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Das Phänomen Jonas Kaufmann Meine Uhren gehen schneller

Schon mit 41 Jahren legte Jonas Kaufmann 2010 seine (Auto-)Biographie vor - das gescheiteste Opernbuch seit langem, fand unsere Rezensentin.

© ddp Jonas Kaufmann

Der schöne Herr Kaufmann! Es ist schwer, von diesem lockigen Latin-Lover-Knaben ein Foto aufzutreiben, auf dem er nicht einfach nur unverschämt gut aussieht, zur Freude seines Werbepartners Rolex, wobei die Uhren von Tenören bekanntlich schneller laufen als die Uhren anderer Menschen. Heldentenöre singen sich öfter kaputt als Sänger in anderen Stimmfächern. Sie können nicht warten, bis sich so etwas wie Lebenserfahrung angesammelt hat. Tenöre haben ihren Durchbruch mit dem „Werther“ oder „Alfredo“, werden angehimmelt, vermarktet, überschätzen sich, kriegen Stimmbandknötchen, Ich-Krisen, Ehe-Krisen und andere Malaisen, schon ist es vorbei. So gesehen kann der Zeitpunkt für den Lebensrückblick eines Tenors nicht früh genug angesetzt werden.

Eleonore Büning Folgen:

Jonas Kaufmann machte die Stimmkrise seines Lebens schon durch vor dem ersten Durchbruch. Sein Buch beginnt mit einer fetten Anhimmelei, im Vorwort reicht Plácido Domingo dem jungen Kollegen die Fackel weiter, folgt die märchenhafte Story von Kaufmanns „Alfredo“-Debüt an der Met und ein Kapitelchen Kindheit.

Dann spricht Kaufmann selbst, er beantwortet Fragen von Thomas Voigt. Beide verstehen viel von Musik, speziell vom Singen, sie kennen alle alten Aufnahmen, fast alle Aufführungen, Dirigenten, Regisseure, wissen von den Tücken und den Glücksfällen des Betriebs. Sie sind ehrlich miteinander, sie reden zur Sache. Das macht Spaß, man liest sich fest und merkt allmählich, dass dieses Buch, das anfangs so tat, als sei es nur wieder eine Dumm-Dümmer-Tenor-Broschüre, das kompakteste, gescheiteste, kritischste Opernsachbuch seit langem ist.

Zwischendurch melden sich Gäste zu Wort, Jürgen Kesting kritisiert Kaufmanns „voix mixte“, Christa Ludwig wünscht sich von ihm nicht weniger Intelligenz, aber doch etwas mehr Geschmetter und mehr „pure Lust am eignen Ton“. Fragt Voigt nach: Ob er sich nicht bei Puccini und Verdi eher zu Hause fühle als bei Wagner? Kaufmann, der am heutigen Sonntag den Lohengrin singt in Bayreuth, erklärt, dass ihm typische Wagnerstimmen viel zu laut und angestrengt vorkämen, „zu viel Wobble“. Das habe er nie gemocht. „Hätte ich damals schon die alten Italiener mit Wagner gehört, Alessandro Ziliani zum Beispiel, wäre bei mir sicher eher der Groschen gefallen. Ich finde ja, dass jeder Sänger Wagner erst einmal auf Italienisch singen sollte. Das hilft enorm bei der musikalischen Gestaltung.“

Thomas Voigt, Jonas Kaufmann: „Meinen die wirklich mich?“ Henschel-Verlag, 176 Seiten, 19,90 Euro

Quelle: F.A.S., 24.07.2010

 
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