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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Aqua alba“ von Wolfgang Hilbig

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Bild: F.A.Z.

Das „weiße Wasser“ ist nicht nur der Name für magisches Mondlicht, sondern auch für die reißende Strömung der Seele. Eine romantische Nachtphantasie von Wolfgang Hilbig.

          Wenn Wolfgang Hilbig schreibend im „Traumbuch der Moderne“ blätterte, blieb er mit allen zehn Fingern der Erde verbunden. Surrealistisch werden seine Gedichte oft genannt, tatsächlich aber verlieren sie selten die Bodenhaftung. Das „meer in sachsen“ zum Beispiel, Hilbigs frühes Poem über die heimatlichen Landschaften des sächsischen Tagebaus, ist eine phantastisch anmutende Metapher, bezieht sich aber auf reale, erdgeschichtliche Vorgänge: „katastrophen im tertiär pressten/das meer in die kohle“, dichtete Hilbig.

          Auch bei der romantischen Nachtphantasie „Aqua alba“ aus dem Jahr 2000 (Gedichttext im Kasten unten) handelt es sich nicht nur um ein Traum- oder Rauschbild: Hilbig malt die Kunstformen der Natur aus. Wer schon einmal erlebt hat, wie das Mondlicht die Umgebung in eine stille Unterwasserwelt verwandelt, weiß das. Die elegische Melancholie des Tons, der Zauber der Bilder und der Wellenschlag der freien Rhythmen bringen eine Schönheit hervor, die Fluchtort und Gegenwelt sein könnte zur lärmenden Ruhelosigkeit der Tagwelt über Wasser. Wären da nicht die Abgründe zwischen den Zeilen.

          „Aqua alba“, weißes Wasser, ist nicht nur ein Name für das magische Mondlicht. Man nennt so auch Wasser, das in einer reißenden Strömung schäumt. Ihm ist das vierte Element zugesetzt: die Luft. Sie fehlt unter Wasser. Die Stille und heilsame Abkehr vom täglichen „antwortlosen Lärm“ ist nur um den Preis der Atemnot zu haben, der existentiellen Sehnsucht nach dem Tag.

          Frankfurter Anthologie : Wolfgang Hilbig: „Aqua alba“

          Der das Gedicht spricht, folgt zwar dem Weg durch die Unterwasserwelt, darf aber nicht Teil von ihr sein. Sie ist sein flüchtiges Exil, das in der Sprache entsteht und in der Sprache behaucht ist, bringen doch die h-Laute Hilbigs Verse zum Schweben und weisen eine Zukunft, in der sich „endlich“ der Wunsch nach Ankunft und Beständigkeit erfüllt. - Den nächtlichen Ausnahmezustand, die Unterwasserwelt der Fische, verlängert das Leuchten der Hortensien in den Tag. Nacht- und Tagwelt verbinden sich, und auch die Elemente finden im Namen und Bild der Hortensien zueinander, Wesen der Luft: Für die Erde steht der Garten (lat. hortus), das Wasser verbirgt sich im Gattungsnamen „Hydrangea“ und das Feuer im Phosphorleuchten der Blüten.

          Tröstung für Einzelgänger

          Eine archaische Harmonie also, die sich Hilbig in einer Zeit entwirft, in die er selbst nicht mehr zu passen meinte? „Aqua alba“ gehört nämlich zu den „Bildern des Erzählens“, aus denen auch alle nicht anders bezeichneten Zitate in diesem Text stammen. Sie sind 2001 anlässlich seines sechzigsten Geburtstags, sechs Jahre vor seinem Tod erschienen. Der Band versammelt Gedichte des Abschieds, geschrieben von einem Dichter auf Rückzug: „Und nun erscheint das Abendlicht: die Zeit sich fortzustehlen“, beginnt das erste Gedicht. Die Wasserwelt begegnet einem in diesen Texten keineswegs nur als Sehnsuchtsort, sondern ist auch ein Bild für eine bedrohliche Haltlosigkeit: „ich schwimme durch meine Gedanken die ich nicht mehr beherrsche“, schreibt Hilbig im Titelgedicht des Bandes und berichtet in dem späten, nachgelassenen Prosafragment „Die Nacht am Ende der Straße“ von einer quälenden Schreib- und Lebenskrise, der „Totenstille im Gehirn“ und dem Fremdheitsgefühl gegenüber der Sprache seiner Zeit.

          Nein, unter Wasser, wo „Klingen aus Licht“ zucken und dem Gezücktwerden vielleicht nicht fern sind, ist keine Rettung zu finden. Und auch die Hortensien täuschen die sichere „Heimstatt“ über der Wasserlinie, am Tageslicht nur vor. Ernüchternd wirkt schon die Syntax, die Hilbig im ersten Teil des Gedichts noch der Alltagssprache entrückt, im zweiten Teil aber der Prosa annähert. Ein klagender Laut wie das „Ach“, mit dem er dieses hoffnungsvolle Gedicht eröffnet, trägt Resignation in sich. Sie hat ihren Grund in der Flüchtigkeit, die auch dem Blühn eingeschrieben ist, in der Gefahr, die das giftige, an der Luft entflammbare Phosphor verspricht und in der Flucht, die die Fische am Ende eben doch ergreifen und damit die Tagwelt als tödliches Gefängnis erscheinen lassen.

          Im Schwarm, heißt es, gibt es immer auch einige, die an den Rand streben und die schützende Mitte fliehen. Hilbig kannte solche Einzelgänger gut, die eher von den passiven Elementen Erde und Wasser angezogen werden und sich doch nach der Aktivität von Luft und Feuer voller Schuldgefühl verzehren. Er widmete ihnen sein Lebenswerk. Sie finden den Weg in den Tag nicht mehr, die tröstende „Gemeinsamkeit“ - nicht zufällig steht sie in der Mitte des Gedichts ganz allein - ist ihnen versagt. Die Quintessenz, die das weiße Wasser des Realisten Hilbig seinen Lesern mal verdeckt, mal frei spült: Verloren und ohne Trost bleibt der „Bruder der Nacht“.

          Aqua alba

          Ach der ganze Garten überschwemmt vom Mond -
          und Schwärme von Fischen am Weg
          wie Federn leicht wie zuckende Klingen aus Licht.
          Sie kennen sich aus sie kennen den Trost
          der Gemeinsamkeit.
          Und die weißen Hortensien blühn die ganze Nacht -
          noch wenn der Mond in seinen Abgrund steigt
          leuchten sie weiter: wie Phosphor weiß und grün
          und Wassergeister
          wenn die Fische durch den Zaun entfliehn
          haben endlich Heimstatt hier in diesem Blühn.

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