Willy Sperling hat sein Geld nicht in der Matratze versteckt, auch nicht in der Schublade zwischen den Unterhemden. Der alte Mann hat seine Scheine in ein Briefkuvert geschoben, in krakeliger Handschrift „Bargeld“ darauf geschrieben und den Umschlag dann auf dem Fernseher liegenlassen. Wenn man ihn in die Hand nimmt, hinterlässt er ein blankes Rechteck auf schwarzem Untergrund, der von Staub überzogen ist - so viel Staub, wie sich in einem Jahr ansammelt.
So lange hat kein Mensch den Umschlag angerührt, kein Mensch die Wohnung betreten. Seit diesem sonnigen Februartag im vorigen Jahr, als die Ambulanz vor der Tür stand. Schlaganfall. Die Sanitäter hoben Sperling auf die Bahre, legten eine Kanüle für die Infusion, trugen ihn aus dem ersten Stock in den Krankenwagen. Die Fahrt ins Spital quer durch Berlin sollte seine letzte Reise sein. Beinahe wäre Sperling 79 Jahre alt geworden.
Ein Jahr später steht Kay-Uwe Pohl vor der Haustür eines Wohnblocks in Reinickendorf. Der Anwalt gräbt die Hände tief in die Manteltaschen und mustert das Haus. Auf dem Klingelschild steht in Messing graviert immer noch der Name Sperling. Die alte Eiche im Hof hängt ihre kahlen Äste über die Weitsprunganlage hinter dem Drahtzaun. Der Schlüsseldienst ist pünktlich. Er wird Pohl im Auftrag des Amtsgerichts die Tür öffnen zu Sperlings Wohnung und zu seinem Leben.
Erst nach seinem Tod beginnt Willy Sperling für die Außenwelt zu existieren
Es ist der Tod, der Arbeit schafft: für den Schlüsseldienst, den Nachlassverwalter, den Beamten im Gesundheitsamt, für den Bestatter, die Räumungsfirma, und den Versteigerer.
Der Schlosser stemmt sich gegen die Tür, die Bohrmaschine jault kurz auf, gelbe Späne rieseln auf den Boden, und Pohl betritt die Wohnung. Er wirft einen Blick in die Küche, steigt über einen Kleiderbügel und einen Deoroller im Flur. Er legt seine Aktentasche auf ein freies Stück Teppichboden zwischen einer C&A-Tüte und einer Glühbirne und blickt sich um. Das Fernsehprogramm liegt aufgeschlagen auf einem Berg aus Zeitungen auf dem Couchtisch. Für den 2. Februar 2011 ist „Der Bergdoktor“ angekündigt, eine kleine Leselupe ist auf das Sofa gerutscht. Der fein gerahmten Brille daneben fehlt ein Glas. „Wie lange hält sich Obst?“ heißt die Schlagzeile auf der BZ, die oben liegt. Unter dem Tisch stehen braune Slipper, die Schuhspitzen zeigen Richtung Fernseher. Sperling muss aus ihnen herausgeschlüpft sein und sie dann liegenlassen haben. In der Küche liegt eine offene Packung Weizenmischbrot, eine angebrochene Tafel Ritter Sport Marzipan. Die Heizung ist einfach weitergelaufen: Es ist mollig warm in der Wohnung, als sei eben noch jemand da gewesen. Pohl lässt seinen schwarzen Mantel trotzdem an. „Ich habe schon Schlimmeres erlebt bei all den einsamen Leuten“, sagt er trocken.
