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Bahnhof Saint-Lazare : Sternstunden eines Schauplatzes

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Die permanente Wolke aus Dampf und Qualm faszinierte eine ganze Epoche: Gustave Caillebottes „Pont de l’Europe“, 1876/77 Bild: Gustave Caillebotte

Vor über hundert Jahren war die Gare Saint-Lazare das Pariser Tor zur Welt. Schriftsteller und Maler fanden an diesem Ort des Aufbruchs ihre Inspirationsquelle und zu einer neuen Kunst.

          Frankreichs Eisenbahngesellschaft SNCF kommt mit der Sanierung und Restaurierung ihrer Pariser Kopfbahnhöfe kaum nach. Viele stammen aus dem neunzehnten Jahrhundert, wurden in manchen Bereichen alle paar Jahrzehnte modernisiert und recht spät unter Denkmalschutz gestellt. Während die in den achtziger Jahren „geliftete“ Halle der Gare du Nord wieder reif für einen Großputz wäre, wurde unlängst erst einmal ihre Fassade gereinigt. Gründlich überholt wurde in der jüngeren Vergangenheit nur die Gare de l‘Est. Dann kam die Gare d‘Austerlitz an die Reihe.

          Zuletzt war auch die Gare Saint-Lazare eine jahrelange Baustelle. Doch das Ergebnis ist ernüchternd: Am westlichen Vorplatz (Cour de Rome) wie am östlichen (Cour du Havre) blieb alles ziemlich beim Alten, und unter schwarzen Staubflocken korrodieren die Pfeiler und Dächer ihrer Bahnsteighallen immer noch vor sich her. Strahlend frisch zeigt sich nur die Vorhalle mit chicen Ladenpassagen auf mehreren Ebenen. Immerhin wurden über hundert, 1927 entworfene Fenster mit touristischen Motiven restauriert.

          Einst ehrte man hier auch deutsche Städte

          Von der Gare Saint-Lazare geht es ins Tal der Seine und in den Calvados, zu einem Wochenende auf dem Land und Ferien am Meer. Die Ziele heißen Dieppe, Rouen oder Caen, und vor allem im Sommer sind von hier aus Cabourg, Deauville und Honfleur an der Küste beliebte Ziele. Zwei Fenster zeigen London und New York: Die Verbindungen zu den Hafenstädten Cherbourg und Le Havre machten die Gare Saint-Lazare einst zu dem Pariser Tor zur Welt.

          „Un homme et une femme“ von Claude Lelouch erhielt 1966 bis 1968 mehrere Auszeichnungen, darunter einen Oscar. Die Darsteller Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant fallen sich auf den Ohrwurm von Francis Lai zu guter Letzt in der Gare Saint-Lazare in die Arme. Doch anders als die Fenster, der Anschluss zu Ozeandampfern und die Filmpreise vermuten lassen, waren vor allem die 1870er Jahre Sternstunden des Bahnhofs, als Schriftsteller und Maler diesen Ort des Kommens und Gehens mit ihren jeweiligen Mitteln charakterisiert haben. Hier haben zahlreiche Literaten und Künstler nicht nur Reisen begonnen - oft nicht einmal weite, nach Argenteuil etwa - oder beendet, sondern durch das Beobachten der Passanten und die Wahrnehmung der Stimmung auch Anregung gefunden. Die Gare Saint-Lazare spielt mitunter eine bedeutende Rolle in Büchern. Im Jahr 1890 etwa stellte Émile Zola sie und die Eisenbahn ins Zentrum seines Romans „La Bête humaine“, der viel Erfolg hatte und von Jean Renoir mit Jean Gabin verfilmt wurde, wodurch er an Popularität noch gewann.

          Die Gare Saint-Lazare liegt am Rand eines Stadtteils, der als Quartier de l’Europe bekannt ist. Viele Straßen sind nach europäischen Metropolen benannt, zwei davon ehrten einst auch deutsche Städte: Die Rue de Liège (Lütticher Str.) hieß bis 1914 Rue de Berlin und die Rue de Bucarest bis 1922 Rue de Hambourg. Bahnsteige und Gleise des Bahnhofs münden schon nach wenigen Metern in einen tiefliegenden Schlund aus der Stadt führender Schienen, den die Brücke des Boulevard des Batignolles und der Métrolinie 2 sowie weitere Straßenbrücken überqueren. Die Rue de Rome mit ihren hohen Häusern, an denen einzelne Atelierfenster auffallen, folgt dem Graben auf der zum Parc Monceau gehenden Seite. Über der anderen Böschung liegen Gärten und Häuser der Rue Boursault, die zum Viertel Batignolles gehört. Den Mittelpunkt des Stadtteils, der zu den spannendsten Stadtlandschaften der Hauptstadt zählt, bildet die Place de l’Europe, die sich auf der gleichnamigen, die Gleise überspannenden Brücke befindet.

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