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Gedanken eines werdenden Vaters Lasst mich bloß nicht hängen!

 ·  Gefährdet die Feindiagnostik mein Baby? Lässt der Verzehr von Fischöl sein Gehirn schön groß werden? Und wenn es erst einmal auf der Welt ist: Babybjörn oder Tragetuch? Helft mir!

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© Agentur Bilderberg Mit den Kindern kommen die Fragen: Im indischen Orissa setzt man jedenfalls ganz auf selbstgemachte Wiegen

In sechs Wochen kommt mein erstes Kind zur Welt, und ich habe keine Ahnung, wie ich es von A nach B bekommen soll, ohne es dabei zu verletzten oder zu töten. Und diese Frage gehört noch zu den leichtesten.

In ihrer Kinderwagen-Untersuchung fand die Stiftung Warentest in jedem der geprüften Wagen Giftstoffe. Für Puppenkinderwagen würden strengere Vorschriften gelten, so die Tester. Spielzeug muss Grenzwerte für Weichmacher einhalten, ein Kinderwagen nicht. Wenn die Stiftung Warentest zu diesem Urteil kommt, fällt es einem natürlich schwer, einen Kinderwagen auszuwählen. Aber darf ich das Kind überhaupt rollen? Oder ist es dann nicht zu weit weg von mir? Ein Baby braucht doch Körperkontakt. Also lieber doch eine Babytrage? Der klassische Babybjörn?

“Ein Babybjörn geht gar nicht“, sagt meine Bekannte S., mit zwei Kindern die erfahrenste Mutter in unserem Freundeskreis. Tatsächlich schreibt eine wütende Mutter, sie habe die Trage in den Müll geschmissen, weil sie es „moralisch nicht vertreten konnte, das Teil bei Ebay zu versteigern“. Wirbelsäule und Hüfte des Kindes würden geschädigt.

Ich will nicht gegen den Rat meiner Hebamme handeln

“Ja“, bestätigt unsere Hebamme, „Babybjörn ist nicht gut.“ Stattdessen soll man ein Tuch benutzen.

“Tücher sind ganz furchtbar“, sagt S. „Da musst du Knoten können wie ein Seemann.“

Ein Seemann bin ich ganz und gar nicht. Das Kind würde sicher stürzen. Aber gegen den Rat meiner Hebamme will ich nicht handeln. Wer jetzt spottet, der soll das ruhig tun.

Kein Schwangerschaftslaie kann sich vor einer Schwangerschaft vorstellen, was an Entscheidungen auf einen zukommt. Das Entscheidungsdilemma wird ihn spätestens dann erwischen, wenn er dieses kleine Blinken auf dem Ultraschallmonitor sieht. „Das ist der Herzschlag“, sagt einem eine freundliche Medizinerstimme, und von diesem Moment an ist man der vorsichtigste Mensch der Welt.

Sollte ich mich jemals entscheiden können, wie ich mein Kind hin- und herbefördern will, kommt die nächste Frage auf mich zu: In welche Richtung soll es schauen? S. sagt: „Das Baby schaut zu mir, das ist doch ganz natürlich!“ Der Anthropologe Jared Diamond hingegen geht in der Erziehung seiner eigenen Kinder anders vor und erzählte neulich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, dass in Papua-Neuguinea die Kinder mit dem Blick nach vorne getragen würden. „Sie bekommen dann das Gefühl, die Welt zu beherrschen.“

„Natürlich“ ist heute das Schlüsselwort

Tatsächlich haben schon vor zwanzig Jahren Anthropologen des Max-Planck-Instituts in Papua-Neuguinea erforscht, wie es sein kann, dass die Kindersterblichkeit unter annähernd steinzeitlichen Bedingungen deutlich niedriger ist als in vielen entwickelteren Ländern. Es erwies sich, dass die Kinder dort unter optimalen Bindungsbedingungen lebten. Nie fühlten sie sich allein gelassen und durften doch selbständig die Welt erkunden.

