05.01.2013 · Die Unhaltbarkeit von Zeitdiagnosen ist schon fast ein wissenschaftliches Gesetz. Wer sich dennoch auf dem Jahrmarkt der Epochenumbrüche behaupten möchte, muss eine Reihe argumentativer Kniffe beherrschen.
Von Jürgen KaubeRichtlinien für Lesermeinungen
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@ Jenseits der Popwissenschaft
So richtig es ist, dass Historiker mit Prognosen vorsichtig sind, weil sie, wie einmal formuliert wurde, eben auch die Geschichte der Zukunftsforschung kennen, so sehr gilt doch auch, dass inbesondere die sogenannten Zeitgeschichtsschreibung ihre Früchte ganz in der Nähe sozialwissenschaftlicher Populärmeinungen wie "Ende des sozialdemokratischen Zeitalters" etc. anbaut. Rüdiger Graf und Kim Priemel haben im Heft 4/2011 der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte dieses Problem beschrieben. Vom diensthabenden Pop-Intellektuellen der Zeitgeschichte, Paul Nolte, ganz zu schweigen. Aber interessanter als die Frage, wer sich zu sehr Trendbedürfnissen ausliefert, ist die, welche Erkenntnishindernissse naheliegen, wenn man glaubt, Epochenbegriffe ohne Theorie bilden zu können. Ich denke da an Konzepte wie "Zeitalter der Extreme" oder "langes neunzehntes Jahrhundert" oder "Nachkriegszeit", die einerseits ganz selbstverständlich wirken, andererseits ganz unklar sind.
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 07.01.2013 00:33 UhrNaheliegende Erkenntnishindernisse
Nach kurzer Lektüre war Hobsbawm wirklich alte Schule. Aber ich verstehe nicht auf was Sie hinaus wollen. Angenommen die Astronomie hätte keine Urknall Theorie, wären die Astronomen deshalb gehindert Erkenntnisse über das Universum zu machen ? Man muß differenzieren welche Erkenntnisse man ohne diese Annahme des Urknalls machen könnte und welche nicht. Dann wäre die Frage welche der Erkenntnisse relevant sind, und welche nicht, b-antwortbar. Für die Raumfahrt z.B. spielt der Urknall (und die Expansion) auch in Zukunft keine Rolle.
Jenseits der Popwissenschaft...
Als Historiker muß ich meine Zunft ein wenig in Schutz nehmen: erstens sind wir qua unserer Erfahrung mit der Vergangenheit und ihren Zukünften generell eher zurückhaltend, was Prognosen betrifft. Zweitens scheinen mir Historiker wie auch Soziologen und Politologen in ihren Facharbeiten generell durchaus differenziert und quellenbasiert zu argumentieren, wenn es um gesellschaftliche Transformationsprozesse geht, d.h. sie berücksichtigen die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die begrenzte Gültigkeit ihrer Thesen für soziale Teilbereiche bzw. Räume, das vertrackte Verhältnis der longue durée zu plötzlichen Einschnitten etc. pp. Von dieser Akribie geht in der populärwissenschaftlichen Translation, u.a. zum Feuilleton nicht selten eine Menge verloren, bzw. gewisse Pop-Intellektuelle zimmern "ihre" Argumente (meistens gekonnt paraphrasierte Forschungsüberblicke) von vorne herein für ein breiteres Publikum zu einem Soundbyte zurecht - anders erfolgt ja keine Rezeption mehr.
Antworten (2) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 06.01.2013 12:29 UhrSoundbyte
Es ist doof die Welt mit neumodischen Schlagworten zu charakterisieren, weil ahistorisch. Einzig und allein Produktivkräfte verändern gesellschaftliche Zeit. Substanz ist Arbeit und Natur. Die Geschichte der Produktivkräfte nachzeichnen gibt Aufschluß über den Wandel.
Köstlich
genau der Stil, der im Essay beschrieben wird!
... oder meinen Sie das etwas ernst???
Dann hoffen wir bloß, dass diese Kollegen, sofern sie überhaupt hineinsehen, Ihr Schauglas zu schätzen wissen und nicht zurückzucken, um bis zur kommenden Redaktionskonferenz zu grollen wie Pessoa: "Der Schöpfer des Spiegels hat die menschliche Seele vergiftet."
Auch wenn ich nicht weiß, wen genau oder welche Fälle "historischer Klarstellungen" Sie meinen, darf ich es mal so sagen: Man schreibt nicht nur und keinesfalls in erster, zweiter oder dritter Linie, aber auch für Kollegen. Und die Fallen der Zeitdiagnostik sind nicht nur für freie Mitarbeiter offen.
Den Artikel sollten Sie allen Verfassern "historischer
Klarstellungen" mit Kenntnissen der Inversionsrhetorik in ihrem
Hause auf den Schreibtisch legen.
Das Ende der gedruckten FAZ - der Beginn
Wunderbarer Artikel, klug und wie gewohnt aus spitzer Feder und mit Hintergrundwissen.
Allerdings beschäftigt mich die Verpackung. Ich hätte lieber
auf raschelndem Zeitungspapier am Küchentisch gelesen statt am
Bildschirm oder auf dem schlecht gelungenen Ausdruck. So werden mich die
Zeitläufte wohl spätestens im nächsten Advent dazu
bringen, ein Tablet samt FAZ-online-Abo zum Sonderpreis zu erwerben.
