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Ein Gespräch mit der Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch : Uns fehlt die Kultur des Glücks

Eine entschiedene Stimme für die Opfer postsowjetischer Gewalt: Swetlana Alexijewitsch Bild: Thomas Kierok/laif

Dostojewski hat gesagt, dass erst das Leid den Menschen zum Menschen macht: Die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch weiß aus Erfahrung, wovon der Dichter spricht.

          Was bedeutet die Verleihung des Friedenspreises für Sie?

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sind wunderbare Namen verbunden: Schweitzer, Jaspers, Hesse. Die Liste der Geehrten bezeichnet die Besten, das, was ich liebe, mein Gepäck, das, was mich erzogen hat - und was die Sowjetunion uns nicht geben konnte.

          Was, glauben Sie, könnte diese Auszeichnung Ihrem Land geben?

          Tatsächlich ist dieser Preis nicht nur für mich wichtig, sondern für viele. Er bedeutet, dass die Welt diejenigen in Weißrussland und Russland unterstützt, die heute im Gefängnis oder in erzwungener Tatenlosigkeit leben müssen, eine schwere Niederlage erlitten haben und nur versuchen können zu überleben, weniger physisch als vor allem geistig. Weißrussland und Russland machen eine dunkle Zeit der Wirren durch.

          Ich bin nicht gegen die orthodoxe Kirche, wohl aber gegen die Orthodoxie des sechzehnten Jahrhunderts, die von Zar Iwan dem Schrecklichen mit ihren furchtbaren, unzivilisierten Gesetzen, die Russland heute auf den iranischen Weg zu bringen versucht. In dieser Lage haben nur wenige wie ich die Möglichkeit, zu sprechen und gehört zu werden.

          Sie haben Ihre Folge von Büchern über Frauen- und Kinderschicksale im Zweiten Weltkrieg, über Tschernobyl und russische Afghanistan-Tote als eine „Geschichte des Roten Menschen“ bezeichnet. Wobei Ihr Werk durchweg tragische Lebensläufe dokumentiert, es ist ein Blumenstrauß menschlichen Unglücks. Man möchte in Ihnen fast ein weibliches Gegenstück zu Alexander Solschenizyn erblicken, der in seiner Trilogie „Rotes Rad“ die Gründe der sowjetischen Katastrophe aufzeigen wollte. Wie Solschenizyn verließen Sie Ihre Heimat, um später zurückzukehren. Sie und er haben sogar die jeweils umgekehrten Initialen!

          (Lacht.) Ich bewundere Solschenizyn natürlich. Sein alternatives Geschichtswerk ist eine große Tat. Dennoch würde ich es heute wohl nicht wieder lesen. Solschenizyn schildert das GULag-Dasein als etwas trotz allem Sinnvolles, weil es den Menschen auch reinige. Mir steht sein literarischer Antipode Warlam Schalamow viel näher. Schalamow war überzeugt, dass die Erfahrung des Lagers keinen Sinn und keinen Nutzen habe, sie verderbe nur Henker und Opfer gleichermaßen. Der harte Dokumentarstil von Schalamows Lagerprosa inspiriert mich bis heute. Dabei ist mir vor allem die Musik des Textes wichtig.

          Aber liegt nicht auch etwas spezifisch Weibliches darin, dass Sie Geschichte nicht anhand äußerlich fortschreitender Ereignisse, sondern durch die Variationsform vieler verschiedener Einzelschicksale erzählen? Wobei beeindruckt, dass vom Dasein Ihrer Figuren fast nur das Leid beschrieben wird, und zwar in solcher Konzentration, dass ich Ihre Texte, ehrlich gesagt, nur in kleinen Dosen genießen kann. Betrachten Sie es, wie die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja, als Ihre Mission, den von der Geschichte Überrannten zu historischen Würden zu verhelfen?

          Dostojewski hat gesagt, dass erst das Leid den Menschen zum Menschen macht. Anna Politkowskaja achte ich hoch, sie war eine äußerst mutige Frau. Aber ich verstehe meine Aufgabe anders. Ich will mir und anderen klarmachen, wer wir eigentlich sind, wir, die Kinder der Utopie. Dabei muss ich die diversen Biographien bis auf das jeweils Schicksalhafte eindampfen, alles Nebensächliche wegwerfen. Unser Leben wird vor allem von der Liebe und dem Tod bestimmt. In autoritären Staaten kommt noch der Dienst an einer Idee hinzu. Sie ist uns inzwischen abhandengekommen.

          Wie Schalamow sagte: Die Idee des vollkommenen Lebens hat eine Niederlage erlitten. Aber für meine Generation war sie existentiell wichtig. Ich kam kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hier ganz in der Nähe, im vormals polnischen Iwano-Frankowsk, als Kind einer dortigen Ukrainerin und eines „Okkupanten“, eines weißrussischen Kommunisten, zur Welt. Meine Eltern waren zeitweise so arm, dass ich zu verhungern drohte.

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