Sie sind beide zum ersten Mal mit einem Film im Wettbewerb eines A-Festivals vertreten. Wie nervös ist man da?
Pia Marais: Ich weiß es noch gar nicht. (lacht) Ich war so beschäftigt, ich habe gar nicht darüber nachgedacht, das kommt erst jetzt.
Thomas Arslan: Ich freue mich auf jeden Fall und bin sehr neugierig. Nervös bin ich immer vor einer Premiere.
Haben Sie das Gefühl, dass Sie in irgendeiner Weise den deutschen Film repräsentieren? Oder einfach nur Ihre eigene Arbeit?
Pia Marais: Mich erinnert diese Frage an Olympische Spiele oder Europameisterschaften. „Layla Fourie“ ist ein deutscher Film, aber er ist auch ein südafrikanischer Film. Er ist beides, er ist eine internationale Koproduktion. Ich lebe in Deutschland, die Produktionsfirma ist eine deutsche Firma, und der Autor, mit dem ich arbeite, ist ein Deutscher.
Herr Arslan, „Gold“ ist dagegen, obwohl in Kanada gedreht, eine Produktion allein aus deutschen Mitteln.
Thomas Arslan: Genau, wir hätten rein formal gar nicht die Kriterien für eine kanadisch-deutsche Koproduktion erfüllt, weil es ein primär deutschsprachiger Film ist und die wichtigsten Leute im Team auch Deutsche sind, die Hauptdarsteller sowieso. Man hat es sogar einfacher, wenn man von außen dorthin kommt, als wenn es eine offizielle Koproduktion gewesen wäre, weil man weniger mit dem ganzen bürokratischen Apparat zu tun hat.
Dauert nicht bei einer internationalen Koproduktion die Finanzierung viel länger, weil mehr Geldquellen angezapft werden müssen?
Pia Marais: Bei uns hat es relativ lange gedauert, weil es wirklich sehr schwierig war, genügend Geld aufzubringen. Wir haben mit sehr wenig Geld gedreht, einem Budget von zwei Millionen Euro.
Führt diese Beschränkung zu ästhetischen Kompromissen? Oder konnten Sie trotzdem den Film drehen, den Sie drehen wollten?
Pia Marais: Ich glaube, ich habe Glück gehabt. Das ist ein deutscher und ein südafrikanischer Film, August Diehl spielt die eine Hauptrolle, und eine Engländerin spielt die andere Hauptrolle.
Lag es denn auch am Thema, am Buch, dass die Finanzierung so schwierig war?
Pia Marais: Eigentlich kam das Buch immer sehr gut an. Schwierig war es, weil kaum Fernsehgeld beteiligt ist, weil auf Englisch gedreht wurde. Dass Arte und der WDR überhaupt mit einem kleinen Betrag dabei sind, ist toll.
Herr Arslan, war es bei Ihnen auch so kompliziert?
Thomas Arslan: Es ging eigentlich verhältnismäßig zügig, wobei von vornherein klar war, dass das Budget begrenzt sein würde. Es sind eine Reihe von Sendern beteiligt und diverse Filmförderanstalten, das geht ja gar nicht anders. Wir haben den ganzen Film für zwei Millionen Euro gedreht, was für einen historischen Film im Ausland nicht besonders viel ist. Aber wir hatten uns dann auch dafür entschieden, nicht ewig darauf zu warten, ob noch eine halbe Million mehr dazukommt oder nicht.
Man kann sich vorstellen, dass so etwas wie ein Western nicht gerade große Begeisterung bei deutschen Geldgebern auslöst.
Thomas Arslan: Die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, war sicher größer, als wenn wir es mit einem doppelt so großen Etat hätten angehen wollen. Ich würde den Film auch nicht unbedingt als reinen Western bezeichnen, das war nicht mein Ausgangspunkt. Ich bin durch Zufall auf diesen Stoff gestoßen, über Bildbände und Tagebücher von Auswanderern nach Amerika, die am Klondike-Goldrausch teilgenommen haben. Und im Jahr 1898 ist man eben mit Pferden unterwegs, quer durch unberührtes Gebiet, so dass ein gewisses Western-Element eine Rolle spielt, wobei 1898 auch nur von einem Spätwestern die Rede sein könnte. Da sind alle großen Westernthemen im Grunde schon zu Ende gebracht. Das ist eher etwas, das im Film noch nachhallt. Aber primär ist es eine Geschichte über eine Gruppe von deutschen Auswanderern, die ihrem Leben eine große Wende zu geben versuchen.
Ein überraschender Stoff nach Ihren Filmen über türkische und deutsche Familien oder nach „Im Schatten“, einem in Berlin spielenden Gangsterfilm.