(Verkaufen lautet das Stichwort)
Dann geht´s wieder am Küchentisch. So ist das eben. Und jetzt
schaue ich mal, was es in der Sektion 50+ so zu entdecken gibt.
Vielleicht eine mp3 mit Retro-Frühstiückstischgeräuschen.
@Das Ende der gedruckten FAZ
Der Beginn vom Ende? Nach dem Artikel, den Sie so freundlich beurteilen,
bin ich natürlich nicht der Richtige, um eine Zeit(ungs)Diagnose
abzugeben. Mir scheint es ja, dass in den Zeitzungen (und auch allen
anderen Medien), die Internet-Auftritte haben, nach wie vor die Phase
nicht beendet ist, in der - unter Kostendruck etc. - ausprobiert wird,
was sich eigentlich auf Papier und was im Netz bewährt. Wir leben
vermutlich in einer Übergangszeit, die mediengeschichtlich ziemlich
typisch ist - was nun aber kein Beruhigungs- oder
Entdramatisierungsversuch sein soll, denn auch in Zeiten der
Verhaltensunsicherheit gegenüber und in einem neuen Medium
können sehr folgenreiche Entscheidungen fallen; zum Beispiel solche
aus Unsicherheit oder Ignoranz.
Ihre Lesegewohnheiten teile ich, aber diese kleine Unterhaltung
darüber wäre nun wieder auf Papier sehr mühsam gewesen.
Demnächst aber wieder von dort...
Ich bekenne mich gleich mal schuldig: Ja, auch ich habe mich durch die
Strudel der Ankündigungen und Abgesänge, der Zäsuren und
der Wiederkehr-Affirmationen treiben lassen, und Ja, auch ich wurde
nicht schlauer dadurch, sondern nur älter. Das wäre ich
freilich auch im Liegestuhl am Strand geworden.
Ich habe (contra Blumenberg) immer gedacht, dass die Neigung zur
Laienhistorie aus der bürgerlichen Identität erwächst,
mithin würde es sich um eine zwanghafte Anwandlung handeln, denn
schließlich ist Bürgerlichkeit ein angepasster Frack, und
kein Trieb des Menschen. Dann wiederum hat Blumenberg recht: der eine
gibt in die Interpretation einen Hauch von Bedeutsamkeit hinein, der
andere eine Schaufel Pessimismus, der dritte verwechselt Subversion mit
Revolution, etc. etc.
Das Chaos ist schnell angerührt, wenn soviel verschiedene
Köche am Topf stehen.
Wunderbare Ironie
Sie haben völlig Recht, die Zeitdiagnose hat natürlich auch insofern etwas von Mode, als man gerne mitmacht, sich, wie Sie sagen, treiben lässt. Sie liefert dabei - wie manche Mode - Stoff zum Nachdenken gerade durch ihre Übertreibungen, Einseitigkeiten, den Widerspruch, zu dem sie sofort reizt und der ja auch so gut wie immer berechtigt ist. Und wie die Mode sind viele Zeitdiagnosen auch gar nicht gemacht, um eine Saison zu überstehen. Allerdings gibt es auch solche, die mit großer Hartnäckigkeit als Wahrheiten auftreten. Soll man nun an denen die Aufrichtigkeit bewundern oder die Naivität bedauern? Oder an den gleich mit Verfallsdatum produzierten den Zynismus beklagen oder das Spielerische genießen?
Mehr steckt oft wohl nicht dahinter. Allerdings, etwas macht die Geschichte schon deutlich: Die Lernfähigkeit des Menschen scheint begrenzt. Wie sonst wäre die Stagnation gesellschaftlicher Entwicklung sonst erklärbar. Die Keule wich subtileren Methoden, aber mehr ist wirklich nicht geschehen.
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 05.01.2013 14:42 Uhrich denke
es gibt viele Menschen, die viel lernen - unter anderem auch, nicht so einen Wirbel drum zu machen und das Gelernte für sich und im engeren Umfeld anzwenden.
Sind halt "Intellektuelle".
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 05.01.2013 17:25 UhrIntellektuelle
Ja, wobei das natürlich nichts Ehrenrühriges ist. In seiner umfassende und sehr lesenswerten Studie "Die Epoche der Intellektuellen. Geburt, Begriff, Grabmal" (Berlin 2010) hat Dietz Bering gut 120 Seiten lang (von S. 482 bis 606) sterben lassen. Woran? Am Verschwinden einer sinnvollen Links/Rechts-Unterscheidung. Am Vorrücken des Spezialistentums auch im Bereich der Sozialwissenschaften. Am Verblassen der Idee einer "allgemeinen Vernunft". Ich bin aber nicht sicher, ob solche "Ende des Intellektuellen"-Diagnosen nicht ihrerseits ein Fall dessen sind, dem sie den Totenschein ausstellen. Meine Frage ist dem vorgelagert: Wie kann man über die Gegenwart und über ihre Eigentümlichkeiten sprechen, ohne sofort alles in "Trends", "Konjunkturen" und übertriebenen Gesellschafts-Projektionen auszumalen. Anders gesagt: Könnten Intellektuelle die naheliegendsten Dummheiten nicht dadurch vermeiden, dass sie aus der Geschichte des Intellektuellen lernen?