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Veröffentlicht: 09.09.2013, 23:34 Uhr

Im Gespräch: Gavin Bryars Manchmal muss man sich die Ohren zuhalten

Der Gesang eines Obdachlosen machte ihn berühmt. Der Komponist Gavin Bryars über englischen Ballettunterricht, Faxe von Merce Cunningham und das Musikhören im Kopf.

© Gautier Deblonde Gavin Bryars komponiert Musik für Opern und Ballettstücke und fürchtet sich nicht davor, unter Zeitdruck zu arbeiten: „Es fokussiert Ihren Geist“

Gavin Bryars, Sie sind ein gefragter zeitgenössischer Komponist von Opern, Kammermusik, Orchesterwerken und Ballettmusik. Eines Ihrer berühmten Werke für Tanz ist 1999 für Merce Cunningham entstanden. Gerade haben Sie selbst in München beim Bayerischen Staatsballett „Biped“ für die dortige Premiere des Stücks mit Ihren Musikern wieder live-elektronisch gespielt. Sie waren früh maßgeblich durch Cunninghams musikalischen Direktor und Partner John Cage beeinflusst. Wie kam es zu dieser Begegnung?

Wie Sie verbindet auch mich eine tiefe Liebe mit der Merce Cunningham Dance Company. Ich traf Merce Cunningham erstmals 1966 in London, bei ihrer zweiten Europatournee. John Cage nahm einige meiner Kompositionen mit sich, und zwei Jahre später arbeitete ich als sein Assistent in den Vereinigten Staaten für ihn.

Wie meinen Sie das, er nahm einige Ihrer Kompositionen mit?

 Ich war mit einigen Freunden in London in der Vorstellung, und wir sprachen über Musik, und John Cage fragte mich, was für eine Art Musik ich schriebe und ob er sie sehen könne. Ich gab ihm einige Stücke, und er archivierte sie an der Universität von Illinois, wo er verschiedene Notationen sammelte. Schreckliche Stücke! Und es ist mir peinlich, dass sie noch existieren, wenigstens eines davon ist illustriert in John Cages Buch „Notations“. Er war sehr charmant. Aber was mich wirklich verblüffte - ich hatte Cages Werk lange Zeit studiert, und ich wusste von seiner Arbeit mit Cunningham -, aber als ich zum ersten Mal die Company tanzen sah, war das eine Offenbarung für mich und veränderte mein Leben vollständig. Ich entschied, dass ich genau das tun wollte, was sie taten. Ich wollte diesen Geist in meiner Arbeit aufleben lassen, insofern das möglich war. Der erste Tanz, den ich sah, war ein Stück namens „Nocturne“, und ich erinnere mich, dass es so wunderschön komplett weiß war, weiße Bühne, weiße Kostüme, weißes Licht, Cage spielte Eric Saties „Nocturne“ auf dem Flügel. Ich erinnere mich auch an das exquisite Solo, das Merce tanzte. Es war unglaublich schön. Nach der Pause kam ich zurück ins Theater, und es gab „Variations V“, das völlig verrückt war. Phantastisch. Ich kam wieder, Nacht für Nacht, ich sah es drei oder vier Mal. An einem Samstag gab Cage auch noch eine Lecture Demonstration, er zog mich vollständig in seinen Bann.

Was verstanden Sie damals unter diesem Geist? Was genau hofften Sie in Ihre Musik übertragen zu können?

Ich weiß es nicht genau, ich hatte Cages Musik gehört, selbst gespielt, ich kannte seine Arbeit. Aber als ich sie zum ersten Mal zusammen mit Tanz erlebte, eröffneten sich mir ganz neue Dimensionen. Damals arbeitete ich noch nicht mit Tänzern, ich kannte noch gar keine, aber das inspirierte mich und gab meinem Schaffen eine neue Richtung. Bis dahin hatte ich als Jazz-Improvisations-Musiker gearbeitet, und an dem Punkt habe ich entschieden, aufzuhören mit dem Improvisieren und ein Komponist zu werden. Es war so außerordentlich, es warf mich schier um.

Haben Sie sich dann sofort Choreographen gesucht zur Zusammenarbeit?

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