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Die Geschichte eines Bilderbuchklassikers : Ein Haus, von dem die Kinder träumen

Bild: Atlantis Verlag Zürich

Bilderbücher kommen und gehen. Nur wenige bleiben länger frisch. „Der Xaver und der Wastl“ von Heidrun Petrides begeistert seit mehr als 50 Jahren immer neue Leser. Warum nur?

          Farbe - das ist es, was Xaver und Wastl einer grauen Welt entgegen setzen. Die leuchtend blonden Haare, den blauweiß gestreiften Pullover, natürlich die leitmotivisch durch das Buch stöckelnden rotweiß bestrumpften Beine steuert der lange Xaver bei. Der kurze Wastl hält sich in seiner Kleidung farblich eher bedeckt, tut aber das seine, die kleine Welt der beiden Freunde mit dem Pinsel bunter zu machen. Das hat sie auch nötig, dringend sogar. Xaver, der unterm Dach wohnt und außer Dächern nicht viel mehr zu sehen bekommt, und Wastl, der im Souterrain lebt, träumen von einem Haus, das sie selbst entwerfen, groß soll es sein und bunt. Dann stoßen sie im Wald auf eine alte Bauhütte, ermitteln den Besitzer, erhalten die Erlaubnis, es sich dort gemütlich zu machen, sie gehen ans Werk, stecken den einen oder anderen Rückschlag weg und überraschen am Ende die Eltern mit der fertig hergerichteten Hütte.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Mehr geschieht nicht in diesem Bilderbuch, das 1962 erstmals erschienen ist und sich seither bestens verkauft, zur Zeit in der 12. Auflage, immer noch im Atlantis Verlag in Zürich. Die Verlegerin Bettina Hürlimann beschrieb 1976 in ihren Erinnerungen, „Sieben Häuser“, wie das Manuskript von „Xaver und Wastl“ zu ihr kam: „Eines Tages wurde mir ein Ehepaar gemeldet. Es führte den griechischen Namen Petrides, und Herr Petrides trug ein schweres Paket. Es war im Jahr 1961. Das Manuskript, das sich da aus vielen Hüllen schälte, stammte von der Tochter des Ehepaars, die in Hamburg aufs Gymnasium ging, vorher in München gelebt und auf der Internationalen Jugendbibliothek dort Zeichenunterricht genossen hatte.“ Und dann, schreibt die Verlegerin, hielt sie ein Manuskript in Händen, das „textlich und bildlich das liebenswerteste und perfekteste Bilderbuch“ werden sollte, „das man sich vorstellen kann“.

          Glanzideen aus der Familiengeschichte

          Ein Meisterwerk aus dem Nichts, so scheint es, und allenfalls der Hinweis auf den Zeichenunterricht, den Heidrun Petrides in München erhalten hatte, lässt den Boden erahnen, auf dem „Der Xaver und der Wastl“ gewachsen ist. Und natürlich spielt auch der Umzug nach Hamburg eine Rolle, den Bettina Hürlimann erwähnt. Denn das Buch ist nicht nur die Geschichte der beiden Jungen, die sich buchstäblich ihre eigene Welt schaffen, sondern auch eine (vielleicht aus Heimweh geborene) Liebeserklärung an München, wie es die 1944 geborene Heidrun Petrides als Kind erlebt hatte - einmal hält sie im Hintergrund die Silhouette der Stadt in einem Panorama fest, wenn sie Xaver und Wastl die Bauhütte entdecken lässt.

          Heidrun Petrides in den siebziger Jahren

          Heidrun Petrides ist nicht in München geboren, die Familie ist aus Rumänien geflohen und ließ sich zunächst in Oberbayern nieder. Vieles von dem, was Xaver und Wastl unternehmen, um sich die Bauhütte wohnlicher zu gestalten, sei aus der Familienüberlieferung geschöpft, sagt die Autorin. Wenn Xaver etwa seine „Glanzidee“ verkündet, weil er sich an einen Sonntagsspaziergang mit den Eltern erinnert und an die Erklärungen seiner Mutter, dass man aus Binsen „Fußmatten, Untersetzer und ähnliches Zeug“ machen könne, dann ist das dem Dachgeschossausbau der Familie Petrides geschuldet und der Herstellung des benötigten Teppichs.

          Wein am hellichten Nachmittag

          Überhaupt, sagt Heidrun Petrides am Telefon, müsse man das Buch als Gemeinschaftswerk der Familie ansehen, an dem jeder irgendwie beteiligt gewesen sei. Entstanden sei es für den sechs Jahre jüngeren Bruder (dessen Kinder die Originale noch heute an den Wänden hängen hätten), mit der Mutter hätte sie jeden Abend nach dem Essen daran gearbeitet, und besonders beim Text hätte sie einige Hilfe benötigt und auch bekommen. Und selbst die Schlagzeilen der Zeitungen, mit denen die Jungen ihre Bauhütte tapezieren („Große Freude in Maxlried: Volksschule abgebrannt“) stammten aus dem familiären Witzefundus.

          Trotzdem wirkt das Buch wie aus einem Guss. Natürlich hat es mittlerweile hier und dort etwas Patina angesetzt - oder wenigstens die Welt, die es schildert. Da ist ein Junge, der zum ersten Mal überhaupt ein Telefon in der Hand hat, eines, das an der Wand hängt und dessen Hörer aussieht wie ein Duschkopf an einer Konservendose - er brüllt dann so laut, dass sein Gesprächspartner am anderen Ende Angst um sein Trommelfell bekommt. Da ist ein Ofen, wie ihn ein heutiges Kind kaum noch zu sehen bekommen wird. Und da sind besorgte Erwachsene, die ihren Söhnen dennoch fröhlich Wein ausschenken, am hellen Nachmittag.

          Bestechende Dramaturgie

          Heidrun Petrides, die im kommenden Jahr ihren siebzigsten Geburtstag feiern wird, hat in Zürich studiert und in Berlin in einem Kinderladen gearbeitet. „Ich wollte die Welt verändern“, sagt sie heute, und man nimmt es ihr ab. Als sie 32 Jahre alt war, verließ sie Deutschland und lebte zwei Jahre „als Einsiedlerin in Guatemala“. Sie zog nach England und gründete eine biologische Bäckerei, verkaufte sie wieder und lebt nun in Devon. Manchmal wird sie noch auf „Xaver und Wastl“ angesprochen, wenn Studenten Arbeiten über das Buch verfassen oder Schüler es in der Klasse lesen. Neulich wurde eine Theaterfassung aufgeführt.

          Das Buch ist quicklebendig, so scheint es, die Zeit tut ihm nichts an. Warum das so ist, kann man nur mutmaßen. Vielleicht, weil Heidrun Petrides mit leichter Hand souverän Regie führt und die Dramaturgie der Bilder noch heute besticht. Weil die beiden Jungen mit dem selben Problem zu kämpfen haben wie viele Kinder fünfzig Jahre später. Weil sie die Hilfe der Erwachsenen genau im richtigen Maße erfahren, mit einer Präzision, wie sie vielleicht nur ein Jugendlicher bemessen und beschreiben kann. Und weil sie daran wachsen, für sich selbst zu sorgen und das Haus, von dem sie träumen, mit einigen Abstrichen in die Realität zu überführen.

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