Benjamin Katz hätte man erfinden müssen: als die zentrale Figur eines Epochenromans über die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg und ihren sensationellen Aufstieg gerade in Deutschland. Als ein gewitztes Männlein. Umtriebig, raffiniert und dabei von einer Güte, die ihm alle Herzen öffnet und ebenso alle Türen, was er dank der Gabe, sich gleichzeitig an verschiedenen Orten aufhalten zu können, auch reichlich ausnutzt. Trotzdem übersehen ihn die Besuchten am Ende dann doch.
Denn er besitzt auch die Fähigkeit, wie unter einer Tarnkappe zu verschwinden. Und so schleicht er durch Ateliers und Galerien, Museen und Bars und all die anderen Orte, an denen man Malern, Bildhauern und Filmemachern begegnet, und schaut einfach nur sehr genau hin. Ohne Häme oder Arroganz. Aber auch ohne falsche Bescheidenheit.
Seine Fotos erzählen eine Epoche
Doch Benjamin Katz muss man nicht erfinden - das hat er selbst getan. Zur Welt kam er 1939 in Antwerpen, wohin seine Eltern vor dem Nazi-Regime geflohen waren, später studierte er Gebrauchsgrafik in Berlin, dann wurde er Galerist, noch später Fotograf, und von Ende der siebziger Jahre an waren er und sein Fotoapparat aus der Kunstszene Deutschlands nicht mehr wegzudenken. Vom Aufbau selbst der allergrößten Bilderschauen bis zu den nächtlichen Debatten in den allerkleinsten Kneipen war Katz immer dort, wo Künstler die Welt durchmessen, erklären, zerlegen, verrätseln, wo sie von Zweifeln geplagt werden und von Hochstimmung überwältigt.
Mehr als dreihunderttausend Aufnahmen hat er im Laufe von fast vier Jahrzehnten gemacht. Es ist das vermutlich umfangreichste Archiv der zeitgenössischen Kunst. Wollte man es einen Epochenroman nennen, wäre Benjamin Katz freilich weniger die zentrale Figur als der auktoriale Erzähler.
Vom Kunstfreund zum Freund der Künstler
Das Gerüst der Geschichte hat Katz in kaum noch überschaubaren Ausstellungen und in kiloschweren Büchern immer wieder überarbeitet, mit Tausenden von Bildern. Seit einigen Jahren folgen, was man Fußnoten nennen könnte oder eigene Kapitel - Einschübe unter der Dachzeile „Dramatis Personae“. Kleine Bücher etwa über A. R. Penck und Antonius Höckelmann, über Lawrence Weiner und Antony Gormley und zuletzt in der eigenen Reihe „At Work“ Bände über Gerhard Richter und dieser Tage Georg Baselitz - mithin die erfolgreichsten Künstler unserer Zeit.
Und Katz? Der bleibt sich treu, zeigt Herz und Respekt, aber erstarrt nie vor Ehrfurcht. So lange ist er im Betrieb unterwegs, dass aus dem Kunstfreund lange schon ein Freund der Künstler geworden ist. Mit Georg Baselitz ist er seit den fünfziger Jahren bekannt, als sie sich in Berlin an der Hochschule für Bildende Künste über den Weg gelaufen sind. „Ich hatte das Gefühl“, sagt Katz heute über Baselitz, der damals gerade die DDR verlassen hatte, „er kam von einem anderen Planeten.“ Aber was Baselitz alles anstellte, um unbedingt anders zu sein, wie er neurotisch verletzlich war und zugleich sehr zielbewusst, das hat Katz so eingenommen, dass er ihm 1963 eine Ausstellung in seiner gemeinsam mit Michael Werner gegründeten Galerie ausrichtete.
Im Schutz einer Serviette
Einen Skandal gab es wohl, wegen vermeintlicher Pornographie und Obszönität der Bilder „Nackter Mann“ und „Die große Nacht im Eimer“. Der finanzielle Erfolg hingegen blieb aus. Die Arbeiten von Markus Lüpertz, die Katz wenig später in seinen Räumen zeigte, verkauften sich auch nicht besser. Mitte der siebziger Jahre wechselte Katz das Metier - und begann seine Karriere als Fotograf. Wie ernst ihm dieser Schritt war und wie wichtig ihm dieses Datum bis heute ist, belegt nicht zuletzt der Baselitz-Bildband.
Das älteste Foto des Buchs stammt aus dem Jahr 1978. Da kannten sich die beiden schon seit mehr als zwanzig Jahren, und es fällt schwer, zu glauben, dass Katz bis dahin keine Aufnahmen von Baselitz gemacht haben soll. Aber nun verbirgt Baselitz für einen Schnappschuss sein Gesicht hinter einer Serviette, als hätten die beiden sich nie zuvor gesehen, wie hinter einem Vorhang, der gleich gelüftet wird: Das Stück kann beginnen. Zu welcher Erfolgsgeschichte es sich entwickeln wird, konnte keiner der beiden auch nur ahnen.
Zeugnis einer inneren Auseinandersetzung
Zwanzigtausend Fotos hat Benjamin Katz seither von Baselitz aufgenommen. Im Tempo des Kinos betrachtet, vierundzwanzig Bilder pro Sekunde, käme immerhin noch ein Kurzfilm heraus. Aber der filmische Aspekt der Fotografie, die Sequenz, hat Benjamin Katz nur selten interessiert. Er sucht einzelne Momente, und man glaubt seinen Aufnahmen anzusehen, wie er um den Künstler herumschleicht, Ideen entwickelt, Gedanken verwirft und dann doch im rechten Moment schnell wie ein Jäger reagiert. Und so ist „Georg Baselitz at Work“ denn auch keineswegs die Lebensgeschichte des Malers und Bildhauers, sondern ein Erinnerungsalbum des Fotografen - und wie es mit Erinnerungen so ist, folgen die Bilder nicht der Chronologie, nicht den Werkphasen, auch wenn sie fast alle zu erkennen sind, sondern dem Rhythmus der Assoziation.
Baselitz ist kein einfaches Motiv. Die Auseinandersetzung findet im Kopf statt, die Idee ist längst entwickelt, wenn er sie - viel sorgfältiger, als es bisweilen den Eindruck macht - auf die Leinwand überträgt. Da gibt es keine Spannung, keine Ausbrüche, eher Konzentration, wenn Baselitz über der metergroßen Leinwand auf dem Boden kniet oder mit Meißel und Kettensäge aus einem Baumstamm ein Gesicht freilegt. Der Augenblick freilich, in dem er dem hölzernen Konterfei zum ersten Mal gegenübersteht, schauend, fragend, nachdenklich, zählt zu den eindringlichsten Momenten des Buchs.
Und dann gibt es noch die Bilder, in denen Baselitz spielt - sympathisch Faxen macht, in alten Posen noch einmal auftritt oder Katz keck einen Zettel in die Kamera hält mit der Aufschrift „Baselitz“. Es ist sein Buch, denkt man dann. Und ist umso überraschter, am Ende des Bands den Lebenslauf von Katz zu lesen. Nein, es ist natürlich ein Buch von Benjamin Katz. Es ist das Buch eines Gastes, der uns mitnimmt auf einen Besuch bei seinem Freund.