Thomas Arslan: Ja, es ist schon etwas völlig anderes, und trotzdem suche ich natürlich immer einen persönlichen Zugang, der mir ermöglicht, das Thema überhaupt anzufassen. Bei „Gold“ handelt es sich für mich um eine Perspektivverschiebung. Deutsche sind hier eben nicht, wie üblich, von Auswanderung Betroffene, sondern selber Auswanderer. Zwischen 1830 und 1900 sind fast sechs Millionen Deutsche in die Vereinigten Staaten ausgewandert.
Bei Ihnen, Pia Marais, hat man das Gefühl, Sie folgten bestimmten Grundmotiven. Ihr erster Spielfilm, „Die Unerzogenen“, war autobiographisch gefärbt, bei „Im Alter von Ellen“ ging es um eine Frau, die nach einer Möglichkeit zur Identifikation sucht. Jetzt ist es eine alleinerziehende Mutter, die in ein dramatisches Geschehen verwickelt wird.
Pia Marais: Ach, das sind auch nur Zufälle. „Die Unerzogenen“ hatte thematisch mit mir zu tun, aber die Geschehnisse im Film waren frei erfunden. Bei „Im Alter von Ellen“ hat mich das Thema Familienersatz interessiert. Und ich wollte eigentlich schon immer einen Film in Südafrika machen. Das wollte ich schon, als ich noch auf der Filmhochschule war. Dann hat die Produktionsfirma Pandora Film mich nach Südafrika geschickt, um eine Recherche zu machen. Ich habe sechs Wochen in Kapstadt verbracht, habe Menschen getroffen, die in irgendeiner Weise mit der Sicherheitsindustrie zu tun hatten. Die gab es auch zur Zeit der Apartheid, da war alles staatlich, jetzt ist es alles privatisiert. Irgendwann bin ich auf eine kleine Firma gestoßen, die Lügendetektor-Tests machte. Ich hielt das für ein Polizeiverfahren, aber ich erfuhr dann, dass Lügendetektoren bei Einstellungen für einen Job gemacht werden, und sogar, wenn Menschen heiraten wollen. Es ist wie ein Zusammenbruch der eigenen Intuition, dass man ihr nicht mehr vertraut. Insofern ist dieses Instrument fast wie eine Metapher für das Land.
Hatten Sie auch so angenehme Produzenten, Herr Arslan?
Thomas Arslan: Ja, der Aspekt von Verlässlichkeit oder von Solidarität ist sehr wichtig: dass man tatsächlich versucht, das gemeinsam zu machen. In der Hinsicht fühle ich mich bei Schramm Film sehr gut aufgehoben. Ich kenne Michael Weber und Florian Koerner schon eine ganze Weile. Wenn Schramm Film sich für ein Projekt entscheidet, setzen sie wirklich alles daran. Und sie sind flexibel, was in dem Fall eben hieß, auch mit einem kleinen Etat umzugehen.
Wir haben hier also zwei Wettbewerbsbeiträge der Berlinale, die beide um die zwei Millionen Euro gekostet haben: So viel wie ein etwas größerer „Tatort“. Das bedeutet, acht Jahre nach der Gründung der Deutschen Filmakademie und fünfundzwanzig Jahre nach dem Ende des Neuen Deutschen Films, von dem sich die Branche verabschiedete, um endlich professioneller, marktgängiger, erfolgreicher zu werden, gibt es immer noch vor allem ein Produktionsmodell, mit dem man auf die großen Festivals kommt - und das ist der klassische Autorenfilm.
Thomas Arslan: Ich finde den Begriff „Autorenfilm“ schwierig, weil man den ein bisschen weiter fassen müsste als früher. Aber es ist ja den Strukturen in Deutschland geschuldet, dass es keinen auf breiter Basis funktionierenden Mainstream gibt. Das gilt für andere europäische Länder letztlich auch, das ist immer noch die Domäne der Amerikaner, die einfach finanziell stärker aufgestellt sind. Wobei ich mich da gar nicht in eine Position bringen möchte, das eine gegen das andere auszuspielen. Wir hätten es auch beide gern größer aufgezogen.
Pia Marais: Nein, nein. (lacht) Ich glaube, es gibt einem auch eine gewisse Freiheit. Je mehr Geld man bekommt, umso mehr Kontrolle gibt es von außen.
Thomas Arslan: Ich weiß ja nicht, ob ich das beschönigen möchte, immer zu wenige Drehtage zu haben. Aber auf der anderen Seite muss man eben auch realistisch bleiben. Man weiß etwa, was für bestimmte Filme woher zu holen ist. Ob das dann klappt, ist immer noch die Frage. Mich würde es auch nicht interessieren, sechs, sieben Jahre auf die Realisierung eines Stoffes zu warten. Da hätte ich die Sorge, dass die Geschichte, wenn es dann endlich so weit ist, im Grunde schon gar nicht mehr in einem selber lebendig ist. Da hat Godard schon recht, dass man nicht nur macht, was man will, sondern was man kann.
Pia Marais: Obwohl man immer auf die Schmerzgrenze gucken muss, im Verhältnis zur eigenen Vision, und da spielt das Budget eine große Rolle.
