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Entschleunigung : Das Museum als Insel

Was finden wir in Museen und Archiven - etwa im Goethe und Schiller-Archiv, dem ältesten seiner Art in Deutschland? Bild: ZB

Museen sind Orte der Entschleunigung. In ihnen können wir nachvollziehen, wie etwas zeitlos wird. Kann man diesen Prozess eigentlich beschleunigen - im Internet zum Beispiel?

          LIteraturmuseen und Archive sind Räume des Nachdenkens. Sie bieten Anlass, über Bewertung, Historisierung, Überlieferung und Kanonisierung von Literatur nachzudenken. Es geht aber auch um Speichermedien, sich wandelnde Präsentationsformen, ökonomische Markt- und Rahmenbedingungen, um die gesellschaftliche Relevanz von Literatur und ihren Produzenten, um Begriffe wie Original, Handschrift, Autograph, Aura, Objekt oder Reliquie.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Archive und Museen sind aber auch Referenzräume, in denen man sich des vielschichtigen Prozesses der Kanonisierung bewusst werden kann. Verlage, Kritiker, Museen, die Literaturwissenschaft, Archive, Akademien, vor allem solche, die Literaturpreise vergeben - sie alle sind Akteure im Prozess der Kanonisierung die sich ihres eigenen historischen Standortes bewusst sein sollten.

          Museum und Yoga

          Museen reflektieren historische Prozesse und Entwicklungen und bilden sie ab. Mit dem Museum verbinden wir aber auch die Vorstellung von einer abgeschlossenen Epoche. Museen sind widersprüchliche Orte. Wir erfahren sie als Maschinen, die uns Zeitreisen ermöglichen, und zugleich als Orte, in denen der dynamische Prozess des kulturellen Wandels aufgehoben ist. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Mit Hartmut Rosa könnte man Museen und Archive als „Entschleunigungsinseln“ verstehen.

          Feudal und auratisch: Das Deutsche Literaturarchiv Marbach am Neckar
          Feudal und auratisch: Das Deutsche Literaturarchiv Marbach am Neckar : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Rosa spricht in seinem Buch „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ (2005) von fünf „Kategorien der Beharrung“. Museen und Archive fallen meiner Ansicht nach sogar in gleich zwei dieser fünf Kategorien. Sie sind Entschleunigungsinseln oder sogar „Entschleunigungsoasen“, um einen anderen Begriff Hartmut Rosas zu gebrauchen, sie gehören aber auch in die Kategorie intentionaler Entschleunigung. Denn sie sind Orte, an denen Entschleunigung das Gegenteil erreichen will: „Solche Verlangsamungsstrategien können bisweilen unhintergehbare Voraussetzung für die weitere Beschleunigung anderer Prozesse sein. Sie werden sowohl von individuellen Akteuren wie von gesellschaftlichen Organisationen eingesetzt.“ Zumindest in diesem Sinne gehören Museen, Yoga und Anti-Stress-Kurse in dieselbe Kategorie.

          Auch Museen altern, und wenn dieser Alterungsprozess allzu augenscheinlich geworden ist, muss dringend die neue Dauerausstellung her. Wie lange kann sich heute eine Dauerausstellung als „akzelerationsresistente“, beschleunigungsferne „Praxisform“, wie es bei Rosa heißt, halten, bevor sie sich dem Modernisierungsdruck ergeben muss? Zwanzig Jahre? Oder nur zehn oder fünfzehn?

          Staatliche Museen sind keine Romane

          Auch die Literatur wird gern zu den „akzelerationsresistenten Praxisformen“ gezählt. Allerdings hat sie in den letzten zwei Jahrzehnten einen Ökonomisierungsschub erfahren, der von vielen Autoren schmerzlich als Trivialisierung ihres Metiers, auch als Einschmelzung ihres symbolischen Kapitals, empfunden wird, und im Gegenzug zu einer Re-Auratisierung bestimmter literarischer Bereiche geführt haben dürfte. Wenn ich diesem Phänomen nachspüren will, komme ich im Archiv nicht weiter. Dann muss ich dorthin gehen, wo eine solche Re-Auratisierung möglicherweise stattfinden könnte. Welche Orte sind das? Welche Instanzen könnten in der Lage sein, eine Auratisierung, oder Re-Auratisierung oder De-Auratisierung zu betreiben?

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