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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Erfolgsserie „Homeland“ Geht Odysseus ins Netz?

 ·  Sonntagabends präsentiert Sat.1 die amerikanische Serie „Homeland“. Jeder belauert hier jeden. Um den Rätselspaß der ersten Folgen zu steigern, stellen wir vier Leitmotive vor, auf die sie achten sollten.

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© 20th Century Fox International Television Sie will nichts mehr übersehen: CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) observiert Sergeant Brody (Damian Lewis)

Der Vorspann

Carrie, die weibliche Hauptfigur von „Homeland“ schläft. Die spätere CIA-Agentin ist noch ein Kind. Ihre Lider flackern in dem amerikanischen Vorspann zur Serie, den Sat.1 aus unerfindlichen Gründen nicht übernommen hat. Dann sitzt sie, immer noch Kind, vielleicht zehn Jahre alt, vor dem Fernseher. Wir sehen sie nur von hinten, schauen über ihre Schulter, wie es vielleicht ihre Eltern tun sollten, die nirgends in Sicht sind. Die Familie, das sind in diesem Fall die starken Männer der amerikanischen Politik. Ronald Reagan bestätigt Angriffe auf terroristische Lager in Libyen. Offenbar sind wir im Jahr 1986. Ein Reporter berichtet von den Anschlägen in Lockerbie. Das war 1988. Weitere Präsidenten treten in Fernsehbildern auf, George H. W. Bush, der den ersten Golfkrieg annonciert mit den Worten: „This aggression will not stand.“

Bill Clinton tritt vor die Kameras nach dem Anschlag auf die USS Cole im Jahr 2000. Colin Powell spricht seine berühmten falschen Sätze über die Massenvernichtungswaffen des Irak vor der UN nach dem 11. September 2001, kurz sehen wir George W. Bush. Barack Obama, zuerst auf dem Kopf stehend, erklärt, Osama bin Laden sei tot. Da hat sich sein Bild gedreht.

Zwischen diese Fernsehbilder, die chronologisch geschnitten sind, schieben sich aber noch andere – von Carrie vor einem Klavier, von Louis Armstrong, der in einem Nachtclub zu seinem Publikum spricht, von einer Trompete, von völlig schwarz verschleierten Frauen, die lärmen, von der erwachsenen Carrie unter einem Kopftuch in Bagdad, wo wir ihr in der ersten Folge begegnen, und immer wieder von einem grünen Irrgarten, in dem die junge Carrie mit einer Wolfsmaske vorm Gesicht steht und in dem dann auch Brody auftaucht, der nach jahrelanger Gefangenschaft heimgekehrte Marine, den sie verdächtigt, ein Terrorist zu sein.

Außer dem Grün des Irrgartens präsentieren sich die Bilder in einem Sepiaton, graubraun, als wären sie aus tief vergrabenen Schichten der Erinnerung hervorgezogen worden. Über ihnen liegt eine Kakophonie von Sprachfetzen, Störgeräuschen und einem jazzigen Trompetenmotiv. Es ist eine ganz klare Tonfolge, nicht gerade eine harmonische Melodie, eher eine Improvisation, die ihren Höhepunkt zu den Bildern aus New York am Tag der terroristischen Anschläge erreicht, Amateuraufnahmen, wie es scheint, von dem Chaos auf den Straßen, den zusammenbrechenden Türmen, der Brooklyn Bridge. Höhepunkt, das heißt hier nicht Lautstärke, sondern tatsächlich: der höchste Ton.

Der Vorspann ist das Markenzeichen jeder Serie, die Verpackung (auf der stehen muss, was drin ist) ebenso wie eine Art Vorhof der Geschichte. Er gibt eine Stimmung vor, er führt die Hauptfiguren ein, er setzt einen Ton. Manche Serien machen das grafisch, mit animierten oder gezeichneten Bildern, „Mad Men“ etwa. „Homeland“ macht es mit dieser Schnipselfolge von Bildern und Tönen, die der Zuschauer erst beim wiederholten Sehen in ihren Einzelheiten erkennen kann. Aber nicht unbedingt interpretieren.

Träumt sie von Amerika?

Ist das die Geschichte, die Biographie Carries, die sie zu der Person machte, die sie ist, zur CIA-Agentin? Zur psychisch gestörten CIA-Agentin? Sind dies ihre Träume, die zu interpretieren, würde sie sich an sie erinnern, helfen könnte, ihre Seele wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Träumt sie gleichsam stellvertretend für Amerika – traumatisiert, durchgeschüttelt von immer neuen Bedrohungen und Ängsten, verunsichert und gleichzeitig aufgestachelt und in Alarmbereitschaft versetzt von Lügen und Propaganda, welche von den tatsächlichen Angriffen überdeckt werden, in ihrer medialen Präsentation ununterscheidbar geworden von der Wahrheit?

Was wissen wir genau, was sind Vermutungen, was sind Schlussfolgerungen – all die Fragen, um die es in „Homeland“ gehen wird, sind in dieser Bildersequenz angelegt. Und gleichzeitig macht sie die Atmosphäre spürbar, in der Carrie von Kindheit an gelebt hat. Nicht in einem Land, das von seiner eigenen Größe überzeugt ist und diese Gewissheit der Unverwundbarkeit auch in seine Bürger pflanzt, sondern in einem Land in tiefer Irritation angesichts eines weltweit operierenden Feindes, dessen Bewegungen erst einmal unsichtbar bleiben. Ist es da ein Wunder, dass die Hauptfiguren von „Homeland“ sich nach nichts mehr sehnen als nach einer Nacht voll ruhigen Schlafs?

Verena Lueken

Weiter zum zweiten „Homeland“-Leitmotiv: „Brodys Odyssee“

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