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Im Gespräch: Andrzej Stasiuk Willst du frei sein, musst du einen Verrat begehen

 ·  Seine Literatur erzeuge den Eindruck einer permanenten Wanderung, sagt der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk. Ein Gespräch über Reisen, Sterblichkeit und gute Prosa.

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© Anna Weise Vergrößern Wer viel liest, spiegelt sich in mehreren Leben: der polnische Romancier Andrzej Stasiuk

Man sagt, wer viel reist, der lebt mehrere Leben. Dasselbe sagt man über die, die viel lesen. Ein Schriftsteller, der viel reist und viel liest, muss also das Gefühl haben, ein ungemein reiches, intensives Leben zu führen.

Ich habe vor allem das Gefühl, das Leben zu führen, das ich führen will. Aber ich weiß, was Sie meinen, und da ist was dran. Hans Christian Andersen hat einmal gesagt: „Reisen ist Leben, dann wird das Leben reich und lebendig“, und er hat natürlich recht. Nur darf man auch nicht vergessen, dass diese Potenzierung des Lebens durch Reisen am schönsten eben in der Literatur aussieht. Wenn man zum Beispiel meine Bücher liest, hat man den Eindruck einer permanenten Reise, einer ständigen Wanderung. Dabei ist es nur ein literarisches Stilmittel, denn auch bei mir nehmen die Reisen viel weniger Zeit in Anspruch als das normale Alltagsleben, wie bei den meisten Menschen. Das sieht nur in meinen Büchern so aus, als wäre ich ununterbrochen in Bewegung. Aber das ist wiederum der Vorteil der Literatur: Sie potenziert das Reisen.

Wieso reisen Sie eigentlich immer in eine Richtung? Warum ständig in den Osten?

Ich fahre dahin, weil der Kommunismus mich immer noch interessiert. Ich will die Überreste dessen sehen, was mit einem Großteil unseres Kontinents damals passiert ist. Mich interessiert der Mensch als heroisches Wesen, als jemand, der entweder zum Heldentum oder zur Selbstvernichtung neigt. Ich frage mich, was der Mensch imstande ist zu vollbringen - im Namen einer Idee oder einer Einbildung. Und die Antwort darauf finde ich eben im Osten. Der Westen langweilt mich einfach, was nicht abwertend gemeint ist. Ich finde es nur spannender, an die russisch-chinesische Grenze zu fahren und auf der einen Seite zu sehen, wie die Welt einmal gewesen ist, wie der Kommunismus unsere wunderbare Erde verwüstet hat, und gleichzeitig auf die andere Seite, nach China, zu blicken und zu beobachten, wie die Welt in Zukunft aussehen wird. Es ist faszinierend und zugleich erschreckend, die Wüste Gobi vor Augen zu haben und gleich daneben diesen chinesischen Drachen, der seine ganze Kraft sammelt, um uns zu schlucken. Dort passieren wirklich große, epische Dinge, all das, wovon gute Prosa lebt. Deswegen zieht es mich immer wieder hin.

Apropos „Es zieht mich hin“: Sie sind in Warschau aufgewachsen, leben aber seit Jahren in einem Dorf in den Beskiden. Leiden Sie nicht manchmal an einer Zerrissenheit?

Eigentlich nicht. Erstens, ich bin ein Bauer, in dem Sinne, dass Polen grundsätzlich eine bäuerliche Zivilisation hat. Selbst die frühere Oberschicht führte am liebsten ein Landleben, der Adel auf seinen Gutshöfen und die Magnaten in ihren Ländereien. Das Bürgertum war eine fremde Erfindung, etwas, das aus Deutschland importiert wurde. Und zweitens, meine Eltern kamen aus einem Dorf. Sie waren Produkte der großen kommunistischen Migration, der Zwangsumwandlung der menschlichen Gattung, die aus Bauern Arbeiter machte und sie in den Städten ansiedelte. Deswegen lebten sie in Warschau. Doch ursprünglich kamen sie aus einem Dorf, das so war wie alle polnischen Dörfer damals - schön, malerisch, rückständig und etwas unheimlich.

Das ganze Grochów, dieser Stadtteil von Warschau, in dem Sie aufgewachsen sind und der dem Original Ihres neuen Buches den Titel gibt, bestand aus solchen Menschen wie Ihre Eltern und hatte diesen städtisch-dörflichen Charakter.

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