Schreien die Kleinen, nimmt sie der nächststehende Erwachsene hoch, und trägt ihn an seiner Hüfte umher. Und eine gesunde Psyche führt zu einer gesunden Physis. So wunderbar nachvollziehbar es klingt, dass es für ein kleines Kind am besten ist, wenn es, sobald es sich grämt, von einem Erwachsenen an die Hüfte genommen wird, so fern liegt es mir, mein Ungeborenes auch nur im Geist den Hüften meiner mir völlig unbekannten Nachbarn anzuvertrauen.

Natürlich ist heute das Schlüsselwort. Im Großen und Ganzen soll man sein Kind wie in der Steinzeit aufwachsen lassen, jahrelang Stillen (wie etwa die im Amazonasdschungel lebenden Yanomami, die dies für drei, vier Jahre machen) immer in seiner Nähe sein, eine Idee von bestechender Logik. Der einzige Haken daran: Ich lebe nicht im Dschungel, meine Höhle kostet Miete. Und Yanomami töten einander zwar ständig, haben jedoch keine Deadlines.

Konflikte, Fragen und Abkürzungen

So kommt es zum Konflikt: zwischen dem, was für das Kind (vermeintlich) am besten ist, und der Realität. Und den eigenen Bedürfnissen. Gerade bei der Frage, wo das Kind denn schlafen soll und wie lange man es zu stillen hat. Kinderzimmer, so die einen, seien eine Erfindung der Moderne, des Militarismus und Industrialismus. Natürlich sei es, das Kind immer bei sich zu haben. Also solle das Neugeborene im Bett neben der Mutter schlafen.

Das verhüte auch den Plötzlichen Kindstod, weil die Mutter instinktiv selbst im Schlaf die Atmung des Kleinen wahrnehme. (Und eben nicht drüberrolle, wie jeder denkt, der die Bibel gelesen hat: „Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt“, 1 Kön 3,16~ 28.) Anders sieht es eine Nutzerin der zahlreichen Elternforen: Das Schlimmste sei es „mit dem baby im bett zu schlafen, da man dem baby den nötigen sauerstoff wegatmet und das fördert den pl.kindstod“. In diesen Foren wird grundsätzlich alles abgekürzt, man hat nicht viel Zeit, schließlich muss man so viele Fragen klären.

Soll man den ET im KH wahrnehmen oder im GH? Stillen oder Fläschchen, Feindiagnostik oder nicht, gefährdet Ultraschall den Fötus oder beruhigt er die ängstliche Mutter, macht Fischöl das Gehirn schön groß oder das Kind zu fett, ist Fremdbetreuung in Ordnung? Und: Schmerzmittel oder nicht? Wenn man sich für eine PDA entscheidet, springen die körpereigenen Endorphine nicht an. Die PDA nimmt dem Ungeborenen nicht den Schmerz, nur der Mutter - die Endorphine jedoch machen es ihm leichter.

Über 5.000 Bücher zum Thema Baby

Verzichtet die Mutter also auf Schmerzmittel, wird die Geburt für den Säugling erträglicher, ihre Schmerzlosigkeit wiederum geht auf seine Kosten. Über 5.000 Taschenbücher zeigt Amazon zum Thema Baby an, mehr als 4.700 (wobei es Überschneidungen gibt) zum Thema Geburt. So viel gibt es zu entscheiden, dass man unbedingt den Rat erfahrener Buchautoren braucht. Allein: Für welches soll man sich entscheiden? Baby in Balance? Papa To Go: Schnellkurs für werdende Väter? Das Schmuse-Wickel-Buch? Achtung Baby!? Der werdende Vater - Anleitung zur perfekten Vaterschaft?

Es würde fünf Schwangerschaften dauern, alle Bewertungen bei Amazon zu lesen, ach was: um überhaupt alle Titel zu erfassen. Wie soll man da noch ein perfekter Vater werden können und mit den Worten des Chansonniers Fils gegnerischen Eltern entgegensingen: „Mein Kind ist geiler als dein Kind“?