Manchmal fühlt sich der Anwalt wie ein Detektiv. Akribisch sucht er nach versteckten Hinweisen, nach allem, was auf eine Geschichte aus Sperlings Leben hindeuten könnte. „Adressbücher sind eine Fundgrube.“ Der Anwalt seufzt. Sperling hatte kein Adressbuch. Vielleicht auch niemanden, den er hätte eintragen können. Pohl zieht ein paar Grußkarten aus einem Stapel Papiere. Zwischen Kontoauszügen und einem bunt gestempelten Gewerkschaftsheft findet er eine Geburtstagskarte: von Käte und Kurt, „Grüße auch an die liebe Mutti“. Die Heiratsurkunde: Willy Sperling, Möbeltischler, und Lydia-Roswitha, Verkäuferin. Die Ehe wurde 1963 nach nur zwei Jahren geschieden. Pohl zieht die Schubladen der Schrankwand auf, Fünfzigerjahre-Stil, ahorngelbes Holz. In der Vitrine steht eine Porzellanvase, auf der ein Kranich durch ein Blumenbett spaziert. Er findet noch ein paar Briefe, alle für die Mutter. Laut Sterbeurkunde war sie 91, als sie vor 15 Jahren starb. Und offenbar bis zuletzt der einzige Mensch in Sperlings Leben.
Erst jetzt, nach seinem Tod, fängt Willy Sperling für die Außenwelt an zu existieren: als Nachbar, als rätselhafter Fall fürs Amt und als Verdienstquelle. Pohl packt die Papiere in eine Mappe. „Den Rest machen die Kollegen von der Räumungsfirma.“ Als er die Wohnung verlässt, wartet schon die Nachbarin im Treppenhaus. Sie streckt den Kopf aus dem zweiten Stock über das Treppengeländer: „Endlich kommt mal eener!“ Sie reckt die gefalteten Hände in die Höhe. „Een Unding is dit, wie kann denn dit sein, dass sich da keener kümmert! Da kannste ja unter ner Brücke eenschlafn und keener kriegtet mit!“
Tatsächlich gibt es laut Deutschem Zentrum für Altersfragen in Deutschland immer mehr Single-Haushalte, in denen Menschen leben, die oft nicht einmal den Namen ihrer Nachbarn kennen. Die Hälfte aller Stadthaushalte beherbergt keine klassische Kernfamilie mehr. Und wer eine Familie hat, hat sie oft nicht vor Ort. Das mobile Leben bringt den einen nach Madrid, den nächsten nach New Delhi. Gleichzeitig leiern die sozialen Netze aus: Gemeinden, Gewerkschaften und Parteien verlieren ebenso an Anziehungskraft wie Vereine.
Und: In Deutschland gibt es immer mehr alte Menschen. Drei Millionen Deutsche sind älter als 80 Jahre, 2040 sollen es neun Millionen sein. 90 Prozent dieser Senioren leben in Privathaushalten. Der Schluss: Es gibt auch immer mehr alte Menschen, die allein leben.
Nach 80 Jahren passt Sperlings Leben zwischen zwei Pappdeckel
“Die eigene Wohnung ist ihnen enorm wichtig“, sagt der Gerontopsychologe Frank Oswald von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sie wird zum Schutzraum, in dem die Erinnerung wohnt. „Viele nehmen aber durchaus am Leben draußen teil, indem sie etwa bewusst Radio hören.“ Oswald bestreitet nicht, dass Menschen einsam sind: „Wenn man so alt wird, stirbt langsam das soziale Netzwerk“, sagt Oswald - vorausgesetzt, man hat eines.
Wer war Willy Sperling? „Ein Eigenbrötler“, sagt der Hausverwalter. „Aber immer korrekt. Bestimmt hätte man Skat spielen können mit ihm. Ein ganz normaler Mensch.“ „Freundlich war er“, sagt die Nachbarin. Man habe übers Wetter geplaudert, „das übliche Geplänkel. Aber in die Wohnung gelassen hat er nie jemand.“ Und die Frau, die über ihm wohnt, sagt: „Man konnte den Wecker stellen, wie er jeden Morgen los ist, um die Mutti zu pflegen.“
Als Sperling selbst krank wurde, war da keiner, der sich um ihn kümmerte. Erst an Ostern, zwei Monate nachdem die Sanitäter da waren, wunderte sich die Nachbarin: „Er hat doch sonst immer ein Geschenk vorbeigebracht.“ Nur einer wusste schon früh, dass Sperling gestorben war: Klaus Mewes.
