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Der syrische Autor Amer Matar : Mit dem Kopf in der Hölle

Das Tempo seiner Gesten zeigt, was er erlebt hat: Amer Matar Bild: F.A.Z.

Seit einem Jahr, nach Folter und Flucht, lebt der syrische Autor Amer Matar im deutschen Exil. Als er bei einer Lesung in Offenbach über sein Land und sein Leben spricht, bedrängt ihn nicht nur die Erinnerung.

          Als Amer Matar, ein syrischer Autor, Journalist und Dokumentarfilmer, an diesem Abend endlich sprechen darf, sagt er leise, entschuldigend fast, dass man heute leider über den Tod sprechen müsse.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zuvor aber ergreift der Veranstalter das Wort: Er heiße Jahnke, sei Mieter der Akademie für interdisziplinäre Prozesse (afip), und überglücklich, dass sich hier, in diesem Offenbacher Kulturzentrum, so viele Leute für das Intellektuelle engagierten. Amer Matar sei gekommen, um ein bisschen über die Revolution zu sprechen, auch darüber sei er natürlich glücklich. Und vielleicht, sagt Jahnke, säßen irgendwo zwischen den Zuhörern ja einige Redakteure der F.A.Z und ein Mitarbeiter des ZDF – darüber sei er natürlich besonders glücklich. Bevor es aber losgehen könne, habe er noch eine kleine Vorstellung zu machen. Jahnke holt aus einem Nebenraum eine Heizung, die er an einer Hundeleine hinter sich herzieht, und stellt sie als „Marion“ vor. „Marion“ gehe es nicht gut, sagt Jahnke. Aus Geldmangel könne sie das afip im Winter nicht warmhalten. Wer also wolle, dürfe dafür gerne etwas spenden.

          Von der Unfähigkeit

          Matar lächelt höflich. Erst seit einem Jahr lebt der Syrer in Deutschland, als Stipendiat des „Writers-in-Exile“-Programms, ausgeschrieben vom hiesigen Pen-Zentrum. 2012 floh er über die Grenze nach Jordanien, wo ihn Soldaten festhielten, bis die Heinrich-Böll-Stiftung vermittelte. Schon früh brachte Matar das Assad-Regime mit kritischen Äußerungen gegen sich auf: 2001 war er Mitbegründer von „The Street“, einer Organisation im Kampf für die Pressefreiheit. Anschließend schrieb er für das Feuilleton der in Syrien verbotenen „Annahar“-Zeitung, studierte Journalismus an der Damaszener Universität und dokumentierte den beginnenden Widerstand filmisch auf Al Dschazira, Al-Arabiya und France24. Für einen dieser Dokumentarfilme, „Azadi“, bekam Matar 2011 einen Preis auf dem Rotterdamer Filmfestival. Und damit die ersten Probleme. Zweimal wurde er vom syrischen Geheimdienst festgenommen und gefoltert, stets lautete der Vorwurf, falsche Nachrichten zu verbreiten und die Moral der Nation zu schwächen.

          Nun also sitzt er Deutschland, genauer: im hintersten Winkel eines Offenbacher Kulturzentrums am Rande von Frankfurt, umgeben von drei verschleierten Schreibtischlampen und einem leuchtenden Globus, und muss in diesem Rahmen über den Tod sprechen. Matar liest zunächst eine literarische Miniatur auf arabisch vor, die eine Mitarbeiterin des Germanistischen Instituts der Universität Gießen anschließend ins Deutsche überträgt. Der Text handelt von Matars Vorträgen im Exil. Von einem Menschen, der mit dem Kopf in der syrischen Hölle feststeckt und mit dem Körper mitten im vor sich hinplätschernden europäischen Alltag. Er handelt von der Unfähigkeit, das Grauen in Worte zu übersetzen und die Worte in Taten. Eine Situation, die den anschließenden Dialog und das Publikumsgespräch auf gespenstische Weise spiegelt.

          „Mittags findet im Rahmen einer syrischen Kunstausstellung in einem kleinen Saal in der Innenstadt eine Veranstaltung zur Situation in Syrien statt“, schreibt Matar. „Knapp fünfzig ältere Leute und ein Freund sitzen da. Wieder wird die gleiche Platte aufgelegt. Das Massensterben in meinem Land. Die Zahl der Toten. Die Bekräftigung, dass die Revolution nicht religiös motiviert ist. Während die immer gleichen Phrasen wiedergekäut werden, verliert Fatima, ein kleines Mädchen, ihren Kopf.“

          Wie naiv wir sind

          Ein Mann meldet sich und erklärt mit donnernder Stimme, er begreife nicht, wie Matar hier überhaupt noch von einer Revolution sprechen könne. Das sei doch längst ein Bürgerkrieg, da werde ja nur noch aufeinander geschossen.

          Matar erklärt, ein Jahr lang habe das gesamte soziale und religiöse Spektrum friedlich gegen Assad demonstriert, dann habe das Regime zu schießen begonnen. Das, sagt er mit leidenschaftsloser Stimme, müsse man wohl eine Revolution nennen.

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