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Gedicht, Interpretation, Lesung „Am Styx“ von Günter Kunert

Ein Brandenburger Bach wird zum reißenden mythologischen Strom. Spröde Kargheit prägt Günter Kunerts Gedicht „Am Styx“, doch so lang die Verse anhalten, ist der lauernde Untergang gebannt.

Ein Mann sucht, vielleicht zufällig, einen Erinnerungsort auf: ein Wäldchen nahe Berlin. „Gewesene Tage“ kommen ihm in den Sinn (Gedichttext im Kasten unten): Vater und Sohn am Bach, ins gemeinsame Spiel vertieft. Der Vater erfreut das Kind mit handwerklicher Geschicklichkeit. Idyllische Stimmung will trotzdem nicht aufkommen.

Die Sprache hat etwas vom Kahlschlagton der frühen Jahre. Noch weniger geht nicht bei diesen Sätzen, die sich auf ungefähre Orts- und Zeitangabe beschränken und auch grammatisch verkürzt sind, mit nur drei schlichten Tätigkeitsworten in dreizehn Zeilen: „schnitzt“, „trägt“, „nimmt“. Kunstlos ist das Gedicht allerdings nicht; gekonnt wird etwa der Zeilensprung eingesetzt. „Nahe Berlin und fern zugleich“ – das schafft eine kleine Irritation, weil man es zuerst als rätselhafte Sinneinheit wahrnimmt, der zeitliche Kontext erschließt sich erst in der nächsten Zeile.

Caroline Peters liest „Am Styx“ von Günter Kunert. Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© F.A.Z., Helmut Fricke, S.Fischer, F.A.Z. Vergrößern Frankfurter Anthologie zum Hören: Günter Kunerts „Am Styx“

Diese Zeit ist das „Dritte Reich“. Günter Kunert, Jahrgang 1929 und Sohn einer jüdischen Mutter, hat seine Berliner Kindheit einmal als „staatlich verpfuscht“ bezeichnet. In vielen Gedichten und Prosastücken hat er sich mit Nationalsozialismus, Holocaust und Bombennächten auseinandergesetzt; es sind dunkle Horizonte seines Werks. Von historischen Umständen und politischer Verfolgung ist in diesem Kindheitsgedicht jedoch nicht die Rede. Die extreme Reduktion, die spröde Kargheit dieser Verse schafft trotzdem eine undefinierte Atmosphäre der Bedrückung.

Der Gipfel der Ernüchterung ist in der siebten Zeile erreicht: „vermutlich von einer Rechnung“. Es könnte ein Hinweis auf ärmliche Lebensverhältnisse sein. „Rechnung“ gehört jedenfalls nicht ins Wörterbuch der Poesie, und Dichter vermeiden in der Regel auch Aussagerelativierungen wie „vermutlich“. „Über allen Gipfeln ist eventuell Ruh“ – das wäre ein Bruch der Stimmung. Deutlich wird, dass die Perspektive bei aller lyrischen Gegenwärtigkeit nicht vom Kinderblick bestimmt ist, sondern von der Erinnerung, die sich einen Reim auf das Stückchen Papier zu machen sucht.

Der lange Weg vom Klassenkampf zur Klage

Borke, Streichholz, Papier: die Materialien zum väterlichen Bootsbau sind mehr als bescheiden. Das denkbar fragile Schifflein aber wird zum Lastenschlepper, der alles mitnimmt, um es in den Orkus des Nichts zu führen. Im abschließenden Satz, der über fünf Verszeilen geht, erzeugt das Gedicht mit der Steigerung den Verblüffungseffekt: verlorene Kindheit, Verlust des Vaters, Tod und Hinfälligkeit, schließlich das Verschwinden des ganzen „Erdenrests“ – es ist nicht weniger als eine Apokalypse in fünf Zeilen, die hier stattfindet, in einem jähen Übergang vom privaten Erinnerungsdetail ins Allgemeingültige, vom kargen biographischen Wirklichkeitston ins beinahe Surreale. Nun erst lädt sich das profane Geschehen mythologisch auf: Der Brandenburger Bach wird zum reißenden Strom der Vergänglichkeit, zum Styx, dem Totenfluss und homerischen „Wasser des Grausens“. „Vollkommene Klarheit“ ist mehrdeutig: Klar ist das Wasser des Baches, klar die Unausweichlichkeit des Todes, klar aber auch die Sprache dieses Gedichts, das Tiefsinn produziert, ohne im Trüben zu fischen.

Im Lauf der Jahrzehnte hat sich in den Werken Günter Kunerts ein Ton von Melancholie, Trauer und Schmerz durchgesetzt, eine Poetik des Heillosen, zunächst noch als Provokation gegenüber dem staatlich verordneten Optimismus in der DDR und dem teleologischen Geschichtsbild des Sozialismus, dann als Ausdruck eines verbreiteten Achtziger-Jahre-Endzeitbewusstseins, schließlich als existentiell-elegische Grundstimmung. Kunerts Lyrik vollzieht den langen Weg vom Klassenkampf zur Klage, das Prinzip Hoffnung wird verabschiedet. „Die schwerste Aufgabe ist: / aufgeben können / Wer mit der Hoffnung anfängt / hat seine Lektion schon / gelernt“, heißt es im Gedicht „Aufgabe“.

Kunerts Gedichte lassen sich als Phänomenologie des Absterbens lesen. Das Verschwinden und das Vergessen (und der mühevolle Kampf dagegen) sind ihre Leitmotive. Im poetologischen Essay „Warum schreiben“ heißt es: „Solange man schreibt, ist der Untergang gebannt, findet Vergängliches nicht statt, und darum schreibe ich: um die Welt, die pausenlos in Nichts zerfällt, zu ertragen.“ Dieses Gedicht beschwört eine kleine Welt, die in Nichts zerfällt und die große mitnimmt.

Am Styx

In einem Wäldchen
nahe Berlin und fern zugleich
gewesenen Tagen. Mein Vater
schnitzt ein Boot aus Borke
ein Streichholz der Mast
das Segel ein Stück Papier
vermutlich von einer Rechnung.
Der Bach trägt es fort.
Es nimmt meinen Vater mit
und das Wäldchen und
die ganze Stadt und am Ende
noch den Erdenrest
in vollkommener Klarheit.

Günter Kunert: „Mein Golem“. Gedichte. Hanser Verlag, München 1996, 96 S., kart., 13,90 €.

Caroline Peters, 1971 in Mainz geboren, gehört zum Ensemble des Wiener Burgtheaters und zog als Hauptdarstellerin des ARD-Provinzkrimis „Mord mit Aussicht“ zuletzt über fünf Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Für ihre Darstellung in dem Fernsehfilm „Arnies Welt“ erhielt sie den Grimme-Preis, 2012 wurde ihr der Wildgruber-Preis verliehen.

www.faz.net/rezitation

Quelle: F.A.Z.

 
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