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Busreise zur Baustelle : Erleben Sie jetzt schon den BER!

  • -Aktualisiert am

Es geht doch nichts über Flugzeuge auf einem Airport - BER-Touristen blicken in eine ferne Zukunft Bild: Pein, Andreas

Der neue Berliner Flughafen ist immer noch nicht fertig. Trotzdem werden jetzt Besichtigungsfahrten angeboten - wie zu einer historischen Stätte. Ist das schon Katastrophentourismus?

          Ich bin auf dem neuen Berliner Flughafen (BER) gewesen. Das war insofern überraschend, als ich zuletzt eher das Gefühl hatte, dass es den neuen Berliner Flughafen womöglich gar nicht gibt. Und zwar nicht nur als funktionierenden Flughafen nicht, sondern überhaupt nicht, auch nicht als Gebäude. Das liegt daran, dass selbst ich als Berliner den BER nur aus der Presse kenne, wo er eher den Eindruck einer Seifenoper über eine Baustelle macht, deren Drehbuch aus dem 40000 Punkte dicken Mängelbericht besteht.

          Erst vor kurzem hieß es, dass die Stromkosten sogar höher liegen als die von Tegel, wobei dort täglich vierhundert Maschinen starten und landen, während es auf dem BER bekanntlich keine einzige ist. Aber angeblich muss das leere Terminal unbedingt rund um die Uhr beleuchtet sein, was mir nach allem, was ich über den Flughafen gehört habe, genauso glaubwürdig erscheint, als wenn es geheißen hätte: Wir finden halt in dem ganzen Kabelsalat den entscheidenden Lichtschalter nicht mehr. Andere Berliner Wahnsinnsprojekte wie das Schloss oder die Kanzler-U-Bahn bemerke ich wenigstens, weil ich deswegen jeden Tag im Stau stehe - am BER komme ich nie vorbei. Ich müsste ihn schon ansteuern. Aber warum sollte man einen Flughafen ansteuern, von dem aus man nicht abfliegen kann?

          Ein neues Dorf fürs Billighotel

          Den dreißig Leuten, mit denen ich an diesem Nachmittag mitten in der Woche vor der „Airportworld“ in Schönefeld stehe, um eine Bustour zum „Erlebnis BER“ zu machen, scheint sich diese Frage nicht zu stellen. Es sind in der Hauptsache ältere Männer, die Kameras und Ehefrauen dabeihaben und dem Dialekt nach nicht aus Berlin kommen. Sich auf einer Reise in die Hauptstadt für zehn Euro nun ausgerechnet die Baustelle anzuschauen, auf der alles schief läuft, klingt nach Katastrophentourismus. Die Tour als Flughafenbetreiber überhaupt anzubieten, nach Selbsterniedrigung.

          Nicht funktional, aber schön genug für ein Foto: Besucher auf dem Infotower

          Im zweistöckigen Reisebus mit Sitztisch, Bordtoilette und einer Reiseführerin am Mikrofon hat es etwas von den Tagesausflügen, die ich in Griechenland, Italien oder Ägypten zum Pauschalurlaub buchen konnte, um dann in nur einer Stunde ganz Olympia, Pompeji oder die Pyramiden zu sehen. Das ist auch der Eindruck, als wir nach der Anfahrt über ebenso breite wie leere Straßen in einem Informationszelt um ein Modell des Flughafens herumstehen. All die zierlichen Hallen, Straßen, Brücken wirken hier wie die Rekonstruktion eines Bauwerks, das vor langer Zeit in den märkischen Sand gesetzt und von Archäologen nun wieder freigelegt wird. Der Unterschied zwischen Baustelle und Ausgrabung ist ja oft nur eine Frage des Zeitpunkts. Der BER - so also hat er einmal ausgesehen.

          Die Reiseführerin ist Angestellte der Pressestelle des Flughafens, sie war das bereits, als der noch zur Hauptstadt der DDR gehörte. Mit dem Stolz des Ingenieurs, der „am Standort“ schon viel gesehen hat, aber immer noch da ist, rattert sie die Zahlenkolonnen herunter: Betonmengen, umgerechnet in LKW-Ladungen; Fläche, umgerechnet in Fußballfelder; Investitionen, umgerechnet in Arbeitsplätze. Zwei Dörfer mussten leider umgesiedelt werden, um an ihre Stelle ein Billighotel und einen Parkplatz zu errichten, wofür die Leute großzügig entschädigt wurden oder gleich ein neues Dorf vorgesetzt bekamen.

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