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Fotobuch: Shomei Tomatsu Mit Kaugummi und Schokolade

Shomei Tomatsu zeigt das Japan der Nachkriegsjahrzehnte als Land im Zwiespalt, in dem man Amerika bewundert und sich zugleich in Nostalgie ergeht. Aus seinen Bildern spricht eine existentielle Orientierungslosigkeit.

© estate of Shomei Tomatsu, courtesy: only photography Augen zu und durch: Eiko Ôshima in dem Film „Shiiku“, 1961

Shomei Tomatsu war fünfzehn Jahre alt, als er nachts am Fenster stand und zusah, wie amerikanische Bomber Nagoya zerstörten. Von „Lichtspektakel“ würde er später sprechen und von einem „Fest von metallischer Schönheit“. Das Zucken am Himmel, das Brennen der Stadt - das musste ihn innerlich zerreißen. Und doch konnte er sich dem ästhetischen Moment dieser grausamen Stunden nicht völlig erwehren. Es war eine Erfahrung, die ihn für den Rest seines Lebens prägte und die immer wieder in seinen Arbeiten zum Vorschein kommt: in der Ambivalenz von Schönheit und Grauen und in den gleichzeitig empfundenen Gefühlen von Hass und Neid. Shomei Tomatsus Leitstrahl war das Paradox.

Freddy Langer Folgen:

Das war nicht ungewöhnlich im Japan der Nachkriegszeit. Die Atomexplosionen über Hiroshima und Nagasaki hatten das Land buchstäblich in eine Epoche außerhalb der Zeit gebombt. Die Vergangenheit war ausgelöscht, die Zukunft ungewiss. Der Bevölkerung war der Boden unter den Füßen fortgerissen worden, Japan hatte seine Mitte verloren - und doch schielten nicht wenige Japaner ganz unverblümt ausgerechnet nach der Kultur der amerikanischen Besatzungsmacht.

22942475 Konichiwa: Parade von Pappstewardessen, Tokio, 1967 (die Fotografien in Vollgröße sehen Sie unter dem Reiter „Bilder“) © estate of Shomei Tomatsu, courtesy: only photography Bilderstrecke 

Diesem Zwiespalt, der bisweilen gar als die schizophrene Situation Japans bezeichnet wurde, widmete sich Shomei Tomatsu immer wieder während seiner langen Karriere als Fotograf, und rückblickend scheint es fast konsequent, dass ihn einer seiner ersten großen Aufträge um das Jahr 1960 nach Nagasaki führte, an den Ort der Stunde null. Ken Domon hatte dort im Stil eines sozialkritischen humanistischen Bildjournalismus Kriegsopfer fotografiert: vernarbte Gesichter, verkrüppelte Körper. Von Tomatsu erhoffte sich das „Japan Council against Atomic and Hydrogen Bombs“ für ein Pamphlet einen etwas radikaleren Blick, um sie Domons Aufnahmen gegenüberzustellen.

Ohnedies befand sich die japanische Kunst im Umbruch. Buchstäblich über Nacht hatten sich nach den Atomangriffen auf Japan die Fotografen dort von der bis dahin stilprägenden, lyrischen Bildsprache abgewandt. Fast so, als folgten sie Adornos Linie, wonach es barbarisch sei, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben. Tomatsu suchte nach zeichenhaften Motiven und arrangierte mit den Ausstellungsstücken eines Museums in Nagasaki Stillleben: mit einer Armbanduhr etwa, die um 11 Uhr 02 stehengeblieben war, unmittelbar nach dem Abwurf der Bombe über der Stadt am 9. August 1945; und mit einer Bierflasche, die sich in der Hitze der Explosion zur Unkenntlichkeit verformt hatte - fast möchte man sagen, sie wurde deformiert, so unübersehbar ist die metaphorische Kraft als Bild für den Zustand einer Gesellschaft.

