http://www.faz.net/-gqz-79ct4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.05.2013, 16:19 Uhr

Giorgio Agamben im Gespräch Die endlose Krise ist ein Machtinstrument

Ein lateinisches Imperium gegen die deutsche Dominanz? Der italienische Philosoph und Zeitdiagnostiker Giorgio Agamben erläutert seine vieldiskutierte These. Er sei missverstanden worden.

© privat Ein Mann, der den tief reichenden Wurzeln der politischen Ordnung der Gegenwart nachgräbt und dabei alte Texte mit aktuellen Fragen zusammenbringt: Giorgio Agamben vor weiter Aussicht aufs Meer

Professore Agamben, als Sie im März die Idee eines „lateinischen Imperiums“ gegenüber der germanischen Dominanz in Europa ins Gespräch brachten - konnten Sie sich da die gewaltige Resonanz Ihrer These vorstellen? Ihr Aufsatz wurde inzwischen in etliche Sprachen übersetzt und wird auf dem halben Kontinent leidenschaftlich diskutiert ...

Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber ich glaube an die Kraft des Wortes, wenn es im richtigen Moment gesagt wird.

Liegt die Bruchstelle in der gegenwärtigen Europäischen Union tatsächlich zwischen den Ökonomien und Lebensweisen im „germanischen“ Norden und im „lateinischen“ Süden?

Ich möchte gleich klarstellen, dass meine Thesen journalistisch zugespitzt und dabei verfälscht wurden. Nehmen wir die Überschrift „Das lateinische Reich soll einen Gegenangriff starten“. Der Satz stammt aus der Redaktion von „Libération“ und ist von deutschen Medien übernommen worden. Das habe ich so nie gesagt. Wie könnte ich die lateinische Kultur der deutschen entgegenstellen, wo doch jeder intelligente Europäer weiß, dass die italienische Kultur der Renaissance oder des klassischen Griechenlands heute mit vollem Recht auch zur deutschen Kultur gehört, die sie neu durchdacht und sich angeeignet hat!

Also kein dominantes „lateinisches Reich“? Keine unkultivierten Deutschen?

In Europa liegt die Identität jeder Kultur immer schon an den Grenzen. Ein Deutscher wie Winckelmann oder Hölderlin kann griechischer sein als ein Grieche. Und ein Florentiner wie Dante kann sich genauso deutsch fühlen wie der schwäbische Kaiser Friedrich II. Genau darin besteht ja Europa: in dieser Einzigartigkeit, die immer wieder die nationalen und kulturellen Grenzen überschreitet. Das Ziel meiner Kritik war nicht Deutschland, sondern die Weise, in der die Europäische Union konstruiert wurde, nämlich auf ausschließlich ökonomischer Basis. So werden nicht nur unsere spirituellen und kulturellen Wurzeln ignoriert, sondern auch die politischen und rechtlichen. Wenn eine Kritik an Deutschland herauszuhören war, dann nur, weil Deutschland aus seiner dominierenden Position heraus und trotz seiner außergewöhnlichen philosophischen Tradition momentan unfähig erscheint, ein Europa zu denken, das nicht allein auf Euro und Wirtschaft beruht.

In welcher Weise hat die EU ihre politischen und juristischen Wurzeln verleugnet?

Wenn wir heute von Europa sprechen, haben wir es mit der gigantischen Verdrängung einer peinlichen und dennoch offenbaren Wahrheit zu tun: die sogenannte Verfassung Europas ist illegitim. Über den Text, der unter diesem Namen durchgehen sollte, wurde nie von den Völkern abgestimmt. Oder wenn er zur Wahl stand wie in Frankreich oder Holland im Jahr 2005, dann wurde er frontal abgelehnt. Juristisch betrachtet, geht es hier also nicht um eine Verfassung, sondern im Gegenteil um einen Vertrag zwischen Regierungen: internationales Recht, kein Verfassungsrecht. Erst jüngst hat der hochangesehene deutsche Jurist Dieter Grimm daran erinnert, dass einer europäischen Verfassung das grundlegende, das demokratische Element fehlt, weil die europäischen Bürger nicht darüber entscheiden durften. Und nun hat man das ganze Projekt der Ratifizierung durch die Völker stillschweigend auf Eis gelegt.

Das ist wohl die berühmte „demokratische Lücke“ im System Europas ...

Die sollten wir nicht aus dem Auge verlieren. Die Journalisten, vor allem in Deutschland, die mir vorgeworfen haben, nichts von Demokratie zu verstehen, sollten einmal darüber nachdenken, dass die EU eine zwischenstaatliche Vertragsgemeinschaft ist, die sich mit einer demokratischen Verfassung verkleidet. Die Idee einer verfassunggebenden Gewalt Europas ist ein Gespenst, das heute niemand mehr zu beschwören wagt. Aber erst mit einer gültigen Verfassung könnten die europäischen Institutionen ihre Legitimität wiedererlangen.

Für Sie ist die Europäische Union also eine illegale Veranstaltung?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Osteuropäische Identität Die Eingeklemmten

In der Bredouille zwischen Putin und Conchita Wurst: Ein bulgarischer Philosoph und ein österreichischer Historiker erklären, warum viele Osteuropäer dem Westen nicht mehr nacheifern wollen. Mehr Von Michael Martens

25.05.2016, 14:19 Uhr | Feuilleton
Kathmandu Ausschreitungen bei Protesten in Nepal

In der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu ist es am Montag bei einer Demonstration zu Ausschreitungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Die Proteste der ethnischen Minderheit der Madhesi richten sich gegen die neue Verfassung. Mehr

16.05.2016, 12:13 Uhr | Politik
Bauernmolkerei-Chefin Produzenten müssen handeln

Bio-Bauern freuen sich, anders als ihre konventionellen Kollegen, über stabil hohe Milchpreise. Karin Artzt-Steinbrink, Geschäftsführerin der Upländer Bauernmolkerei, über die Milch-Krise und Gefahren für den Biomarkt. Mehr

26.05.2016, 11:04 Uhr | Rhein-Main
Energiepolitik Ist Deutschland mit seinem Atomausstieg auf dem Holzweg?

Nein, sagt Raffaele Piria von dem Beratungsinstitut adelphi. Der Experte für europäische Energiepolitik geht davon aus, dass der Anteil der Atomenergie in Europa in den kommenden 20 Jahren massiv abnehmen wird. Mehr

26.05.2016, 15:05 Uhr | Wirtschaft
Riads Außenminister Predigt ein Imam Intoleranz, sollte man seinen Status annullieren

Saudi-Arabiens Außenminister Adel al Jubeir rät im Interview mit der F.A.Z. dazu, Imame in Deutschland zu kontrollieren. Für die Instabilität im Nahen Osten sieht er einen klaren Hauptverantwortlichen. Mehr

28.05.2016, 17:16 Uhr | Politik