anderen geht sie nicht weit genug. Es ist eine Gleichberechtigung der Standpunkte, und so kann man sich dann selber orientieren. Man hat ihm damals vorgeworfen, keine eigene Meinung zu haben. Die hatte er natürlich, aber er sagte: Die ist nicht interessant.

Kann uns Wieland mit dieser Haltung als politischer Autor heute etwas sagen?

So sollte ein politischer Kommentator sein Amt verstehen – er sollte also nicht allein die leitartikelhafte Meinung vertreteb, sondern auch den Versuch unternehmen, das Publikum selbst urteilsfähig zu machen. Das ist eine permanente Aufgabe. Die hat Wieland begriffen und vielleicht als erster überhaupt so für sich definiert.

Das alles klingt sehr modern. Was an Wieland würden Sie als veraltet ansehen?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Österreich im Film Ein Wiener auf der Baustelle ersetzt das Radio

Österreicher trauen sich im Fernsehen viel mehr als Deutsche. Sie kennen einfach keine Geschmacksgrenzen. Ein Gespräch mit den Schauspielern Nicholas Ofczarek und Robert Palfrader über Österreich. Mehr

20.11.2014, 23:03 Uhr | Feuilleton
Henry Maske im Gespräch Jeder verkauft sich auf irgendeine Weise

Zwischen 1993 und 1996 verteidigte Gentleman-Boxer Henry Maske zehn Mal seinen WM-Titel. Im FAZ.NET-Interview spricht er über seinen Weg vom Oberleutnant der Nationalen Volksarmee zum Popstar des deutsch-deutschen Sports. Mehr

10.11.2014, 09:28 Uhr | Sport
Gladbach-Kapitän Stranzl Unser Trainer kann anstrengend sein

Kapitän Martin Stranzl ist einer der Garanten des Gladbacher Erfolgs. Sein drohender Ausfall an diesem Samstag gegen Eintracht Frankfurt (15.30 Uhr) wäre besonders ärgerlich. Im Interview spricht er über Coach Favre und Kramers Eigentor. Mehr

22.11.2014, 12:12 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.01.2013, 17:29 Uhr