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Daniel Kehlmann im Gespräch Ich hätte auch ohne Erfolg Angst

 ·  Sein neues Buch „F“ ist ein Familienroman für Skeptiker und zugleich eine Auseinandersetzung mit der Hypnose und der Finanzkrise. Warum geht es bei Daniel Kehlmann immer wieder um das Scheitern? Ein Interview mit Hörprobe.

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© fvl Vergrößern Daniel Kehlmann vor seiner Buchpremiere - in London

Herr Kehlmann, Ihr neuer Roman heißt „F“ – man denkt an Fälschung, Fiktion, Familie, Fatum. Welches der großen Fs ist für Sie das eigentliche und wichtigste?

Ich will das lieber nicht aufschlüsseln. Zentral ist aber schon das Wort „Familie“. Ich mag eigentlich keine Familienromane, so wie ich keine historischen Romane mag. „Die Vermessung der Welt“ war ein historischer Roman für Leute, die keine historischen Romane mögen, und mit „F“ wollte ich einen Familienroman schreiben für Menschen, die so wie ich dem klassischen Familienroman skeptisch gegenüberstehen.

Es geht um drei Brüder. Martin, der Älteste, wird Priester, aber glaubt nicht an Gott; Eric wird Vermögensverwalter, der Bilanzen fälscht, und Iwan ein Maler, der unter dem Namen eines anderen zu Ruhm und Geld kommt (Leseprobe hier). Welcher der drei Charaktere ist Ihnen am leichtesten, welcher am schwersten gefallen?

Martin ist mir am schwersten gefallen. Das Kapitel über Eric schrieb sich beinahe von selbst. All die Atemlosigkeit und Hektik, die Halluzinationen, auch die Pointen, die aus seiner wahnhaften Paranoia entstehen. Das hat mir viel Spaß gemacht, ich habe auch oft dabei gelacht. Bei Iwan wollte ich dagegen einen wirklich liebenswürdigen und auch anständigen Menschen erfinden. Ja, er fälscht Bilder, aber eigentlich schädigt er niemanden und tut nichts Böses, und in einem bestimmten Moment erweist er sich sogar als Held. Und dann gibt es ja noch Erics Tochter Marie. Sie hat mir vielleicht von allen am meisten Freude gemacht. In dem Kapitel, das von ihr erzählt, geht es um das Weltbild der Kindheit. Sie sieht die Dinge völlig anders als die Erwachsenen, die Welt, in der sie lebt, scheint dieselbe, ist aber eine ganz andere.

© F.A.Z., Hörbuch Hamburg HHV GmbH Vergrößern Burghardt Klaußner liest den Beginn von Daniel Kehlmanns „F“

Sie haben gesagt, dass sich dieser Roman stärker als Ihre vorigen Werke aus den Figuren selbst entwickelt hat. Was hat das beim Schreiben verändert, und welche Entwicklung hat Sie selbst am meisten überrascht?

Zum Beispiel, dass aus Martin in der dritten Fassung plötzlich ein übergewichtiger Priester wurde, obwohl er zu Beginn einen ganz anderen Beruf hatte. Oder das plötzliche Verhängnis, das einen der Brüder trifft, ein bösartiges Spiel des Zufalls. Jetzt steht das im Mittelpunkt des Romans, aber ich hatte das nicht von Anfang an geplant, es kam unerwartet.

Wer will, kann aus „F“ einiges erfahren über Hypnose, die Mechanismen des Kunstmarkts oder das Umdeuten von Zahlen. Sie sind dafür bekannt, sich sehr gründlich mit Ihren Themen auseinanderzusetzen, selbst wenn diese dann im Werk nur eine untergeordnete Rolle spielen. Wie haben Sie sich diesmal vorbereitet, und welche Recherche war die interessanteste?

Wenn man über Hypnose recherchiert, bewegt man sich in einem faszinierenden Grenzgebiet der Psychologie. Das Interessante ist ja, dass niemand leugnet, dass Hypnose grundsätzlich funktioniert, aber kaum ein Neurologe oder klinischer Psychologe versucht eine Erklärung, warum das eigentlich so ist. Was die Finanzwelt angeht, so war es umgekehrt: Ich habe nicht für das Buch recherchiert, sondern ich habe mich der aktuellen Ereignisse wegen damit beschäftigt, und nach kurzer Zeit war ich so fasziniert, dass ich mir nicht mehr vorstellen konnte, diese Welt nicht in den Roman aufzunehmen.

Eric, der ständig Tabletten nimmt, um trotz seiner inneren Panik durch den Tag zu kommen, weiß oft nicht, ob er etwas nur gedacht oder bereits laut ausgesprochen hat, überdies muss er sich ständig mit Geistern herumschlagen, die zu ihm sprechen. Beim Lesen hat man den Eindruck, dass Sie beim Erfinden dieser Gespenster besonders viel Freude hatten. Gab es für dieses erzählerische Element Vorbilder?

Oh ja, ich liebe Gespenstergeschichten, ich kann davon gar nicht genug bekommen. Wenn man so etwas macht, ist einem natürlich E.T.A Hoffmann präsent, natürlich auch M.R. James, der Vater der klassischen Spukgeschichte, und der andere James, Henry, der Meister der übernatürlichen Ambivalenz, aber auch so großartige Horrorfilme wie Juan Antonio Bayonas „El Orfanato“ oder „A Tale of Two Sisters“ von Kim Ji-woon. Zur gleichen Zeit hatte ich ja an meinem Theaterstück „Geister in Princeton“ gearbeitet, in dem es um den Mathematiker Kurt Gödel und die ihn umlagernden Gespenster geht. Geister waren also sehr präsent für mich.

Überhaupt: Vorbilder. Dass Dostojewskis „Brüder Karamasow“ wichtig waren als Inspiration, haben Sie bereits erklärt, auch den großen Chilenen Roberto Bolano, der bewiesen hat, dass man Figuren keineswegs unbedingt ausformulieren muss, damit sie im Roman Wirkung entfalten. Was für Vorbilder haben bei „F“ sonst noch eine Rolle gespielt?

Eine weniger literarische Anregung für Eric war wohl auch „Dexter“, die Fernsehserie über einen Psychopathen, der keine sozialen Reflexe hat; er muss immer abstrakt ableiten, wie man sich in einer gewissen Situation zu benehmen hat, er funktioniert nur durch Imitation. Das hat mir enorm gut gefallen. Leider wird das Motiv in der Serie nicht durchgehalten, ab der zweiten Staffel ist Dexter eigentlich ein fast normaler, netter Kerl.

Ihre Romane handeln immer auch von Auflösungsprozessen, von der Flüchtigkeit und Brüchigkeit allen Ruhms, Erfolgs und Vermögens. Steckt dahinter vielleicht auch eine heimliche persönliche Angst? Ist Ihnen Ihr eigener Erfolg mitunter unheimlich?

Dahinter steckt natürlich eine Menge persönliche Angst. Angst ist grundsätzlich nie falsch, im Leben nicht und nicht in der Kunst. Aber ich hätte auch ohne den Erfolg Angst – im Gegenteil, Erfolg hat naturgemäß auch etwas Beruhigendes und Stärkendes. Ich versuche ohnehin, mich nicht an den Erfolg zu gewöhnen. Ich habe fast zehn Jahre ohne Erfolg geschrieben, ich bin sehr dankbar dafür. Aber ich bin jetzt auch schon lange genug in diesem Geschäft, um zu wissen, wie schnell es damit vorbei sein kann.

Die Fragen stellte Felicitas von Lovenberg.

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