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Im Gespräch: Architekt Albert Speer Politiker glauben, unendlich viel Zeit zu haben

Ein guter Planer weiß, die schlimmsten Fehler werden bei einem Großprojekt wie dem Berliner Flughafen am Anfang gemacht.

© Röth, Frank Es gibt keine Sachzwänge: Albert Speer in seinem Frankfurter Büro

Kosten, die ins Unermessliche steigen, haarsträubend schlechte Bauausführung, Bauzeiten, die sich verdoppeln und verdreifachen: Das Desaster des Flughafens Berlin-Brandenburg, Herr Speer, ist ja nur eines von vielen. Ich erinnere nur an die Hamburger Elbphilharmonie, an Stuttgart 21 oder an das anscheinend vergessene Debakel des Berliner Hauptbahnhofs. Bringen wir Deutschen keine Großprojekte mehr zustande, sondern nur noch Pleiten, Pech und Pannen?

Ich glaube nicht, dass es so ist. Das eigentliche Übel liegt darin, dass diese Aufgabenstellungen in ihren Anfangsphasen nicht gründlich genug untersucht werden und dass zu wenig Zeit und Geld in die Vorbereitungen investiert werden. Schon da fallen die Probleme an. Im Anschluss führen dann schlechtes Management, Kompetenzstreitigkeiten verschiedenster Behörden, Hierarchien und unpräzise Vorgaben dazu, dass sämtliche Maßnahmen sich viel zu lange hinziehen und zweitens auch nicht konsequent abgestimmt sind.

Ist dieses als Ordnung getarnte Chaos ein deutsches Phänomen? Die Folge einer Manie, für jede Schraube und jedes Kabel ein Gremium zu bestimmen?

Nein. Das können die anderen oft auch nicht besser. Der Bau des Wiener Flughafens hat auch vier Jahre länger als geplant gedauert. Auch da gab es Riesenquerelen, sind Leute entlassen worden und hat man öffentlich einander Schuld zugewiesen. Es ist, glaube ich, außer der Frage der Organisationsstruktur, das Gefühl der verantwortlichen Politiker und Parlamente, unendlich viel Zeit zu haben. Unser Büro hat bei Großprojekten immer dann die besten Erfahrungen gemacht, wenn es einen festen zeitlichen Rahmen gab. Nehmen Sie zum Beispiel die Allianz-Arena. Fünf Jahre vor der Fußball-Weltmeisterschaft gab es in München kein geeignetes Stadion. Da ist von den Auftraggebern, in diesem Fall von den beiden Vereinen, ein Kompetenzteam eingesetzt worden mit Münchner Rechtsanwälten, uns und vielen anderen. Und wir haben erst mal das Ganze strukturiert, und aus dieser Struktur heraus ist dann innerhalb eines Dreivierteljahres gemeinsam mit dem Münchner Stadtrat die Entscheidung für den Standort gefallen. Wohlgemerkt, nachdem wir zuvor fünfundzwanzig Standorte systematisch untersucht hatten. Beim Berliner Flughafen ist das meines Wissens nie in dem Ausmaß geschehen. Ich bin in Berlin nach der Wende 1990 von der Industrie- und Handelskammer gebeten worden, mich als Flughafenexperte an einem Gremium zu beteiligen. Experte deshalb, weil wir in Frankfurt den ersten Entwicklungsplan für den ganzen Flughafen gemacht hatten. In Berlin wurde dann darüber diskutiert, welche Standorte in Frage kämen. Einige andere und ich waren dafür, den Flughafen weit rauszulegen, sehr viel weiter als der jetzt geplante. Das wäre damals ganz leicht über die großen Infrastrukturprojekte der Deutschen Einheit finanzierbar gewesen, mit dem Transrapid und allem, was dazugehört. Ohne Beeinträchtigung der Bevölkerung und Lärm, ohne Schäden für Naturschutzgebiete und all die Geschichten.

Warum wurde nichts draus?

Das hat die Stadt Berlin politisch nicht gewollt. Die Politiker wollten einen Flughafen auf ihrer Gemarkung. Das haben sie geschafft, wenn auch nur zu einem Teil. Münchens Flughafen liegt nicht auf dessen Gemarkung, Kölns auch nicht. Aber davon ließen sich die Berliner nicht beeindrucken. Die großen grundlegenden Fehler bei diesen gigantischen infrastrukturpolitischen Werken werden am Anfang gemacht.

Ist das ein weiteres Beispiel für die Provinzialität Berlins? Die große Weltstadt, die dann einen so engen Horizont hat?

Ja - und diese Einstellung ist offensichtlich in Berlin geblieben. Wenn Sie jetzt in den Zeitungen die Erklärung der Rechtsanwälte des Flughafenarchitekten Meinhard von Gerkan lesen...

Die Flughafengesellschaft hat ihm ja offiziell den Mund verbieten lassen...

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