Eine Hassliebe spricht aus den Bildern

Es ist ein grausames Bild, dessen Objekt im gespenstischen Licht eher an einen verbrannten Kadaver oder gar einen verstümmelten Fötus erinnert als an ein Stück Glas. Wer es einmal gesehen hat, den lässt es nicht mehr los, und es kann einen verfolgen wie ein Albtraum. Es ist Tomatsus bekannteste Aufnahme - eine Ikone der Fotografiegeschichte. Sie ebnete einer neuen Ästhetik den Weg, die in Japan wenige Jahre später mit der Gruppe „Provoke“ zu ihrem Höhepunkt fand: in den kompromisslos harten, verstörenden, alle kompositorischen Konventionen sprengenden Bildern solcher Fotografen wie Daido Moriyama und Yutaka Takanashi.

Roland Angst, Verleger und Galerist in Berlin, hat nun Shomei Tomatsu einen großartigen Bildband gewidmet, der mit Aufnahmen aus der Zeit von 1951 bis 2000 dessen Lebenswerk bündelt. Um ein „Best of“ war es Angst dabei nicht zu tun; aber weil Tomatsu, der vorigen Dezember im Alter von zweiundachtzig Jahren gestorben ist, Bildauswahl und Layout noch ausdrücklich gutgeheißen hat, darf man das Buch vielleicht als eine Art Vermächtnis begreifen. Ausgerechnet auf die Aufnahme der Bierflasche hat Roland Angst verzichtet. Doch verfehlen auch die Fotografien eines geschmolzenen Kessels und des zerstörten Helms eines Soldaten aus derselben Zeit nicht ihre Wirkung. An rätselhaften Motiven und symbolischen Bildern herrscht in dem Buch auch sonst kein Mangel. So ist Shomei Tomatsu weniger ein Flaneur im Alltag des aufstrebenden Wirtschaftswunderlands als dessen Analytiker. Seine Kommentare allerdings sind seltsam unbestimmt. Eine Hassliebe spricht aus den Bildern. Bisweilen spürt man die Sehnsucht nach den verlorenen Traditionen. Dann schaut ein Fischer von seinem Boot aus mit leerem Blick übers Meer.

Der wiedererwachte Drache

Die Wirklichkeit aber ist anders: Wie ein Gewitter entladen sich die Schilder der Coca-Cola-Werbung über einem Getränkestand, und für die Parade von Pappfiguren lächelnder japanischer Stewardessen hat Tamatsu nur Spott. Skeptisch fotografiert er eine junge Japanerin, die ihr Haar nach amerikanischer Manier hochgesteckt hat - aber dann wird einer alten Frau im Kittel ihr meterlanges Haar zur Bürde. Vielleicht müsste man für Tomatsus Bilder den Begriff der orientierungslosen Fotografie erfinden. Dass sie dann und wann in den Surrealismus rutschen, kann nicht überraschen.

Vermutlich macht das die leidvollen Momente erträglicher: den Krieg, die Taifune, Hochwasser, Überschwemmungen, die Straßenkämpfe mit der Polizei während der Studentenunruhen in Tokio - aber auch Erlebnisse in jenen Bordellen, die vor allem von amerikanischen Soldaten besucht wurden: Da wirkt eine der Prostituierten wie tot hingestreckt auf einem Tisch in der Pathologie, während eine andere den Qualm einer Zigarette durch die Nasenlöcher ausbläst, als würde sie sich jeden Moment in den wiedererwachten großen Drachen verwandeln. Doch am Ende ließen sich alle zähmen - sicher nicht nur, aber eben auch mit Kaugummi und Schokolade, wie Tomatsu eine seiner Serien nannte.

Roland Angst: „Shomei Tomatsu. Photographs 1951 bis 2000“. Verlag Only Photography, Berlin 2012. 127 S., Abb., geb., 188 Euro.

Eine Ausstellung mit Fotografien von Shomei Tomatsu zeigt die Galerie Priska Pasquer in Köln noch bis zum 26. Februar.

Quelle: F.A.Z.

 
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