Da ich im Grunde, abgesehen von einigen nervlichen Schwächen, zu einem gesunden Mann gereift bin, greife ich zum Tagebuch, das meine Mutter nach meiner Geburt geführt hat. Sie hat schließlich vorgemacht, wie man Kinder großzieht. Dort entdecke ich, dass ich nie geliebt worden bin. Meine Mutter hat mir schon im ersten Monat meines Lebens Möhrensaft gegeben. Keine Muttermilch! Dafür kommt man heute vermutlich (zu Recht) in den Knast. Aber wahrscheinlich meinte es meine Mutter gut bei dem Versuch, mich zu ermorden. Sie wird gedacht haben, sie tue mir mit Milupa etwas Gutes. So wie die Großmutter meines Freundes B., die sagte, Stillen sei etwas „für Polenweiber“.

Warum mache ich mir dann überhaupt noch Gedanken?

Nun mag man argumentieren, mir habe das viel zu frühe Zufüttern schließlich nicht geschadet - aber auch die meisten Kettenraucher gebären gesunde Kinder. Kinder kommen in Bürgerkriegen zur Welt und während Hungersnöten - bei den Entscheidungen, die wir treffen, geht es allein um Risiko. Ausgerechnet vom Jahr meiner Geburt an sank die Sterberate ganz besonders dramatisch. Der Staat organisierte mehr Vorsorge, von Anfang der achtziger Jahre an wurde schließlich Ultraschall eingesetzt. Und so ist das Risiko von uns Vorsichtigen mit Hilfe von Staat und Medizin deutlich reduziert worden. 2011 starben in Deutschland von 1.000 Säuglingen drei bis vier im ersten Lebensjahr. Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht, was das für ein Erfolg ist.

1870 starb noch etwa jedes vierte Kind. Das war eine mehr als doppelt so hohe Kindersterblichkeit wie im heutigen Afghanistan, dem Land, in dem weltweit die häufigsten Todesfälle von Säuglingen zu beklagen sind. Man hatte keine Ahnung, was im Mutterleib oder während der Geburt geschieht. So erklärte noch 1896 das medizinische Lehrbuch des Naturheilkundlers und Reibesitzbaderfinder Louis Kuhne, man müsse, um dass Kindbettfieber zu verhüten, durch die Geburt zum Gären gebrachte Fremdstoffe „aus dem Körper herausschaffen, was am schnellsten durch die Reibesitzbäder möglich ist“. Selbst zwischen dem Jahr 2000 und heute verbesserte sich die Gesundheit in Deutschland zur Welt gekommener Säuglinge noch einmal: Damals starben noch knapp fünf von 1000 Kindern unter einem Jahr.

Warum mache ich mir dann überhaupt noch Gedanken? Wie sehr auch immer Familien früher unter dem Tod ihrer Kinder gelitten haben - ändern konnte daran doch niemand etwas. Es walteten die Kräfte der Natur. Wenn es so wahrgenommen wird, als könne eigentlich nur noch etwas passieren, wenn ich rauche, das Falsche esse, mit der Hygiene schlampe oder einen Arzttermin schwänze (tatsächlich wäre die Hälfte aller noch auftretenden Totgeburten vermeidbar durch Nikotinverzicht, Einhalten der Vorsorgetermine und Achtgeben auf Infektionen, aber der Rest ist unerklärlich), mache ich mich verdächtig, wenn dann etwas passiert.

Julie Jomeen, Professorin für Hebammenwissenschaft an der Universität Hull, weist zudem darauf hin, dass die Minderung des realen allgemeinen Risikos nicht mit einer Minderung der persönlichen Risikoerwartung einhergeht. Schaue ich etwa in der 14. Schwangerschaftswoche auf den Bildschirm, ist das Kind entweder tot oder es lebt. Das einprozentige Risiko erlebe ich als 50:50. Und dann gibt es noch das Paradox der Wahl. Der amerikanische Psychologe Barry Schwartz hat darüber ein Buch geschrieben, große Entscheidungsfreiheit bringt es mit sich, dass der Entscheider unzufrieden mit seiner Wahl ist; wer durch den langen Ausleseprozess gegangen ist, bei dem eine Unzahl von Parametern gegeneinander abgewogen wurde, erwartet kein zufriedenstellendes, sondern ein perfektes Ergebnis.

