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Fotobuch der Woche: Jeanloup Sieff : Das ist die perfekte Linie

Bild: Jeanloup Sieff / Prestel-Verlag

Fast ein halbes Jahrhundert lang gehörte Jeanloup Sieff zu den wichtigsten Modefotografen Frankreichs. Aber erst jetzt widmet sich ein Bildband ausschließlich diesen Auftragsarbeiten: eine Hymne der Eleganz.

          Jeanloup Sieff war Modefotograf, auch wenn er sich zeitlebens gegen jegliche Kategorisierung wehrte. „Porträts sitzender Damen, trauriger Landschaften und wohlig sanfter Akte“ ließ er deshalb schon 1983 auf das Cover seines ersten umfassenden Bildbands setzen, um ja die Bandbreite des Werks unübersehbar hervorzuheben. Doch neben ein paar erotischen Aufnahmen sowie den Konterfeis einiger Filmstars sind es nun eben doch die Modefotografien, die sich im allgemeinen Bildgedächtnis festgehakt haben: die Rückenansicht zweier Frauen in weißen Pelzmänteln auf einem Bahnsteig vor den offenen Türen eines historischen Zugs; Denise Saurrault, die, mit einer schweren Perlenkette behängt, im Fond einer englischen Luxuslimousine sitzt und mit einem Anflug von Spott nach draußen schaut; oder der Panik auslösende Moment mit China Machado, Hiro und vielen kleinen Kindern vor einer Telefonzelle in New Yorks Stadtteil Chinatown - allesamt rätselhafte Inszenierungen, anekdotisch aufgeladen, in denen Sieffs Herkunft aus der Reportagefotografie und seine Liebe zum Kino deutliche Spuren hinterlassen haben. Diese Bilder wurden zu Stilikonen der sechziger Jahre und sind aus keiner Geschichte der Modefotografie mehr wegzudenken.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Umso erstaunlicher ist es, dass „Fashion“, dreizehn Jahre nach Sieffs Tod gemeinsam herausgegeben von seiner Frau Barbara, einem ehemaligen Mannequin, seiner Tochter Sonia sowie der Kuratorin Ira Stehmann, das erste Buch ist, das sich ausschließlich seinen Modefotografien widmet. Mit mehr als hundertdreißig Aufnahmen deckt die Auswahl Sieffs professionelle Beschäftigung mit dem Thema über fast ein halbes Jahrhundert und durch fast alle wichtigen Modemagazine Europas wie Amerikas ab - von den frühen Fünfzigern bis in die späten Neunziger, als er bereits von seinem Krebsleiden wusste, dem er im Jahr 2000 erlag. Eine der letzten Aufnahmen - nicht in der Reihenfolge des Buchs, aber in der Chronologie der Bilder - zeigt ein junges Model im schwarzen Kleid von Helmut Lang und mit schwarzem Hut von Yoshi Yamamoto mit einer Rose in der Hand vor einem Grab. Vielleicht nahm Sieff mit dieser Aufnahme seinen Abschied vorweg.

          Sie folgte keinen Trends

          Schwarz allerdings war immer schon seine Lieblingsfarbe gewesen. Und wie kein Zweiter hat Sieff, von dem es kaum Farbaufnahmen gibt, die Möglichkeiten der Schwarzweißfotografie bis an die Grenze ausgereizt. Im harten Kontrast etwa wirkt das Foto eines im straffen Korsett zum Schemen einer Sanduhr geschnürten Körpers fast wie ein Scherenschnitt. Und die Aufnahme des Mannequins Jill Kennington, das unter den tiefhängenden Wolken eines verregneten Tages aus der Hügellandschaft Englands mit dämonisch-verführerischem Blick zielstrebig auf den Betrachter zugeht, zog Sieff im Laufe seines Lebens immer härter und dunkler ab, bis der Himmel schwarz und schwer wie die Nacht über der Szene hing.

          Schwarz freilich war auch der Humor, mit dem er zu Werke ging. Nicht genug, dass Sieff die viktorianische Villa aus „Psycho“ im Studiogelände von Hollywood als Kulisse für eine Modestrecke benutzte. Es gewann sogar Alfred Hitchcock dafür, mit allerhand absurden Kapriolen den Frauen auf den Bildern als Schreckensfigur nachzustellen.

          Es bleibt nicht aus, dass ein Buch wie dieses zeigt, wie die Moden sich ändern und wie die Vorstellung der Frau sich im Laufe eines halbes Jahrhunderts wandelte: vom klassischen Schönheitsideal über die jugendliche Ungebändigtheit in den sechziger Jahren bis zu den kalten Blicken der Achtziger. Dennoch folgte Sieff nur selten Trends - und setzte selbst auch keine. Er suchte vielmehr mit unverminderter Konsequenz nach einer allgemeingültigen Form für Eleganz; selbst dann noch, als die Modefotografie längst von den Banalitäten vermeintlich achtlos geknipster Schnappschüsse geprägt war.

          Eine bestechende Form von Erotik

          Gefunden hat Sieff diese Eleganz in der geschwungenen Linie der weiblichen Figur. In den neunziger Jahren hatte er ihr sogar ein eigenes Buch gewidmet, es wurde sein berühmtestes: „derrières“, wofür das Wörterbuch von Allerwertester über Hinterteil bis Podex mehr als ein halbes Dutzend Übersetzungen bietet. Es ist ein erotisches Buch, dennoch sind die Bilder von zurückhaltender Sinnlichkeit. Im ausgetüftelten Spiel von Licht und Schatten schuf Sieff immer wieder eine Atmosphäre des Rätselhaften. In seinen Aufnahmen figurenbetonender Mode hingegen wurde er deutlicher - mit engen Taillen, üppigen Rundungen, langen Beinen, tiefen Dekolletés. Schwarze Kleider vor einer weißen Wand: Nicht selten fühlt man sich da an den lässigen Schwung einer perfekt gezeichneten Linie erinnert.

          Dabei hatte Sieff keineswegs, wie so viele andere Fotografen, Maler werden wollen. Er hatte vom Film geträumt - und diesen Wunsch in seine Fotos übertragen: mit dem Weitwinkelobjektiv. In der leicht verzerrten Abbildung fand er eine Übersetzung für die Kamerafahrt. Es ist, als streiche er über die Körper, als taste er sie während eines intimen Moments ganz behutsam ab. Zugleich aber zieht er durch die extreme Weite der Abbildung den Betrachter förmlich mit ins Bild. So hat er aus einem technischen Kniff seine ureigene Bildsprache entwickelt - und daraus wiederum eine bestechende Form von Erotik.

          Barbara Rix-Sieff und Ira Stehmann (Hrsg.): „Sieff Fashion“. Prestel Verlag, München 2012. 208 S., 134 Abb., geb., 49,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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