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Fotobuch der Woche Ein Blick ins Antlitz des Teufels

Selbstmörder, Unfälle, Katastrophen: Fünfzig Jahre lang hat Enrique Metinides in Mexico-Stadt den Tod fotografiert. Was macht seine Bilder trotzdem erträglich?

© Enrique Metinides, Mexico Vergrößern Fotobuch der Woche: 101 Tragödien des Enrique Metinides

In dem Bildband „101 Tragödien“ des Fotografen Enrique Metinides herrscht kein Mangel an Explosionen. Gaskessel, Tankwagen, Zapfsäulen - unentwegt, so hat man den Eindruck, geht irgendetwas in die Luft. Eines der Bilder jedoch fällt aus der Reihe. Es zeigt eine Stichflamme so hoch wie ein Haus, mit einem ausgestreckten Arm, der nach den Feuerwehrleuten greift, so wenigstens sieht es aus, und mit einem Gesicht, das so deutlich im Feuerschein zu erkennen ist, mit Augen, Nase und Mund, dass Metinides gar nicht anders konnte, als zu glauben, er habe den Leibhaftigen selbst fotografiert. Es ist ein grausames Bild, denn es verweist unmissverständlich auf eine Absicht des Bösen, wo sonst der Begriff „menschliches Versagen“ dafür herhalten muss, das Schicksal zu erklären.

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Enrique Metinides, Jahrgang 1934, war Fotoreporter. Fünfzig Jahre lang ist er in Mexico-Stadt von einer Katastrophe zur anderen gehetzt. Schon als Kind, gerade vierzehn Jahre alt, hat er Zeitungen mit Aufnahmen von Verkehrsunfällen beliefert. Da ließ er sich, um einen besseren Überblick zu erhalten - so zumindest erzählt es eine Anekdote - noch vom Rettungspersonal auf die Schultern heben. Später stieg er auf Bäume, Gerüste oder Kräne, um entgleiste Eisenbahnwaggons und abgestürzte Flugzeuge zu fotografieren oder Lastwagen, die überschlagen am Straßenrand liegen. Denn selten war es ihm nur um die blutüberströmten Opfer zu tun. Vielmehr versuchte er jeweils die Umgebung so einzubinden, dass der Betrachter den Hergang des Unglücks rekonstruieren kann. Manche der Aufnahmen wirken wie die Standbilder eines Kinofilms. Und wenn sich Schaulustige zu Hunderten um Tatorte oder Unfallstellen gruppieren, könnte man meinen, sie verfolgten die Aufführung eines makabren Theaterstücks.

Moralische Fragen habe ihn nie interssiert

Dass Metinides’ Bilder unwirklich erscheinen, bisweilen kaum weniger aufwendig inszeniert als etwa die von Fotokünstlern wie Gregory Crewdson oder Jeff Wall, das allein macht sie erträglich: die Aufnahmen von Selbstmördern, die an Bäumen und Brückengeländern baumeln, von Toten im Gewirr von Hochspannungkabeln, von Autofahrern, eingequetscht zwischen Lehne und Lenkrad. Nicht das Bild der attraktiven jungen Frau, mit dem langen blonden Haar und den frisch lackierten Fingernägeln, die mit weit geöffneten Augen über dem Pfahl einer umgefahrenen Fußgängerampel liegt, erschreckt denn auch - sondern erst die Bildunterschrift. Die Journalistin Adela Lagarreta Rivas, so erfahren wir, war auf dem Weg von einem Schönheitssalon zu einer Pressekonferenz, auf der sie ihr jüngstes Buch vorstellen wollte, als ein Wagen sie überfuhr. Das Bild aber sieht aus wie die Reklamefotos, die Guy Bourdin in den siebziger Jahren für Kosmetikonzerne aufgenommen hat. Ebenso bezaubernd, ebenso artifiziell. Man kann freilich auch derlei Werbefotos geschmacklos nennen.

Die Frage, was noch erlaubt ist und was nicht, wo die Informationspflicht endet und wo der gute Geschmack und wo die Privatsphäre auch eines Toten beginnt - all das entscheidet jede Epoche für sich neu. Aber Enrique Metinides hat es nie wirklich interessiert. Seine Bilder waren für die Seite eins der Boulevardpresse gedacht, als „nota rocha“, wie das in Mexiko heißt, rote Nachricht, womit die blutige Nachricht. gemeint ist. Ihm ging es um Sensationen, nicht um Kunst. Und Metinides staunt nicht schlecht, wenn Betrachter in seinen Bildern heute Anspielungen an die christliche Ikonographie in der Malerei erkennen, von den Qualen der Märtyrer über die Kreuzabnahme bis zur Pietà.

Dabei war Enrique Metinides nie der abgebrühte Zyniker, zu dem sich der Sensationsfotograf Weegee, sein New Yorker Pendant, gern stilisierte. Vielmehr hat das fast schon freundschaftliche Verhältnis der Mexikaner zum Tod in seinem Werk seinen vollkommenen Ausdruck gefunden. Und aller raffinierten Kompositionsprinzipien zum Trotz, ob Zufall oder geplant, hat Metinides sich gewissermaßen bis zum Schluss, bis 1993, als ihn die Zeitung „La Prensa“ entließ, seinen naiven Blick nie wirklich nehmen lassen - das Staunen des Kinds angesichts der ungewöhnlichen Situation. Vermutlich ist es die einzige Möglichkeit, die Grausamkeiten auszuhalten. Doch in diesem fast letzten seiner Bilder, als ihm Anfang der neunziger Jahre der Teufel ins Objektiv lächelte, war es nur noch ein kleiner Schritt von der Sensation zur Sinnfrage.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 21.02.2013, 13:43 Uhr