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Fragen an zwei Generationen : Als Bub war ich ein Schwarzmarktkönig

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Erfahrungsabgleich zwischen den Generationen: Klaus Wagenbach und seine Tochter Helene Bild: Gyarmaty, Jens

Ich lebe was, was du nicht siehst: Wie Klaus und Helene Wagenbach die Welt erleben. Zwei Generationen antworten auf dieselben Fragen.

          Was haben Sie gesehen, wenn Sie als Kind aus dem Fenster geschaut haben?

          Klaus Wagenbach: Den märkischen Sand in einer Nordberliner Siedlung. Ich bin ein Zufallspreuße und wuchs mit meinem älteren Bruder im Haus der Eltern auf, bis Berlin 1943 von Frauen und Kindern für den „Endkampf“ geräumt wurde.

          Was siehst du, wenn du aus deinem Fenster schaust?

          Helene Wagenbach: Einen blühenden Kastanienbaum und Häuser auf der anderen Hofseite mitten in Westberlin.

          Wo war als Kind Ihr Lieblingsplatz?

          Klaus Wagenbach: Bei meinen Kaninchen, für die ich aus alten Brettern einen Stall gebaut hatte. Die mussten gefüttert werden und ich holte mit sechs Jahren Gras von den Wiesen. Die Birke, die meine Mutter in unserem Garten gepflanzt hat, steht heute noch da.

          Wo ist dein Lieblingsplatz?

          Helene Wagenbach: In meinem Zimmer auf dem roten Teppich, der so dick ist, dass man darauf auch schlafen könnte. Ich sitze da gerne an mein Bett gelehnt und lese.

          Was haben Sie als Kind am liebsten gemacht?

          Klaus Wagenbach: Alles was verboten war: auf Bäume klettern, Höhlen bauen - das ganze Bubenprogramm. Vor allem aber: Wie komme ich über den Gartenzaun? Meine Mutter schloss immer das Tor ab, ich aber wollte in die Siedlung, auf die Baustellen.

          Was machst du am liebsten?

          Helene Wagenbach: Lesen, und zwar immer und überall: in der S-Bahn, in der Schulpause... Manchmal bin ich so in ein Buch vertieft, dass ich auch beim Gehen auf der Straße lese.

          Was war als Kind Ihr größter Traum?

          Klaus Wagenbach: Ohne Zweifel: Freiheit. Da mein Vater nicht in der Partei war (nicht einmal in der Reiter-SA), nährten viele Einschränkungen diese Lust an Freiheit. Man flog zum Beispiel relativ schnell von der Schule. Ich wurde wegen Prügelei (habe mich gewehrt) gefeuert. In meiner Klasse waren fast nur Arbeiterkinder, die fanden so einen Bubi wie mich lächerlich.

          Was ist dein größter Traum?

          Helene Wagenbach: Viel reisen zu können. Ich war schon in Frankreich, England, Polen, Spanien, Griechenland, Holland, der Schweiz und Israel. Nach dem Abitur möchte ich ein Volontariat in einer Buchhandlung oder in einem Verlag in Paris machen. Das hat meine Mutter auch gemacht und mir viele tolle Sachen davon erzählt.

          Was hat Sie als Kind wütend gemacht?

          Klaus Wagenbach: Befehle und das ewige Goebbels-Gebrüll im Volksempfänger. Wir mussten Spalier stehen, untergehakt, wir kleinen Popels. Viele Frauen waren vollkommen hysterisch und für mich ein Schrecken.

          Was macht dich wütend?

          Helene Wagenbach: Menschen, die keine Neugier auf andere Kulturen haben, und die intolerant gegenüber anderen Meinungen und Lebensweisen sind.

          Was hätten Sie lieber nicht erlebt?

          Klaus Wagenbach: Stürze, Fliegerangriffe . . . Einmal habe ich schon die letzte Ölung bekommen. Mit 13 Jahren bin ich im Winter mit dem Fahrrad auf dem Schulweg kopfüber auf die Straße gestürzt. Schädelbruch. Statt das Rote Kreuz zu rufen, rief meine Tante den Pfarrer. Die Fliegerangriffe verbrachten wir im Schutzraum, der eines Tages getroffen wurde, aber da waren wir schon weg und mein Vater war glücklicherweise im Heizungskeller.

          Was hättest du lieber nicht erlebt?

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