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Frankreichs Sommerbestseller Amazonen im Elysée-Palast

Gefährliche Liebschaften: Frankreichs führender Medienjournalist Renaud Revel vom Nachrichtenmagazin „L’Express“ blickt durchs Schlüsselloch ins Elysée. Sein Buch „Die Amazonen der Republik“ ist der Sommerbesteller dieses Jahres.

© REUTERS Vergrößern Symptom der französischen Elite: Der frühere Spitzenpolitiker Dominique Strauss-Kahn mit seiner Frau, der Starmoderatorin Anne Sinclair, in New York

Was wäre aus dem Elysée geworden, dem Palast des französischen Präsidenten, wenn Dominique Strauss-Kahn dort Einzug gehalten hätte? Bis zu den New Yorker Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihn war die Vorstellung ziemlich realistisch. In Handschellen wurde der Chef des Internationalen Währungsfonds ins Gefängnis abgeführt, monatelang machte der Fall Schlagzeilen. Juristisch konnte Strauss-Kahn in den Vereinigten Staaten den Fall mit einer Millionenzahlung beilegen. In Frankreich läuft noch immer eine Anklage wegen „bandenmäßiger Zuhälterei“ gegen ihn.

Für Renaud Revel, den Chef der Medienredaktion beim französischen Magazin „L’Express“, handelt es sich bei der Affäre Dominique Strauss-Kahn um die pathologische Spitze eines Eisbergs. Kaum weniger groß war ihm zufolge der Frauen-Verschleiß von François Mitterrand und vielleicht noch zynischer dessen Umgang mit den Geliebten. „Das Elysée, ein Bordell?“: Renaud Revel stellt die Frage gleich auf den ersten Seiten seiner Bestandesaufnahme „Les Amazones de la République“ (Editions First, 320 Seiten, 19,95 Euro). Er beantwortet sie ganz direkt mit Henry Kissinger, der die Macht als Aphrodisiakum bezeichnet, und anschließend mit vielen, vielen Anekdoten. Das Buch wird vom Verlag mit dem Slogan „Sex und Journalistinnen im Elysée“ beworben und steht auf den Bestsellerlisten dieses Sommers. Obwohl es in den Medien kaum erwähnt und von den seriösen Zeitungen nicht besprochen wurde. Offensichtlich funktioniert die Omerta, an deren Beendigung man nach den Affären um Strauss-Kahn glauben durfte, wieder bestens.

Das Schweigen der Eliten

Wer sich von dem Buch pikante Geschichten erhofft, die anderswo nicht zu lesen sind, wird nicht enttäuscht. Schon zu Anfang erzählt der gut informierte Autor, wie Mitterrand auf die Journalistin Florence Schaal aufmerksam wurde und wie er sie zu verführen versuchte. Andere Journalistinnen fuhr er nach politischen Veranstaltungen im Auto nach Hause und soll ihnen im Fonds des Wagens an die Wäsche gegangen sein. Über seine Eroberungen führte er, so Revel, eine kalte Statistik, anders als Jacques Chirac, der romantischer veranlagt gewesen sein soll, in dessen Umkreis aber dennoch das geflügelte Wort „Eine Viertelstunde, Dusche inklusive“ die Runde machte. Ein Frauenheld war auch Giscard d’Estaing, und in Sachen Sarkozy erzählt Renaud Revel die Geschichte seines mutmaßlichen Verhältnisses mit Laurence Ferrari, die dank ihm Tagesschaumoderatorin bei Europas größtem Privatsender tf1 wurde. Als mitten im Wahlkampf seine Frau Cécilia aus der gemeinsamen Wohnung auszog, soll er sich mit Anne Fulda, einer Journalistin des „Figaro“, getröstet haben. Carla Bruni machte sich später einen ironischen Spaß daraus, die kurzzeitige Gefährtin mit anderen Medienleuten ins Elysée einzuladen. Fulda habe sich rein gar nichts anmerken lassen, immerhin hatte Sarkozy sogar ihren Eltern die Heirat versprochen.

Damit dürfte die These Renaud Revel ausreichend belegt sein, der ansonsten sehr darauf bedacht ist, keine Prozesse zu provozieren – die französische Gesetzgebung zum Schutz der Privatsphäre ist sehr streng und in gewisser Hinsicht vorbildlich. Allerdings wurde sie systematisch missbraucht. Politiker und Journalisten waren über Mitterrands zweite Frau und seine Tochter Mazarine informiert, die auf Staatskosten versteckt wurde, doch sie hielten sich bedeckt. Auch die Gewohnheiten Strauss-Kahns in Paris waren bestens bekannt. Der Journalist Jean Quatremer hatte vor seinem Amtsantritt in Washington vorausgesagt, welche Risiken dem brillanten Ökonom in den Vereinigten Staaten drohten. In seiner Zeitung „Libération“ konnte er es allerdings nicht schreiben, nur in seinem Blog waren die Anmerkungen zu finden. Und trotzdem hat die gesamte Elite aus Politik und Journalismus auf Strauss-Kahns Verhaftung entgeistert reagiert – und sich der Wahrheit lange verweigert. Man wolle keine Zustände wie im prüden Amerika, so lautete noch der harmlosere Reflex. Vielfach wurde die im Raum stehende Vergewaltigung sogar heruntergespielt.

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