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Er nannte sich Alastair : Der unbekannte Meister

Die „Königin der Nacht“. Bild: Archiv

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg betritt ein exzentrischer Zeichnerstar die Bühne: Alastair. Bald darauf ist er bereits vergessen, wiederentdeckt wurde er bis heute nicht.

          Alastair? Den Namen haben Sie noch nie gehört? Dann geht es Ihnen, leider, wie den meisten. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Denn man hätte sich Alastair auch als Kultfigur, als einen der Stars im Postershop, sogar als populäre Roman- oder Filmfigur vorstellen können; als einen jedenfalls, dessen Name jedem geläufig ist und von dessen exzentrischer Biografie man wenigstens schon mal gehört hat. Das Gegenteil ist der Fall.

          Im Jahr 1907 taucht der damals gerade Zwanzigjährige in München im Umkreis des berühmten Kosmikers Ludwig Derleth, Karl Wolfskehls und Stefan Georges wie aus dem Nichts auf - kein unbeholfener Tor wie Kaspar Hauser, sondern ein vielseitig begabter, polyglotter Artist und Lebemann mit einer Überfülle verblüffender Fähigkeiten, von denen man sich schwerlich vorstellen kann, dass er sie sich alle autodidaktisch angeeignet hat. Als Tänzer, Pianist, Sänger, Dichter und Zeichner erregte er Aufsehen.

          Stilsicher in mondäner Weltläufigkeit

          Seine noch vom Geist des Fin de Siècle gespeiste Stilsicherheit als Zeichner (eine an Aubrey Beardsley erinnernde Perfektion und Eleganz, ein frappierender Sinn für nur sparsamst akzentuiertes Schwarzrot, eine extravagante Figurenplazierung und ein außerordentliches Raffinement in der graphischen Wiedergabe textiler Strukturen) lässt eine ganz undeutsch wirkende Aura von mondäner Weltläufigkeit um ihn entstehen. Und der von ihm gewählte keltoromanische Künstlername „Alastair“ potenziert dieses internationale Flair bis auf den heutigen Tag, so dass er selbst von denen, die etwas von ihm wissen, immer noch eher in Paris oder London angesiedelt wird als in München.

          Als der Beardsley-Verleger John Lane 1914 in London „Forty-three Drawings“ als erste Buchveröffentlichung Alastairs herausbringt, sagt der Autor des Begleittextes dem Zeichner einen kometenhaften Aufstieg am europäischen Kunsthimmel voraus. Was aber nach 1914 noch kam, war die um einen Epochenumbruch verspätete und nahezu unbemerkt bleibende Veröffentlichung seines Hauptwerks und ein ebenso erbarmungswürdiges wie wundersames Überleben als Vergessener.

          Mit dem Fin de Siècle geht auch sein Stern unter

          Vor hundert Jahren, also zur gleichen Zeit, als in München der expressionistische „Almanach Der Blaue Reiter“ erschien, arbeitete Alastair womöglich am gleichen Ort an seinem Hauptwerk, das zu den schönsten und kostbarsten illustrierten Büchern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zählt. Es könnte aber auch in Marburg, Bad Honnef, Wiesbaden, Bad Tölz, London, Berlin oder Paris gewesen sein. All diese Wohn- oder Aufenthaltsorte sind für die Zeit zwischen 1910 und 1914 belegt oder zumindest wahrscheinlich. 1910 stellt Alastair in Köln und Düsseldorf aus, 1911 in der Galerie Thannhauser in München (wo ein Jahr später die Premiere des Blauen Reiters stattfand), 1912 in New York, Köln, Berlin, 1913 in London. 1914 lernt er in Paris Gabriele d’Annunzio und die Duse, André Germain, Yvette Guilbert und wohl auch Maurice Ravel, Claude Debussy, Erik Satie, vielleicht auch Jean Cocteau kennen.

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