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Aus Morwitz’ Manuskriptband : Über Stefan George

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Stefan George im Jahr 1910 Bild: Stefan George Stiftung, Stuttgart

Zwei Seiten aus dem großen Manuskriptband zum George-Kreis, den Ernst Morwitz um 1962 geschrieben hat und der heute in New York aufbewahrt wird, geben einen Einblick in das Denken Stefan Georges.

          Ihn unterscheidet von den zeitgenössischen europäischen Dichtern, dass jene ihr Schicksal als Sonderschicksal empfinden und darstellen, während StG, nachdem er das Mannesalter erreicht hat, sein Schicksal als das aller Geistigen seiner Zeit empfindet und somit die Nöte seiner Zeit darstellt. Dazu fühlt er sich dadurch bewogen, dass er ein Dichter ist und nur ein Dichter d. h. der Dichter eines Zeitalters berufen ist, die Nöte der Zeit darzustellen und den Weg zu ihrer Überwindung zu weisen. „Dichter“ nannte er jeden, der von Natur die Notwendigkeit und Fähigkeit, sich in Versen ausdrücken zu müssen, hatte. Deshalb bedeutet seine Anrede an „Dritte als Dichter“ nicht, ob er ihre Verse als gut oder als schlecht empfand. Er glaubte, dass jedes Zeitalter nur einen einzigen Dichter als Mund hatte und dass die übrigen Dichtenden nichts als Begleiterscheinungen seien, die die Aufgabe hätten, dem alleinigen notwendigen Dichter den Hintergrund zu bilden. So erklärt sich, dass er Verse in die „Blätter für die Kunst“ aufnahm, die nicht gleichwertig den seinigen waren, aber für ihn eine ihm das Leben ermöglichende Umgebung - er nannte es „Luft“ - erzeugten. Drei Dinge bilden die Hauptthemen seines Werkes:

          1) Die Nöte der Zeit, deren Representant er ist

          2) das Schicksal des einen Dichters als Representant seiner Zeit

          3) die Überwindung der Nöte der Zeit durch Erzeugung einer neuen Jugend durch den Dichter.

          Die Nöte seiner Zeit sind dadurch verursacht, dass es keine allgemein gültigen Werte mehr gibt und deshalb jeder Masstab fehlt. Dazu kommt, dass die Fähigkeit, an ein Feststehendes zu glauben, heute verloren ist. Es gibt nur noch „Versuche“ nach jeder erdenkbaren Richtung und die Hoffnung, dass ein Versuch irgendwie aus dem Irrgarten herausführen werde und herausführen könne. StG sieht den Weg aus der Not der Zeit nicht in Aufstellung eines Ideals für den Mann, wie es die deutschen Klassiker sahen, und auch nicht in einer Rückkehr zur Natur in Leben und Kunst, wie sie die deutschen Romantiker priesen. Er glaubt, dass die einmal vom Leid der Zeit Verseuchten nicht mehr den Weg finden können, und baut auf eine neue Jugend, die durch den Dichter der Zeit geistig zu erschaffen ist.

          Georges Brief an Morwitz vom 8. Dezember 1905
          Georges Brief an Morwitz vom 8. Dezember 1905 : Bild: Manuscripts and Archives Division. The New York Public Library. Astor, Lenox, and Tilden Foundations

          Der Dichter gibt nämlich nicht nur der Not der Zeit, die er representiert, als deren einzig berufener „Mund“ Ausdruck. Er hat auch die Aufgabe, die Zeit zu überwinden durch Prophetie und durch Schaffung der Zukunft, verkörpert in Menschen des nächsten kommenden Zeitalters. StG überwindet die Not seiner Zeit, indem er die geistigen Voraussetzungen für das Aufkommen einer neuen Jugend schafft. Die Frau ist für ihn die Gebärerin der neuen Jugend, nicht die tröstende Hilfe in seelischer Not wie für den Mann der klassischen, romantischen oder individuell leidenden Zeit, wie sie es für die deutschen Klassiker durch Iphigenie zum Beispiel, für die deutschen Romantiker durch Brentanos Linda oder Novalis’ Sophie und für die individuell leidenden Präraffaëliten oder Symbolisten von Baudelaire bis Mallarmé war. StG will eine neue männliche Jugend schaffen und hält dies für sich seit dem Erscheinen Maximins für möglich. So erklärt sich, dass er jüngere Freunde, die er als durch die in seinem Werk aufgestellten Forderungen geistig geschaffen ansieht, den älteren und gleichaltrigen Freunden vorzieht.

          Er glaubt: Sie, d. h. diese neue Jugend, hat die Fähigkeit, die Nöte der Zeit zu überwinden, denn sie stellt Werte dar und hat die Gabe, an Werte zu glauben. Bei StG verdichtet sich der Glaube an diese neue Jugend, der Glaube, ohne dessen Vorhandensein sie, wie er weiss, nicht entstehen kann, zu einem Kult der Jungen (nach Anbetung brünstig - das Licht?), d. h. des Werdenden, das noch nicht von der Not der Zeit unheilbar verseucht ist. Er stellt an die Jüngeren Forderungen, die den Forderungen der Umwelt oft entgegengesetzt sind, und zugleich verehrt er sie wegen der ihr - wenn auch unbewusst - innewohnenden Möglichkeit, die Not der Zeit, die sich in den Problemen der Zeit spiegelt, zu überwinden. Hieraus erklärt sich, dass seine Verehrung der Jugend, die sich zum Kult steigerte, der Jugend an sich galt und von denen, die zum Gegenstand der Verehrung von ihm erhoben wurden, als etwas Überpersönliches genommen werden musste. Nahmen sie es als etwas, was gerade und nur ihrer Person gezollt wurde, und hielten sie sich darin von der Natur bevorzugt, so gingen sie unter wie z. B. Percy Gothein und Frank Mehnert.

          Seine Typisierung des Jugendlichen erforderte, dass jeder, selbst der von ihm und seiner dichterischen Begeisterungsfähigkeit und physischen Aktivität am höchsten Geschätzte, die Forderungen der Umwelt zur Erhaltung der äusseren Existenz voll und von sich aus zu erfüllen hatte. Deshalb lehnte er es ab, ihnen beim Suchen nach einer Existenzmöglichkeit Hilfe zu leisten. In dem Suchen nach Existenz sah er eine Mindest-Kraftprobe für den Willen des Einzelnen, falls und wenn er in das Alter, das dies Suchen und Erlangen erfordert (etwa das 20. Lebensjahr), hineingewachsen war. - Ohne äusserste Konzentrationsfähigkeit war in seiner Umgebung nicht zu leben, jede Täuschung über eigene Fähigkeiten und eigne Bedeutung führte in die Irre und hielt von ihm und seinen Forderungen und Zielen für immer fern. Jeder Irrtum in dieser Hinsicht war nicht wiedergutmachbar. Es gab keinen Trost durch „mitfühlende Seelen“, keine Bestärkung von aussen her, nur eine eigne aus dem Inneren selbst erzeugte Kraft, die den Weg unfehlbar wies und der er selbst auf seinem Weg gefolgt war und weiter bis zum Tod zu folgen hatte.

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