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Gedicht, Interpretation, Lesung „Im Kolonnadenhof“ von Durs Grünbein

 ·  Auf der Berliner Museumsinsel steht die bronzene Figur einer Bogenschützin. „Was will die Frau?“ Durs Grünbeins Gedicht „Im Kolonnadenhof“ folgt ihren Pfeilen.

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Eilig - es ist kalt - und mit wenigen Stichworten kommt Grünbeins Gedicht zur Sache: zu der Bronzefigur der „Bogenschützin“ vor der Alten Nationalgalerie im Kolonnadenhof auf der Museumsinsel in Berlin und zu der Leitfrage seiner Betrachtung: „Was will die Frau?“ Wohin zielt sie? Was hat sie zu bedeuten?

Wer als Besucher der Museumsinsel einen guten Berlin-Führer dabei hat oder über andere Informationen verfügt, kann, bevor er sich der Deutung dieser Figur durch das Gedicht überlässt, noch etwas Näheres über sie erfahren: Sie wurde um 1900 von dem aus Coburg stammenden, in Berlin wirkenden Künstler Ferdinand Lepcke geschaffen und wenige Jahre später im Kolonnadenhof aufgestellt, wo sie bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stand. Erst im Jahre 2010, anlässlich der Wiedereröffnung des Kolonnadenhofes, fand sie, nach vorübergehender Aufstellung am Hohenzollernplatz in Zehlendorf, wieder ihren Platz am herkömmlichen Ort. Dort hat sie Grünbein betrachtet, und dort fragt er sich, wohin die Bogenschützin, die auch (und vielleicht richtiger) als „Bogenspannerin“ bekannt ist, denn wohl zielen mag.

© F.A.Z. Vergrößern Thomas Huber liest „Im Kolonnadenhof“ von Durs Grünbein

„In eine unbestimmte Ferne“, also nicht auf ein konkretes Ziel, auf einen Gegner, eine Beute oder ein Opfer habe sie gezielt, sagt das Gedicht (Gedichttext im Kasten unten), und ihren Pfeil habe sie nie abgeschossen, obwohl es Anlässe dazu im Laufe der Geschichte genug gegeben hätte, beispielsweise als die siegestrunkenen Soldaten der Roten Armee im Frühjahr 1945 übermütig die Säulen der Kolonnadengänge beschossen; oder als zuvor die braunen Kolonnen, angefeuert von den über Lautsprecher übertragenen Führerreden, auf den Plätzen Berlins aufmarschierten. Doch von all dem blieb die Bogenschützin unberührt. Sie überdauerte und tauchte aus dem Chaos des Krieges jungfräulich schön und rein, aber gefühllos, glatt und kalt wieder auf. Sogar von den Einschusslöchern ringsum und am eigenen Leib weiß sie nichts.

Dabei gibt es ein Foto der Bogenschützin auf einer Postkarte aus dem Jahr 1947, das die Beschädigungen der Skulptur durch Granatsplitter oder durch Gewehrsalven eindeutig bezeugt. Das Gedicht geht aber, unabhängig von solchen Dokumenten, seinen eigenen Deutugsweg: Die Bogenschützin ist demnach unberührbar, empfindungslos; ihre Gestalt hat kaum etwas Menschliches, ihre Augen sind tot. Sie kann, als seelenloses Elementarwesen („Meerjungfrau“), allen Einschusslöchern zum Trotz, nicht wirklich „getroffen“ werden, so wie sie selbst als Bogenschützin auch niemanden trifft. Sie ist und bleibt eine Kunstfigur, die keine eigenen Empfindungen besitzt, sondern sie allenfalls bei dem auslöst, der sie betrachtet.

Er erkennt in den „toten Augen“ der Figur einen Spiegel derjenigen Geschichte, die vom Kaiserreich (Stülers Tempelbau) über die Nazidiktatur, die sowjetische Besetzung Berlins und die Ost-West Konfrontation des Kalten Krieges führt. Als kalte, gefühlsunfähige, von jeder Betroffenheit freie Kunstfigur repräsentiert sie den „Winter der Geschichte“, der „so/Nie wiederkehrt“. Zugleich verweist diese Figur auf ein Dilemma aller Kunst: Will sie dauern und bleiben, so muss sie den Mythos ihrer Unzerstörbarkeit kultivieren und Strategien ihrer Unberührbarkeit entwickeln. So erklärt sich wohl ihre Existenz als legendäre „Meerjungfrau im Ozean Berlin“.

Als totes Kunstwerk hat die Bogenschützin mit der Geschichte und dem wirklichen Leben kaum etwas zu tun. Darauf zielt sie nicht, und das betrifft sie nicht. Wir sind es, die ihr das Wissen um Geschichte zutragen, das wir in ihren Augen gespiegelt sehen. Ganz anders verhält es sich mit den wirklich lebenden Menschen: Sie erleben und erleiden Geschichte tatsächlich, werden getroffen, verletzt, geschändet, so wie es der Anonyma erging, die am Ende des Gedichts erwähnt wird. Ihre authentischen Tagebuchaufzeichnungen „Eine Frau in Berlin“ gelten der Zeit vom 20. April bis zum 22. Juni 1945. Als Buch erschienen sie in deutscher Sprache zuerst 1959 und wurden 2003 in Hans Magnus Enzensbergers „Andere Bibliothek“ aufgenommen. Die Anonyma zeichnet darin die Zeit auf, als die Russen Berlin einnahmen und Vergewaltigungen deutscher Frauen an der Tagesordnung waren. Unbeschreibliches („leere Seite“) geschah. Auch die Verfasserin gehörte zu denen, „die es traf“.

Im Kolonnadenhof

Berlin, die Kälte und die Bogenschützin

Vor Stülers Tempelbau: Was will die Frau?

Sie hat den Rücken durchgedrückt, die Knie,

Und zielt hinüber in den Kolonnadengang -

 

In eine unbestimmte Ferne, bis die Russen

Mit der Kalaschnikow die Säulen schänden.

Sie schoß den Pfeil nie ab. Ihr Bronzeleib

Weiß nichts von Einschußlöchern, Feindberührung.

 

Was immer hier geschah, sie spürte nichts

Vom Zittern der Membranen, Führers Furor

Im Rundfunk und vom Marschtritt der Kolonnen.

Sie war die Meerjungfrau im Ozean Berlin.

 

In ihren toten Augen spiegelt sich, was so

Nie wiederkehrt: der Winter der Geschichte.

Der Kalte Krieg danach und jene leere Seite

Im Tagebuch der Anonyma, die es traf.

Durs Grünbein: „Koloss im Nebel“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 227 S., geb., 25 €.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.
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