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Gedicht, Interpretation, Lesung „Wie die Vögel“ von Rainer Maria Rilke

Kein nachbarocker Dichter hat das Virtuose der deutschen Lyrik so rehabilitiert wie er. In seinem Gedicht „Wie die Vögel“ nimmt Rainer Maria Rilke sogar unsere Filmerfahrung vorweg.

Darf man bei Rilke an Alfred Hitchcock denken? Man darf. Denn das ist ein Teil der Wunderkraft von Gedichten, dass sie vom freien Assoziieren leben, von den Bildern und Worten, die wir im Schatzhaus der Erinnerungen aufbewahrt haben und auf den leisesten Wink hin auf- und abrufen können, wie hergeholt sie für andere auch immer wirken mögen. Wenn daher von Glockenstühlen die Rede ist und man den Vers liest „in die Morgenluft gestoßen“, dann kann es eben passieren, dass einem Nachgeborenen der berühmteste Glockenstuhl der Filmgeschichte in den Sinn kommt, zusammen mit James Stewart und Kim Novak, und dann fällt sie, und er lehnt sich vor und sieht sie am Boden liegen, und die Glocken läuten, als ob sie sich selbst erschrocken hätten.

Glocken waren seit eh und je dazu da, an etwas zu erinnern. Goethe hat über das säumige Kind eine seiner eindringlichsten Balladen geschrieben und Schiller, wie wir wissen, sozusagen einen ganzen Roman. Glocken gehören für uns zum Kirchlichen, das zwar selbst immer weniger zu uns gehört, aber sie zählen immer noch die Stunden, und die vergehende Zeit kann nach wie vor Anstoß zu religiöser Erfahrung sein. Rainer Maria Rilke - kein Dichter trug je einen derart unvergleichlich bedeutenden Namen - hat sich mit keinem Denkkreis so forschend auseinandergesetzt wie dem christlichen. Man möchte meinen, dass ihm kein Glockenschlag entgangen ist.

Thomas Huber liest „Wie die Vögel“ von Rainer Maria Rilke Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© DPA, F.A.Z. Vergrößern Thomas Huber liest „Wie die Vögel“ von Rainer Maria Rilke

Keiner der nachbarocken Dichter hat das Virtuose der deutschen Lyrik so rehabilitiert wie er. Keiner konnte wie er das Zwingende von Anklängen, Übergängen, Enjambements so geschmeidig handhaben, ja, niemandem waren Wörter so Geschmeide wie ihm. Zudem war er ein Meister einer Vokalmusik, bei der jeder Vokal Teil eines Mehrklangs ist, man achte nur darauf, wie in den ersten Versen unseres Gedichts (Gedichttext im Kasten unten) die o-, ö- und ü-Laute die Glockenidee verkörpern. Sie bringen die Klänge, die das Wort Glocken am Beginn und gegen Ende des zweiten Verses wie das Schwingen von einer Seite zur anderen bildhaft macht.

Rilke schrieb dieses Gedicht während der ersten Wochen seiner Beziehung zu der jungen Malerin Loulou Albert-Lazard, die er bei einem kurzen Sanatoriumsaufenthalt in Irschenhausen im Isartal kennengelernt hatte. Jahrzehnte später hat sie ein Buch geschrieben, „Wege mit Rilke“, und als Entstehungsdatum den 1. Oktober 1914 angegeben. Es waren also auch die ersten Wochen des Ersten Weltkriegs, und es war eine Zeit, in der Rilke sich intensiv mit Friedrich Hölderlin befasst hat, so dass es wohl nicht von ungefähr ist, wenn dieses Fragment ähnlich anhebt wie die des zerbrechenden Dichters, „Wie Vögel langsam ziehn“ oder „Wie Meeresküsten“.

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Rilkes Gedicht bildet die schwingende Linie der vom Dröhnen der plötzlich läutenden Glocken aufgescheuchten Turmvögel nach, die dahinstiebend im Flug Bögen wie Schrift ziehen. Und es ist nicht irgendeine Schrift, sondern es sind Namenszüge, als wären die Vögel in ihrem schönen Schrecken jetzt ganz sie selbst. Oder schreiben sie unsere Namen? Jedenfalls wundert es nicht, wenn das auch uns, die wir die Glocken hören und die Vögel sehen, außer uns bringt - wohin (die Gedankenstriche lassen es offen) auch immer. Selbst wenn uns dabei schwindlig würde.

Wie die Vögel

Wie die Vögel, welche an den großen

Glocken wohnen in den Glockenstühlen,

plötzlich von erdröhnenden Gefühlen

in die Morgenluft gestoßen

und verdrängt in ihre Flüge

Namenszüge

ihrer schönen

Schrecken um die Türme schreiben:

 

können wir bei diesem Tönen

nicht in unsern Herzen bleiben

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Rainer Maria Rilke: „Die Gedichte in einem Band“. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2009. 1136 S., geb., 18,80 €.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.

 
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