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Berlin macht Druck : Der große Hunger auf die große Stadt

  • -Aktualisiert am

Könnte auch ein Bild von Edward Hopper sein: Ausgezeichnete Fotos, darunter diese melancholische Nachtaufnahme, zieren die neue Zeitschrift „Flaneur“ Bild: Flaneur Magazine

Mit dem neuen Magazin „Flaneur“ feiern drei junge Berliner die Schönheit des Urbanen - und die entschleunigende Kraft der Print-Kultur.

          Der Berliner Schriftsteller Franz Hessel wusste noch, was ein Flaneur ist. Er hat ihn mit einem urbanen Entzifferer verglichen: „Flanieren ist die Kunst, die Straße zu lesen.“ Diesen essayistischen Zugang zur Welt haben sich drei junge Großstadtbewohner angeeignet und ein Magazin gegründet, das an die Tradition des stillen Beobachtens und fragmentarischen Wiedergebens anknüpfen will. „Flaneur“ heißt das Format, dessen erste englischsprachige Ausgabe nun erschienen ist und ganz nebenbei den Umstand bekräftigt, dass Printprodukte zumindest in Sachen Ästhetik ihrer Online-Konkurrenz weit voraus sind.

          Erst mag man noch die Nase rümpfen. Ist „Flaneur“ eines jener typischen Berlin-Projekte, die obercool und am Schluss irgendwie prätentiös daherkommen? Das gedruckte Heft beweist das Gegenteil. Jede Ausgabe widmet sich einer Straße, einer Nachbarschaft, einem Viertel in einer jeweils neu porträtierten Stadt.

          Da die Gründerin Ricarda Messner, eine 23 Jahre alte Berlinerin, in Charlottenburg groß geworden ist, hat sie sich für die erste Ausgabe als Begehungsort die Berliner Kantstraße ausgesucht. Auf diese Weise kann man die faszinierenden Facetten eines durch und durch unhippen Stadtteils entdecken. In Neukölln und Kreuzberg mag man auf das internationalste Publikum und die coolsten Bars stoßen. Charlottenburg hingegen bietet noch die echten Berliner Urgestalten, die sich als famose Geschichtenerzähler erweisen, wenn man sie denn zu fragen traut.

          Zu Besuch im Bonsai-Laden

          Das haben die Flaneure Grashina Gabelmann, 24, und Fabian Saul, 27, die Chefredakteure des Magazins, getan. Da ist zum Beispiel der Kellner Sebastian Dahlinger, der in der ersten Ausgabe von der Attitüde der Paris-Bar erzählt - dieses bourgeoisen Treffpunkts der Berliner Intelligenzija, wo die Angestellten untereinander noch französisch sprechen und der Kunde nicht König, sondern gezähmter Bittsteller ist. „Ich bin nicht hier, um Menschen zu bedienen, sondern sie sind hier, um bedient zu werden“, sagt der Kellner, der den Ruf des arrogantesten Cafés der Stadt mit servicewüstenhafter Dreistigkeit erfolgreich verteidigt.

          Bildtrophäe der Expedition in den Westen: Ansicht eines Eisenwaren-, Bühnenbedarfs- und Haushaltswarengeschäfts am Savignyplatz

          Das Heft setzt auf die Poesie des Alltags: Die aus London nach Berlin gezogene Grashina Gabelmann etwa porträtiert drei Menschen, die auf der Kantstraße kleine Läden betreiben. Zu Wort kommen Typen wie Franz Lehmann, ein Parfümerie- und Kunstblumenhändler, oder solche von der Liebe in die Stadt gespülten Überlebenskünstler wie der Amerikaner Todd Grand, der an der Kantstraße den einzigen Berliner Bonsai-Laden leitet.

          Der Philosophiestudent Fabian Saul hat dem Magazin die Scharfsinnigkeit essayistischer Gedankenakrobatik verliehen. Sein Manifesto „Spuren des Widerstands“ ist kein genuiner Text, sondern eine Art Collage, die im Fragment-Format Stimmen berühmter Charlottenburg-Besucher vereint. Truman Capote, Vladimir Nabokov oder Bertolt Brecht. Letzterer scheint ein Stichwortgeber zu sein. Er soll magazinkonform gesagt haben, dass „der Flaneur die Geborgenheit seiner Wohnung verlässt, um auf der Straße in die Sterne“ zu schauen. Manchmal sind es die Augen einer Prostituierten.

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