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Veröffentlicht: 25.01.2013, 17:42 Uhr

Das Gesicht in der Popkultur Augen geradeaus, Menschlein!

Der Takt unserer Zeit hinterlässt seine Spuren in den Gesichtern, die uns die Zeit vertreiben. Die Populärkultur will Identifikation - und nimmt die Verarmung unserer Gefühlswelt in Kauf.

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Wahrscheinlich bin ich bescheuert, oder vornehmer ausgedrückt: Vermutlich liegt eine der vielen Zwangsneurosen der Handypraxis vor, wenn ich bei jeder SMS, in die ich einen Smiley oder sonst ein Emoticon setzen will, den zähesten Widerwillen dagegen empfinde, mich bei den menüseitig angebotenen kleinen gelben Fratzen zu bedienen. Viel lieber wünsche ich, weil mir meine momentanen Gemütsbewegungen zu kompliziert erscheinen, als dass der vorgefertigten Maskenvorrat ihnen gerecht werden könnte, mit /,>, ° oder $ eigene Kreationen herzustellen.

Punkt, Punkt, Komma, Strich

Dietmar Dath Folgen:

2013 jährt sich exakt zum zwanzigsten Mal das Erscheinen eines Versuchs, mit den Mitteln der popkulturellen Alltags-Zeichendeutung Licht ins Dunkel der Selbstwahrnehmung zu bringen, in dem das Menschenherz Unsicherheiten und Unbehaglichkeiten wie meine beim SMS-Schreiben empfundenen ausbrütet: Im sehr guten, äußerst hybrid komponierten, teils erleuchteten, teils notwendigerweise (es war ja ein Pionierwerk) leicht konfusen Buch „Understanding Comics“ von Scott McCloud, einem Menschen, welcher der Kunst der Comics sowohl als Zeichner und Texter wie als Theoretiker verbunden ist, liest man Erhellendes über den sogenannten „Maskeneffekt“. McCloud zufolge sind die identifikationsförderlichsten, also beliebtesten Figuren in den sequentiellen Erzählungen der Strips und Heftchen jene mit den reduziertesten, einfachsten Gesichtern, weil sie unsere ungenaue Ichwahrnehmung ansprechen: Punkt, Punkt, Komma, Strich – ein Denkansatz, der sofort verstehbar macht, warum ich meine Seelenregungen nicht von der Mobiltelefonindustrie abbilden, also: mich von ihr nicht bis in mein unscharfes, sich selbst nie ganz transparentes Inneres durchschauen lassen will.

22776593 © Verlag Vergrößern Theorie des „Maskeneffekts“: Scott McClouds „Understanding Comics“

Ob diese Theorie für die Comics selbst, an denen McCloud sie 1993 entwickelt hat, in jedem Fall zutreffen – für die „Peanuts“ und die Arbeiten des großen Chris Ware treffen sie sicher zu, für „Prinz Eisenherz“ und die Werke des noch viel größeren Dave Sim dagegen kaum – ist fast egal, entscheidend scheint mir dagegen, dass der tiefe Zusammenhang zwischen „wie ich mich fühle“ und „wer bestimmt, was der sichtbare Ausdruck eines Gefühls ist“ darin richtig erspürt wird. Nicht nur (emotionale) Wahrheit, auch die ihr im Abendland bis zurück zu den Griechen (und anderswo bis nach Amarna) eng verwandte Schönheit wird, wenn es ums Gesicht geht, gern am Maß des stilisierend Reduzierten, der Regel „so wenig zeigen wie möglich, so viel wie nötig“ gemessen, und auch dafür gibt es einen Beleg aus der Comicwelt: Frauengesichter, so ein unverletzbares Prinzip der „idealisiert realistischen“ Comicschule um Klassiker wie Alex Raymond, sollen „grundsätzlich weniger Linien“ (Raymond) als männliche haben, was interessanterweise auch das Spektrum der Gefühle, die sie in den entsprechenden Geschichten überhaupt haben können, reduziert.

Dass das Erleben, also Plot (im Kleinen) und Historie (im Großen) seine Spuren in onto- und phänotypischen Gesichtern hinterlässt und der moderne abstrakte Takt der Zeit (Arbeitszeit, Freizeit…) über Schnittstellen wie die „Rolle“, das „Make up“ und die „Maske“ in die Gefühlshaushalte eingreift, hat in Kino und Fernsehen zwischen den Gummimasken von „Mission: Impossible“ und dem erzwungenen Fratzentausch von Travolta und Nicolas Cage in John Woos „Face/Off“ für ein paar satte Adrenalinschübe gesorgt.

Die irritierendste Umsetzung dieser Antlitzenteignung als wörtlich genommenem „Identity theft“ dürfte die im Februar 2000 erstausgestrahlte Folge „Who are you“  der Fernsehserie „Buffy, the Vampire Slayer“ sein, in der die aus der Art geschlagene Vampirjägerin Faith (Elisa Dushku) und ihr angepassterer Widerpart Buffy (Sarah Michelle Gellar) „die Körper tauschen“: Die Szene, in der Gellar als Buffy als Faith als Dushku vor dem Spiegel Grimassen schneidet, um die zu werden, die ihr Aussehen sozusagen annonciert, und dabei eine extrem verwirrende Mischung aus Authentizitätssuggestion, durchschaubarer Schauspielerei und plötzlich auf höherer Ebene wieder undurchschaubarer Schauspielerei-als-Trick-einer-Schauspielerin-die-eine-echte-Person-spielt-die-eine-unechte-Person-spielt erfindet, hält mehrere Minuten lang die bizarrste Schwebe zwischen komödiantischem Jux und unheimlicher mimischer Entgleisung, Eitelkeit und Selbsthass, Koketterie und Schockabsicht.

Vielleicht sind, wenn die Formbarkeit des biologischen Ausgangsmaterials auf der Grundlage genormter bis „populärer“ (also: weich genormter) Datensätze sich über die bereits erreichte Schwelle zur kosmetischen Totalvirtualität hinaus ins Nachmenschliche fortentwickelt, solche künstlerischen Effekte für unsere Nachfahrinnen und Nachfahren gar nicht mehr lesbar. Dann hätte Foucault doch noch Recht mit seiner Prophetie vom Menschen an sich, der irgendwann verschwinden müsse „wie am Meersufer ein Gesicht im Sand“ – aber andererseits: Verdankt nicht gerade Foucaults Philosophie ihren Ruhm bei unzähligen Leuten, die ihn weder gelesen noch verstanden haben, der Tatsache, dass sie diese Lehre mit einem interessanten, einprägsamen Gesicht assoziieren: Diskursanalyse, war das nicht dieser strenge Franzose mit Brille und Glatze? Hoffentlich gibt’s dafür auch bald einen Handykobold.

22775545 © AFP Vergrößern Michel Foucault

Quelle: F.A.Z.

 

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