Kann man sich entscheiden zwischen anthroposophischen Krankenhäusern, Hausgeburten, Kaiserschnitt im High-Tech-Klinikum, Geburtshäusern und Wassergeburten, dann bringt das durchschnittliche Geburtserlebnis leicht nicht die erwarteten Glücksgefühle.

Die realistische Einschätzung der Geburt ist einer Querschnittsstudie (More in hope than expectation) zufolge wesentlich für die Zufriedenheit der jungen Mütter. Die meisten unterschätzen die Schmerzen, viele glauben, sie kämen ohne Schmerzmittel durch die Geburt, halten es dann aber nicht aus - und fühlen sich als Versagerinnen. Gerade gebildete Frauen möchten die Geburt ihres Kindes bewusst erleben, inklusive dem versprochenen Glücksrausch, den die natürliche Geburt mit sich bringen soll. „Die Entscheidung für ein Geburtshaus“, so Jomeen, „wird von den Frauen wahrgenommen, als konsumierten sie eine bestimmte Geburtsphilosophie und maximierten so das Potential des Goldstandard-Geburtserlebnis.“

Ich kann mich nicht entscheiden

Die natürliche Geburt als der Goldstandard der gebildeten Frau - so geht also in manchen Milieus der Trend zur Bio-Geburt. Alles natürlich, daheim, ohne Medikamente. Es ist wie beim Essen. Alle reden vom Ökotrend, aber immer weniger Menschen können überhaupt kochen. Und so geht der echte Trend beim Gebären, der Weg, den der Mainstream eingeschlagen hat, zum Kaiserschnitt: Jedes dritte Kind kommt in Deutschland mittlerweile auf diese Art zur Welt, noch 1995 war es nicht einmal jedes fünfte.

Die Feindiagnostik in der 20. Schwangerschaftswoche, früher vorbehalten für Risikopatientinnen, ist in den Bundesländern, wo sie von den Kassen bezahlt wird, mittlerweile Standard. Die letzte Chance, Fehler der Natur auszubessern. Die erste wäre die Fruchtwasseruntersuchung. Wer möchte schuld sein, ein Kind mit Trisomie 21 zur Welt zu bringen? Meine Frau und ich tendierten vor der Feindiagnostik zum Behalten, weil wir das kleine blinkende Herz so mochten. Aber wer kann so eine Entscheidung schon hypothetisch treffen? Neunzig Prozent der Frauen, bei denen zwischen 12. und 14. Woche die Fruchtwasseruntersuchung auf Trisomie 21 hindeutet, treiben das Kind ab. Der Test selbst aber ist gefährlich. Der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zufolge verliert etwa ein Prozent der Frauen durch den Eingriff ihr gesundes Kind.

Das Risiko, ein gesundes Kind durch die Fruchtwasseruntersuchung zu töten, ist bei einer Frau Mitte dreißig viermal so groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass bei ihrem Kind die gefürchtete Trisomie 21 festgestellt wird. So kommt es zu der paradoxen Situation, dass Vorsicht töten kann. Und man will doch nur, dass alles supergut wird.

In einer Studie in den neunziger Jahren wurde 1200 Frauen gesagt, es gebe ein Gen, das für Übergewicht verantwortlich sei. Zwanzig Prozent der Frauen sagten, sie würden in einem solchen Fall abtreiben. Die vielbeschworene Mündigkeit des angeblich so gern gesehenen mündigen Patienten hat ihre Grenzen darin, dass der Patient eben kein Gynäkologe ist (und auch kein Genetiker). Mündigkeit wird zum Zwang. Will ich unmündig sein? Ich kann mich nicht entscheiden. Immer mehr wird medizinisch möglich, manches Wunder wird wahr, manches Überflüssige machbar, manches Gefährliche umgesetzt. Es bleibt viel zu entscheiden. Man müsste entscheiden können, welche Fragen albern sind und bei welchen es womöglich um Leben und Tod geht. Das wenigstens.

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