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Gedicht, Interpretation, Lesung „Augen in der Großstadt“ von Kurt Tucholsky

 ·  Als die Grostadtlyrik laufen lernte - Kurt Tucholskys wohl bekanntestes Stadtgedicht ist im Grunde eines über die Gefühle ihrer Bewohner. Es zeigt: Unsere Schwermut ist singbar.

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Deutschland war lange provinziell: ein Land ohne Metropole. Das änderte sich in dem Maß, in dem Berlin seit dem späten neunzehnten Jahrhundert zu den anderen europäischen Weltstädten aufschloss. Erst dieser Aufstieg Berlins brachte, historisch ähnlich verspätet, in der deutschen Literatur die Großstadtlyrik hervor, die es in anderen Ländern, vor allem in England und Frankreich, längst gab. Der Berliner Tucholsky hat zu diesem Genre einige Gedichte beigetragen; „Augen in der Großstadt“ (Gedichttext im Kasten unten) ist das bekannteste von ihnen.

Obwohl 1930 in der „Arbeiter Illustrierten Zeitung“ erschienen, unter dem Pseudonym Theobald Tiger, gehört es nicht zu der meist sozialistischen, proletarisch kämpferischen Großstadtlyrik, die in den zwanziger Jahren Konjunktur hatte. Das Wort „Genosse“ wird am Ende nur fast beiläufig erwähnt. Auch über die oft beklagte Architektur der Großstadt verliert Tucholsky nur wenige Worte: „asphaltglatt“ ist das einprägsamste. „Augen in der Großstadt“ ist vor allem ein Gedicht über die Gefühle des Großstädters.

© F.A.Z., Helmut Fricke Vergrößern Frankfurter Anthologie zum Hören: Kurt Tucholskys „Augen in der Großstadt“

Seine Struktur ist liedhaft: dreimal vier Verse, erst durch Kreuz-, dann durch Paar-, schließlich wieder durch Kreuzreim verbunden. Der Refrain am Ende: „Vorbei, verweht, nie wieder“ wiederholt im Kleinen diesen Dreischritt. Es ist eine leise, fast verschwebende Zeile. Ähnlich bindet der Titel „Augen in der Großstadt“ das Kleine und das Große, das Humane und das Urbane zusammen. Eindrücklich spielt er auf eine Erfahrung an, die jeder Städter schon gemacht hat, auch ohne über sie nachgedacht zu haben: die Flüchtigkeit der Begegnung mit anderen, die reduziert ist auf einen Blick. Man muss weiter, bevor man von ihnen mehr als die Augen wahrgenommen hat. Man bewegt sich in der Masse, ist selbst ein Teil von ihr, und kann immer nur für einen Augenblick innehalten.

Tucholsky spielt das dreifach durch. In der ersten Strophe beschreibt er eine alltägliche Situation: Das Warten auf den Zug, am Morgen auf dem Weg zur Arbeit. In der zweiten Strophe weitet er die Perspektive auf das Leben aus und konkretisiert dabei die Metapher vom Lebensweg: als Gang durch Straßen. In der dritten Strophe schließlich spricht er von dem Anderen, den er auf seinen Wegen sieht.

Das Lied von der Entfremdung

Dabei klingt in der ersten Strophe ein erotisches Motiv an: die Liebe auf den ersten Blick. Doch in der Großstadt bleibt es bei dem einen Aufsehen. Nichts folgt aus ihm, kein Lebens- und kein Liebesglück. In der zweiten Strophe spielt Tucholsky auf ein kaum weniger großes Thema an: die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Unaufhaltsam drängt es weiter, von Augenblick zu Augenblick. Was vorbei ist, sekundenschnell, ist unwiederbringlich vergangen. Das alles sagt der Sprecher des Gedichts nur scheinbar einem anderen. Das „Du“, von dem die Rede ist, dürfte er selbst sein. Erst in der dritten Strophe wendet er sich dem Anderen zu: dem ,fremden Anderen‘, der fremd bleiben wird. Bezeichnenderweise wird er grammatisch gleich zum „Es“. Denn man erfährt nichts von ihm. Man sieht ihn nicht wieder. Von ihm nimmt man immer nur die Augen auf immer dieselbe Weise wahr: „die Braue, Pupillen, die Lider“. Er ist nicht mehr als „von der großen Menschheit ein Stück“: kein Einzelner, nur ein Exemplar. So schlägt das Gedicht vom „Du“ zum „Es“ einen großen Bogen - ohne dass das Ich bei einem Er oder Sie ankäme.

Trotz aller Nachdenklichkeit kommt dieses Lied von der Entfremdung in seinen kurzen Zeilen fast leicht daher. Seine Schwermut ist singbar, der Resignation näher als der Verzweiflung. Es ist kein Protestsong, nur eine verhaltene Elegie von der Melancholie des Großstädters, der in der Menge verschwindet.

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.

 

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück...Vorbei, verweht, nie wieder.

 

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky: „Gedichte“. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1992. 834 S., kart., 10,90 €.

Caroline Peters, 1971 in Mainz geboren, gehört zum Ensemble des Wiener Burgtheaters und zog als Hauptdarstellerin des ARD-Provinzkrimis „Mord mit Aussicht“ zuletzt über fünf Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Für ihre Darstellung in dem Fernsehfilm „Arnies Welt“ erhielt sie den Grimme-Preis, 2012 wurde ihr der Wildgruber-Preis verliehen.

www.faz.net/rezitation

Quelle: F.A.Z.
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