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Essay : Über das Verlernen

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Neu sehen: Selbstbildnis Joshua Reynolds’ aus dem Jahr 1747/48 Bild: Getty Images

Wie entsteht Neues? Der Traditionsbruch und das Lernen des Verlernens gehören seit der Aufklärung zusammen. Welche Technik aber ist die richtige, um in der Moderne zu den einfachen Formen zurückzufinden?

          Zwischen 1769 und 1790 hielt der englische Maler Joshua Reynolds als erster Präsident der Royal Academy fünfzehn Reden, seine berühmten „Discourses“. In seiner ersten Rede machte er der Akademie ein Kompliment: „We shall nothing have to unlearn.“ Wir werden nichts verlernen müssen. Auf dieses Lob hätten die gegenwärtigen Künstler einen billigen Anspruch: „So weit sie bisher vorangeschritten sind, haben sie recht getan. Mit uns werden die Bemühungen des Genies weiter auf die passenden Gegenstände gelenkt werden. Es wird nicht sein wie in anderen Schulen, wo derjenige, der am schnellsten reiste, sich nur am weitesten vom richtigen Weg entfernte.“

          Mit der Gründung der Royal Academy sah Reynolds eine Stunde null für die Kunst der Nation gekommen, von wo aus man weitergehen würde, ohne sich eines Tages grundsätzlich korrigieren zu müssen. Dieses Ziel wurde offenbar nicht erreicht. Denn ein Jahr später, in seiner Rede vom 14. Dezember 1770, warf Joshua Reynolds das Problem auf, wie das Ziel der „real simplicity“ erreicht werden könne: „Ich werde die Vermutung nicht los“, erklärte er, „dass es die Alten an diesem Punkt leichter hatten als die Modernen. Sie hatten wahrscheinlich nichts oder nur wenig zu verlernen – to unlearn –, denn ihre Art kam der erstrebten Einfachheit ziemlich nahe, während der moderne Künstler, ehe er die Wahrheit der Dinge erkennen kann, den Schleier entfernen muss, mit dem die Moden der Zeit sie zu bedecken liebten.“ Die Moden der Zeit hatten die ursprünglichen, einfachen Formen verändert und umgebildet, so dass sie dem zeitgenössischen Künstler nicht mehr zugänglich waren. Zumindest bedurfte es besonderer Anstrengung, um wieder dorthin zu gelangen, von wo die Kunst sich entfernt hatte.

          In seiner letzten Rede im Jahre 1790 sprach Joshua Reynolds von der „großen Kunst Michelangelos“. Ihr gegenüber man einräumen müsse, „dass wir unter größeren Schwierigkeiten arbeiten als die, die im Zeitalter ihrer Entdeckung geboren wurden und deren Sinn von Kindertagen an diesen Stil gewöhnt war. Sie lernten diesen Stil als Sprache, als ihre Muttersprache. Sie hatten keinen mittelmäßigen Geschmack, so dass sie diesen Stil nicht wieder verlernen konnten, und es waren keine überzeugenden Reden nötig, um sie zu einer günstigen Aufnahme dieses Stils zu überreden“.

          Die besondere Schwierigkeit für die Modernen sah Reynolds darin, dass sie sich vom Ursprünglichen und Einfachen so weit entfernt hatten. Für sie war der Stil Michelangelos zu einem toten Stück Überlieferung geworden, zu einer abgestorbenen Tradition, die wie eine tote Sprache erlernt werden musste, um wiederbelebt werden zu können. War die Voraussetzung der Abgestorbenheit der Tradition einmal gemacht, dann folgte, dass ihre Aneignung etwas Künstliches haben musste, dass sie etwas anderes war als die Fortsetzung einer lebendigen Tradition. Und es folgte daraus auch die Aufgabe, dass man das, was man gelernt hatte, zuerst einmal verlernen musste, um sich, wenn man den Rückweg zum Einfachen gefunden hatte, diesen Stil ohne jede Künstlichkeit anzueignen. Es konnte also aussehen, als ließe sich die „real simplicity“, die wirkliche Einfachheit, restlos zurückgewinnen, so dass der Bruch der Tradition durch geeignete Maßnahmen geheilt werden konnte. Der Traditionsbruch und das Lernen des Verlernens gehören zusammen.

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