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Anonyme Alkoholiker Wer diese Reise macht, lässt seine Ängste hinter sich

Gigantische Auflage, Übersetzungen in zweiundsechzig Sprachen: Das „Blaue Buch“ der Anonymen Alkoholiker ist ein Text der Weltliteratur. Hat es auch Nichtsüchtigen etwas zu sagen?

© AP Vergrößern Bill Wilsons Haus steht unter Denkmalschutz: An diesem Küchentisch entstand die Idee der Anonymen Alkoholiker

Man kennt diesen Typen irgendwoher. Drahtiger Körper, sonnengegerbte Haut, ein Hütchen, das er auch in geschlossenen Räumen nicht absetzt. Und dazu ein Blick, den man grimmig nennen müsste, wäre da nicht diese Amüsiertheit, die ab und zu das Gesicht wie von innen heraus zu beleuchten scheint.

Richtig, er ist ein Held aus einem Kriminalroman der dreißiger Jahre, Hammet oder Chandler, feinste Hardboiled-Schule. Ein in die Jahre gekommener Detektiv, der es noch einmal wissen will. Oder ein Ganove, der sich mit Pferdewetten über Wasser hält.

Der Mann heißt Jack, er ist fünfundsechzig Jahre alt, und mit dem Zocken kennt er sich aus. Jack ist trockener Alkoholiker, über zwanzig Jahre lang hat er getrunken und mit seinem Leben gespielt. „Am Ende habe ich so viel gesoffen, dass ich mich selber einliefern lassen musste“, sagt er und grinst dabei wie jemand, der noch einen Joker im Ärmel hat. Der Joker, das sind die Anonymen Alkoholiker (AA) und ihr Grundlagenwerk, das „Big Book“, in Deutschland „Blaues Buch“ genannt.

Jack erzählt seine Geschichte

Es ist stickig in dem kleinen Raum. Die Jalousien sind heruntergelassen, eine Klimaanlage gibt es nicht, obwohl das Hotel in den siebziger Jahren als Prachtbau kommunistischer Ferienarchitektur gegolten haben muss. Trogir, kroatische Adriaküste, knapp vierhundert Kilometer von Zagreb entfernt. Draußen streifen die letzten Touristen die Promenade entlang, beschallt vom Discopop der Strandbars. „Let’s dot it! Let’s drink!“, dröhnt es aus den Boxen.

Hier also halten die Anonymen Alkoholiker ihr jährlich stattfindendes Europa-Treffen ab, drei Tage mit Vorträgen, Workshops und gegenseitigem Austausch. Von überall her sind sie angereist, aus Deutschland, Spanien, Österreich und Frankreich. Auch der Amerikaner Jack ist mittlerweile Europäer, er lebt als freiwilliger Exilant in Irland und reist umher, spricht bei Alkoholikertreffen, erzählt seine Geschichte.

Sie beginnt in einem Akademikerhaushalt in Boston. Ein einsamer Teenager betrinkt sich mit siebzehn das erste Mal, um festzustellen, dass dann „die quälende Selbstbeobachtung“ aufhört. Dreißig Jahre später ist aus dem Jungen ein Jurist und Uniprofessor geworden, der sich im Krankenhaus fragen lassen muss, warum er nicht aufhöre zu trinken. Er sei doch intelligent, habe studiert, ob er sich umbringen wolle. „Und ich sagte: Würde ich ja, aber ich schaff’s nicht.“

Jack späht unter seiner Hutkrempe in das gebannt wartende Publikum. „Keiner dieser Weißkittel, mit ihren Stundensätzen von dreihundert Dollar, erklärte mir, dass AA eine Lösung hat.“ Er hält das „Blaue Buch“ hoch: „Dieser Text gab mir ein Leben, als ich sterben wollte. Und wenn du wirklich Alkoholiker bist, solltest du schleunigst lernen, wie man ihn benutzt.“

Wilson ist eine amerikanische Ikone

Das „Blaue Buch“ ist ein Weltbestseller. Seit seiner ersten Veröffentlichung 1939 hat es sich über dreißig Millionen Mal verkauft. Es wurde bislang in zweiundsechzig Sprachen übersetzt, man kann es auf Chinesisch, Hebräisch, in Farsi und auf Kroatisch lesen. Es gibt Fassungen in Urdu, Swahili, Armenisch und Filipino. „Time“ nahm es in seine Liste der hundert bedeutendsten Werke des zwanzigsten Jahrhunderts auf und stellte es auf eine Stufe mit Werken wie „Die Autobiographie von Malcolm X“ und Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“.

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