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Gedicht, Interpretation, Lesung „Gekämpft hat meine Barke“ von Elisabeth Kulmann

Worte können eine Mutter nicht über den Tod ihres Kindes hinweg trösten. Doch Elisabeth Kulmanns Gedicht „Gekämpft hat meine Barke“ nimmt diesem Grauen seinen Schrecken.

Als Elisabeth Kulmann kurz nach dem Verfassen dieser Zeilen 1825 im Alter von nur 17 Jahren starb, war sie bereits eine kleine Legende. Der Schriftsteller Jean Paul, der Anfang der 1820er Jahre einige Gedichte zugesandt bekam, soll vom „strahlenden Nordstern“ gesprochen und Johann Wolfgang von Goethe ihr gar „einen ehrenvollen Rang in der Literatur“ prophezeit haben.

Eine Frühvollendete, wie es heißt, doch was heißt schon vollendet? Elisabeth Kulmann, geboren 1808, dichtete auf Deutsch, schrieb Essays auf Französisch und Italienisch, übersetzte Hesiod, studierte Homer und erforschte die Blumenkunde. Ihr Vater, ein russischer Offizier, war in ihrer frühen Kindheit gestorben, und so wuchs sie allein mit ihrer deutschen Mutter im zaristischen St. Petersburg heran, die sich sehr um ihre Ausbildung sorgte. Zwischen dem 11. und 17. Lebensjahr verfasste sie um die 980 Gedichte, die ihr Lehrer und Förderer, Karl Friedrich von Großheinrich, nach ihrem Tode herausgab.

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© F.A.Z. Vergrößern Elisabeth Kulmanns „Gekämpft hat meine Barke“, gelesen von Thomas Huber

„Gekämpft hat meine Barke“ (Gedichttext im Kasten unten) erzählt ganz einfach und unverstellt anrührend von etwas, was trauriger nicht sein kann: Ein sterbendes Kind nimmt Abschied von der Mutter. Doch sie klagt nicht, nein, die Zeilen kehren das Verhältnis um: Die Tochter möchte der Mutter Trost spenden und dichtet ihr Geleitworte fürs Weiterleben. Sie weiß: Am Ende ihres Leidens „beginnt der Mutter Qual“. Der Verlust der eigenen Kinder ist vielleicht der schrecklichste Fluch der Götter. Um diesen Schrecken zu bannen und zu bändigen, hat Elisabeth Kulmann Reim, Klang und Versmaß konventionell-harmonisch gestaltet, volksliedhaft. Das Wechselspiel von weiblichem und männlichem Reim verstärkt den Eindruck von Ebenmaß: In diesen Versen werden keine formalen Grenzen gesprengt, hier stößt sich - Romantik hin, Romantik her - nirgends ein eigens von der Dichterin gesetzter Akzent am klassischen Versmaß.

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Das Meer in der Spanne zwischen Diesseits und Jenseits bildet das räumliche Zentrum des Gedichtes. Am Anfang ist das eigene Leben eine Barke, ausgesetzt der „erzürnten Flut“. Wer oder was aber zürnt da? Noch in derselben Strophe wandelt sich das Bild: Anders als erwartet steht die „sinkende Meereswuth“ nicht für die ersehnte Rückkehr zum normalen Leben, sondern für das erlösende Ende des Todeskampfes. In der dritten Strophe dann erfolgt die Zäsur. Hier ruft das Gedicht mit der Zeile „nur wenig Augenblicke / trennt uns des Todes Meer“ das Gottvertrauen aus dem Johannes-Evangelium herein: „Noch eine kleine Weile und wir werden uns wieder sehen.“ Gelebter Glaube. Das Meer - ähnlich dem Fluß Lethe - wird zum Ort des Übergangs vom Tode in ein neues Reich, das Reich Gottes, in dem Mutter und Tochter wiedervereint sein werden.

Es ist anzunehmen, dass die Schreckenserlebnisse der größten Überschwemmung von Petersburg am 7. November 1824 bildgebend waren für dieses Gedicht. Das „erzürnte Meer“ hatte damals große Teile der Stadt überflutet, unzählige Häuser zerstört und Menschen in den Tod gerissen. Mit der sinkenden Flut wurden zahllose Leichen an Land geschwemmt. Im Gedicht wandelt Kulmann die Düsternis der Todesgewissheit und der Abschiedsklage in ein helles Bild des Wiedersehens, aus der Leidenden wird eine „Landende“. Glaube und kindliche Unschuld vermögen in der Fantasie zu vereinbaren, woran Sinn und Verstand verzweifeln müssen.

Kulmanns ganze poetische Kraft liegt in der Liebe zur Schöpfung begründet, zu Naturerscheinungen, Tieren, Blumen, Himmelszeichen: „Wo ich so gern mein Aug‘ an Gottes Wundern noch weidete“, schreibt sie einmal. Ihre Verse adressierte sie in einer Zueignung schwärmerisch an „Edle deutsche Frauen“ in den „malerischen Umgebungen von Rhein, Elbe und Donau“. Sich selbst bezeichnete sie als „Mädchen aus der Fremde“ - eine Anlehnung an Schillers gleichnamiges Gedicht. Dessen Vers: „Ein jeder ging erfüllt nach Haus“ hat sie sich sicher als Wirkung ihrer Poesie gewünscht.

Dichterinnen waren zu Elisabeth Kulmanns Zeiten eine Seltenheit. Karoline von Günderrode starb zwei Jahre vor Kulmanns Geburt, Annette von Droste-Hülshoff kam zehn Jahre vor ihr zur Welt, Marie von Ebner Eschenbach fünf Jahre nach Kulmanns Tod. Ihre „Sämmtlichen Gedichte“ erschienen in vielen Auflagen. Ein Wunderkind. Die anrührende Geschichte vom viel zu frühen Tod und von der sich verzehrenden poetischen Stimme passte in die Gefühle der Zeit, und nicht von ungefähr bezeichnete der Romantiker Robert Schumann, der in zwei Lieder-Zyklen Kulmann-Gedichte vertonte, ihre Verse als „erhabene Meisterstücke“. Vielleicht empfand er sie gerade wegen ihrer formalen Schlichtheit als „wahre Insel im Chaos der Gegenwart“. Ob er sich davon neue kompositorische Freiheiten versprach? Mit dem Lied „Gekämpft hat meine Barke“ beschloss Schumann 1851 sein Opus 104.

Gekämpft hat meine Barke

Gekämpft hat meine Barke

Mit der erzürnten Fluth.

Ich seh‘ des Himmels Marke,

Es sinkt des Meeres Wuth.

 

Ich kann dich nicht vermeiden,

O Tod nicht meiner Wahl!

Das Ende meiner Leiden

Beginnt der Mutter Qual.

 

O Mutterherz, dich drücke

Dein Schmerz nicht allzusehr!

Nur wenig Augenblicke

Trennt uns des Todes Meer.

 

Dort angelangt, entweiche

Ich nimmermehr dem Strand:

Seh‘ stets nach dir, und reiche

Der Landenden die Hand.

Elisabeth Kulmann: „Sämmtliche Dichtungen“. Hrsg. von Karl Friedrich von Großheinrich. Frankfurt 1851.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.04.2013, 17:47 Uhr