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Erinnerungen an Henning Ritter Unbedingter Glaube an die Kraft des Gedankens

Er hätte auch ohne Probleme Goethe oder Nietzsche redigieren können: Erinnerungen an meinen Freund Henning Ritter.

© picture alliance / Erwin Elsner Vergrößern Henning Ritter (1943 - 2013)

Wenn ich am Freitagnachmittag ins Kaffeehaus kam, war Henning Ritter meist schon da. Ich blieb dann einen Augenblick in der Tür stehen, um ihn zu beobachten. Er war stets über ein Manuskript gebeugt, unter einer Glasglocke der Konzentration von den übrigen Gästen geschieden.

Er las mit einem Bleistift in der Hand - er las immer mit einem Bleistift in der Hand, manche behaupteten, dass er auch Goethe und Nietzsche redigierte - sein Lesen setzte sich sofort in einen Kommentar um. Dann hob er den Kopf und begrüßte mich mit seinem spöttischen Lächeln.

Mit beunruhigendem Scharfsinn

Seine Lieblingslektüre stammte aus dem achtzehnten Jahrhundert, und er glich in mehr als einer Hinsicht einem homme de lettres dieser Epoche; „leger et dur“ nannte Voltaire seine Franzosen, und das hätte auch über Ritters Art zu Denken gesagt werden können. Sein Gesicht war wie von dem großen Pastellmaler Quentin de la Tour gemalt, der Ritters lebenslangen Helden Rousseau festgehalten hat, nur dass Ritter die großen Augen, mit denen der Maler seine Modelle gern verschönte, wirklich besaß.

Unser Gespräch war höchst eigentümlich. Sein Scharfsinn war beunruhigend, niemals verurteilend und niemals empört, aber auch niemals zu täuschen, und die Frage, die er weniger seinem Gegenüber als sich selbst stellte, hieß: Was bedeutet es, dass dieser Mensch hier mir diese Geschichte erzählt? Unversehens sah man sich in andere Bezüge versetzt, die weit über das Geäußerte hinausreichten.

Sein Liebling: Rousseau

Unter seinen behutsamen Fragen und Anmerkungen wurde sein Gegenüber zum Phänomen, das ihm eine geistige Landschaft verständlich machte, die dem Sprecher womöglich ganz unsichtbar geblieben war. Man trat sich selbst in seiner Gesellschaft in einem leicht verändernden Spiegel entgegen. So hatten unsere Treffen etwas Séancehaftes - ich viel spre-chend, mich um Kopf und Kragen redend, er mich ironisch musternd, alles längst verstanden habend, um dessen Formulierung ich mich unbeholfen bemühte.

Dass Rousseau sein Liebling war, der Außenseiter, der eine aufs höchste entwickelte Kultur durch die Umkehrung ihres Grundprinzips zum Einsturz brachte, verblüffte mich so lange, bis ich darin seinen unbedingten Glauben an die Kraft des Gedankens erkannte. Und es war ja nicht nur der Revolutionär, der ihn anzog, sondern vor allem jener „Rousseau juge de Jean Jacques“, der das eigene Denken einer gnadenlosen Revision unterwirft.

Ein Streben nach Gerechtigkeit

Rousseau verkörperte für Ritter die Möglichkeit, mit sich selbst nicht solidarisch zu sein; sein Spott kam aus der Überzeugung, dass wir uns nur noch nicht weit genug von uns selbst entfernt haben, wenn wir nicht erkennen, wie komisch wir sind und wie fragmentarisch alles ist, was wir ins Werk setzen. Als Journalist hatte er mit einem charakterlichen Handicap zu kämpfen: Er war nur bereit zu schreiben, was er vor dem strengsten ihm bekannten Gerichtshof, seinem Gewissen, verantworten konnte, und so zögerte er oft, zu der in seinem Gewerbe als notwendig empfundenen eindeutigen Konklusion zu gelangen.

Es ging diesem, von manchen in seiner Ironie provozierend empfundenen Geist vor allem um Gerechtigkeit, und die ist in der Welt der Gedanken vielleicht noch schwerer zu finden als für die Taten. Wenn es nach subtilster Abwägung dann aber schließlich doch noch zum Richterspruch kam, konnte er unversehens von messerscharfer Bösartigkeit sein. Er fand dann zu Formulierungen, die dem zu Harmlosigkeit erzogenen Publikum so ungeheuerlich vorkamen, dass es glaubte, nicht richtig gelesen zu haben, und deshalb vergaß, sich zu entrüsten.

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Im Kaffeehaus habe ich in gewissen Abständen in den Seiten blättern dürfen, aus denen er dann seine legendären „Notizhefte“ geformt hat, dies Buch, das er nicht eigentlich geschrieben hat, sondern das lesend und denkend unmittelbar aufs Papier gekommen zu sein scheint. Ich glaubte immer, dass das Schreiben für ihn mühelos wie das Atmen sei. Da hat er mich getäuscht.

Als er mir von der Diagnose des Arztes berichtete, die ihm keine große Hoffnung mehr ließ, sagte er mir sehr eindringlich: „Ich fühlte eine ungeheure Erleichterung - du musst nie wieder schreiben.“ Seine Gelassenheit, seine stoische Ruhe, die Äquidistanz zu allem, was er beschrieb, hatten einen Unterstrom von Anspannung, ohne die eine große Leistung nicht möglich ist.

Der Schriftsteller Martin Mosebach, geboren 1951, lebt in Frankfurt. Zuletzt erschienen der Roman „Was davor geschah“ und der Essayband „Als das Reisen noch geholfen hat“.

Quelle: F.A.Z.

 
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