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„Der Rattenfänger von Hameln“ in aller Welt : Unverhoffte Geschenke

  • -Aktualisiert am

Bild: Christian Padberg

Während sich Gelehrte hierzulande über die Auslegung der Hamelner Sage vom Rattenfänger streiten, haben Studierende aus aller Welt die Geschichte weitererzählt, kühn und erhellend. Preiswürdig sind sie alle.

          Die schönsten Dinge geschehen unverhofft. Genau wie im Märchen. Noch vor einem Jahr hätte ich mir nicht träumen lassen, dass die Sage vom Rattenfänger, die mich, in Hameln geboren, seit jeher begleitet, tatsächlich rund um die Welt gehen würde. Und zwar nicht in Gestalt jenes Rattenfängers, den meine Heimatstadt bis heute touristisch vermarktet, sondern indem sie die Gestalt eines Märchens annimmt und unerwartete Metamorphosen durchläuft. Denn die Sage, so wie wir sie kennen oder wenigstens doch zu kennen glauben, zeigt sich plötzlich in einer neuen Gestalt.

          Das ist Geschenk und Befreiung zugleich, die unbekümmerte Emanzipation von einer chronistischen Vorlage, um deren Auslegung Historiker, Sprachwissenschaftler und Literaten bis heute streiten. In dem hier ausgeschriebenen Wettbewerb hat sich, höchst überraschend, genau das ereignet, wovon wir meistens nur träumen. Die zur Nach- und Forterzählung der Geschichte eingeladenen Studentinnen und Studenten aus aller Welt kümmern sich nicht um Deutungshoheiten, sondern gehen auf kühne und erhellende Weise erzählend andere, eigene Wege.

          Keine größere Reise

          Ich muss allerdings zugeben, dass es ein kleiner Schock war, als im Februar zwei in Bonn so sorgfältig verpackte wie fantastisch organisierte und überwältigend dicke Ordner in Berlin eintrafen, die mich unmittelbar an Goethes „Zauberlehrling“ denken ließen: Die Geister, die ich gerufen hatte, wurde ich buchstäblich nicht mehr los. Ich hatte den Rattenfänger gespielt, jetzt musste ich mit den Ratten und Kindern klarkommen. Die beiden magischen Ordner auf meinem Küchentisch entwickelten in den nächsten Wochen bis hin zur Jurysitzung ein eigensinniges Eigenleben und bereiteten mir die eine oder andere schlaflose Nacht. Ich hörte einfach nicht auf zu lesen, tat kein Auge mehr zu.

          Dass Lesen und Schreiben immer auch Reisen sei, ist eine Binsenweisheit und also wahr. Und das Märchen erzählt fast immer von Reisen, die, selten freiwillig, sondern meistens aus Not unternommen, alles andere als touristische sind. Was mich betrifft, ich bin nicht wenig gereist, aber eine größere Reise als die Lesereise mit den Wettbewerbsteilnehmern habe ich nie unternommen. Sie beginnt in Afrika, geht von dort aus weiter nach Asien, danach in die Baltischen und Skandinavischen Länder, weiter nach Südamerika und schließlich durch Mittel-, Süd- und Osteuropa.

          Wir reisen, wir fahren. Und es wechseln, aller behaupteten Globalität zum Trotz, Länder und Sitten, Getränke und Speisen, Gerüche und Farben. Es wechseln Verkehrs- und Höflichkeitsformen, Politik, Religion und Moral, Not und Gefahr. Es wechselt die Landschaft, die Liebe, die Einkommenslage. Die Kinder wechseln Kostüme und Namen. Es wechseln die begleitenden Fabeltiere. Es wechselt das Wetter. Es wechseln Stimmung, Töne und Klänge, Witz und Humor. Der Rattenfänger kommt nicht mehr aus Hameln und heißt womöglich Curt Bonaparte. Er kann gut sein und böse, verprellt und listig zugleich, zieht Register und spielt Instrumente, von denen ich vorher nichts ahnte.

          Sätze und Schätze, von denen manch großer Autor nur träumt

          Die mehrwöchige literarische Weltreise in meiner Berliner Küche hat mich fasziniert und bereichert. Und Bescheidenheit gelehrt. Nicht nur, was mein eigenes Reisen, sondern auch was mein Schreiben betrifft. Denn Erzählen, das beweist das Ergebnis vor allem, ist weit mehr als Sprachbeherrschung. Im Gegenteil scheint es fast umgekehrt: Der Umgang mit einer fremden Geschichte in einer fremden Sprache und das Risiko, dabei Fehler zu machen, inspiriert auf besondere Weise, ist ein Zugewinn an Freiheit und erzeugt einen eigenen Erzählimpuls, der überraschende Erkenntnisse zutage fördert. Und zeigt auf wunderbare Weise, wie weltweit belastbar, flexibel und reich das Märchen in all seinen Formen ist.

          Erzählen und Reisen heißt Bekanntschaften schließen, in einen neuen Umgang kommen, sich in fremden Spiegeln und Sprachen betrachten, dabei gelegentlich auch in Verwirrung geraten. Vor allem lehrt es uns eins: dass es in der Fülle der erzählten Geschichten so gut wie unmöglich ist, nur 20 von 196 zu preisen. Preiswürdig sind sie alle, weil ihre Erzähler furchtlos zu Werke gehen und uns mit Sätzen wie diesen beschenken: „Am Ende waren sie sehr reich und führten ein sauses und brauses Leben.“ Das sind Sätze und Schätze, von denen manch großer Autor nur träumt und wären allesamt würdig, mit dem alle zwei Jahre von der Stadt Hameln ausgelobten „Rattenfänger-Literaturpreis“ für phantastische Literatur gepriesen zu werden!

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          Quelle: DAAD

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