Wir wollen nicht indiskret sein, aber wie überbrückt man die Zeit zwischen zwei Filmen finanziell? In Budgets von zwei Millionen Euro stecken ja auch keine Riesengagen für die Regisseure.
Thomas Arslan: Ich unterrichte seit ein paar Jahren in Berlin an der Universität der Künste. Darauf möchte ich mich nicht ausruhen, doch es ist ein gutes Standbein, wodurch man einerseits von ein paar alltäglichen Sorgen befreit ist, zudem ist es eine interessante Arbeit, bei der ich auch von den Studenten lerne. Trotzdem ist nach wie vor das Wichtigste für mich, dass ich Filme machen kann.
Pia Marais: Ich glaube, dass dieser Spannungszustand motivierend ist auf eine gewisse Weise, gerade wenn man nur ein Projekt machen möchte, zu dem man wirklich einen Bezug hat. Ich würde mich ungern zu etwas zwingen, nur um Geld zu verdienen. Da würde ich lieber etwas anderes machen.
Hat Ihr Blick aufs Filmemachen auch etwas mit der Filmhochschule zu tun, die Sie besucht haben? Sie waren beide auf der dffb in Berlin, Pia Marais in den neunziger Jahren, Thomas Arslan in den Achtzigern.
Pia Marais: Ehrlich gesagt, nein. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Schule zur dieser Zeit den Autorenblick unbedingt unterstützt hätte. Man wollte eher keine Leute haben, die eine ganz eigene Sprache suchen.
Thomas Arslan: Es gab ja auch wirklich sehr unterschiedliche Leute dort. Das war nicht so homogen zu meiner Zeit. Mich hat ein bestimmtes Kino interessiert, schon als Kinogänger: amerikanische Filme der fünfziger oder dreißiger Jahre, japanische Filme, die Nouvelle Vague. Eben ein Spektrum von Filmen, die mir eine Ahnung davon vermittelt haben, was im Kino möglich ist.
Aber die sogenannte Berliner Schule im deutschen Film ist doch sozusagen aus dem Geist der dffb der achtziger Jahre entstanden.
Thomas Arslan: Ja, Angela Schanelec, Christian Petzold und andere habe ich dort kennengelernt. Mitunter reicht es ja auch schon, dass da zwei, drei Leute sind, dass man nicht alleine ist, um eine gewisse Dynamik entstehen zu lassen. Man hat über Filme geredet, sich geholfen und gegenseitig unterstützt.
Pia Marais: War man nicht zu der Zeit, als du da warst, experimentierfreudiger?
Thomas Arslan: Es gab zumindest nicht so konkrete Erwartungen, wie sie heute an die Studenten herangetragen werden. Zugleich gibt es auch heute nicht nur Leute, die da nur brav mitmachen, es gibt auch ein Unbehagen daran, ein Bedürfnis nach anderen Strukturen.
Pia Marais: Aber, Thomas, meinst du nicht, dass es eine größere Aufmerksamkeit gibt von bestimmten Filmemachern, die jetzt in Deutschland Filme machen, die den Studenten möglicherweise auch das Gefühl geben, es gebe eine Toleranz und auch eine Neugierde für ihre Art Filme?
Thomas Arslan: Die kann auch sehr kurzlebig sein, diese Toleranz.
Pia Marais: Aber allein, dass dein Film und mein Film jetzt auf der Berlinale laufen, das sagt doch etwas. Ich habe mich gefragt, was will die Berlinale oder das Gremium, das diese Auswahl trifft, damit sagen? Und ich habe gedacht, die wollen vielleicht einfach den Blick auf deutsche Filme in eine bestimmte Richtung lenken. Und das ist toll.
Das Gespräch führten Andreas Kilb und Peter Körte.
Pia Marais wurde 1971 in Johannesburg geboren und wuchs in Südafrika, Schweden und Spanien auf. Sie studierte zunächst Bildhauerei und Fotografie, bevor sie in Berlin die Deutsche Film- und Fernsehakademie (dffb) besuchte. Der autobiographisch inspirierte Film „Die Unerzogenen“ war 2007 ihr Langfilmdebüt, für das sie mehrere Preise erhielt. 2010 folgte „Im Alter von Ellen“. Pia Marais’ Berlinale-Beitrag „Layla Fourie“ ist eine Suspense-Story aus dem heutigen Südafrika.
Thomas Arslan wurde 1962 in Braunschweig geboren, wuchs in Essen und in Ankara auf, studierte kurz Germanistik und absolvierte dann die dffb. Seit 1993 hat er zahlreiche Filme geschrieben und gedreht, unter anderem wurde sein kühler Gangsterfilm „Im Schatten“ 2010 im Forum der Berlinale gezeigt. Thomas Arslans Wettbewerbsbeitrag „Gold“ mit Nina Hoss ist eine Auswanderergeschichte, die 1898 in Kanada spielt.