Das Gesundheitsamt Reinickendorf ist eine freundliche Behörde in einem zweistöckigen Haus, das weitläufig angelegt ist wie ein alter Gutshof. Hinter einer Flügeltür führt eine breite Treppe in den ersten Stock. Der Linoleumboden ist am Morgen gebohnert worden. Jetzt liegt stille Emsigkeit in den Fluren. Die Bürotür von Mewes ist angelehnt, außen steht auf einem Schild „Interne Dienste“. Mewes ist ein kleiner Mann mit einem Poloshirt und einem runden Gesicht. Sein Schreibtisch ist säuberlich aufgeräumt, in einem Aktenschrank hinter ihm reihen sich 700, vielleicht 800 Hängeordner. Es sind die Akten von Verstorbenen. Von Toten, deren Familie sich weigert, das Begräbnis zu bezahlen. Auch die Papiere jener Toten, die gar keine Angehörigen haben.
Nach fast 80 Jahren passt Willy Sperlings Leben zwischen zwei Pappdeckel. Er ist jetzt ein Fall mit der Vorgangsnummer 10329/11. „Geschäftszeichen immer angeben“ steht auf allen Briefen.
“Für mich sind das in erster Linie mal Papiere“, sagt Mewes. Als Sperling starb, suchte er nach Angehörigen, rief beim Standesamt an und beim Sozialamt. Wie in jedem dritten Fall tauchte kein Verwandter auf. „Und wenn man doch wen findet, sagen die Leute meistens, sie könnten sich keine Beerdigung leisten oder sie hätten keinen Kontakt zum Verstorbenen gehabt.“ Also wurde Mewes zu einer Art Ersatzfamilie für den toten Sperling: Er füllte seine Einäscherungspapiere aus, meldete ihn bei der Polizei ab, löschte ihn aus dem Melderegister, holte beim Standesamt die Sterbeurkunde für die Krematoriumsverwaltung ein und organisierte die Beerdigung.
Unter dem Strich hat Willy Sperling die Stadt 816 Euro gekostet
Bei alldem geht es vor allem um eines: um Geld. Rund acht Milliarden Euro Umsatz macht die Bestatterbranche pro Jahr in Deutschland. Sechs Milliarden davon entfallen auf Bestatter, Steinmetze, Floristen oder Friedhofsgärtner, der Rest auf die Träger von knapp 33 000 Friedhöfen mit gut 30 Millionen Gräbern. Mewes’ Fälle tragen nicht viel dazu bei. „Wir müssen so günstig wie möglich arbeiten“, erklärt der Beamte. „Die Hauptsache ist, der Tote wird würdig bestattet und den Steuerzahler kostet es nicht zu viel.“
Schon bei der Einäscherung wurde streng „nach Liste“ abgerechnet. „Aber es gibt auch Grenzen.“ „Eine Zeitlang hat man die Leichen zur Einäscherung nach Thüringen gefahren“, sagt Nachlassverwalter Pohl. „Da war es billiger, ganz klar.“
Sperling konnte in Berlin bleiben, eingeäschert wurde er im Krematorium Berlin-Ruhleben. Auch diese Kosten hat das Gesundheitsamt vorgestreckt: 197 Euro für die Einäscherung, dazu zweimal Urnenversand innerhalb Berlins à 21 Euro. Das Bestattungsinstitut berechnet noch fünf Euro für Leichentuch, zehn Euro für Kühlung. Insgesamt 183 Euro. Dazu kommen die Friedhofskosten, die Pauschale für Blumenschmuck, 51,21 Euro, ist aber längst gestrichen. Unter dem Strich hat Willy Sperling die Stadt 816 Euro gekostet. Um den Billigpreis zu garantieren, schreiben die Gesundheitsämter alle zwei, drei Jahre einen Wettbewerb aus. „Das ist ein Hauen und Stechen unter den Bestattern“, weiß Anwalt Pohl aus Erfahrung. Am Ende macht immer der billigste Anbieter das Rennen. In diesem Fall heißt er Aadee Bestattungen.
Nico Schröder ist der Chef und damit zuständig für alle ordnungsbehördlichen Bestattungen des Gesundheitsamts Reinickendorf. Rund 100 solcher Bestattungen wickelt er im Bezirk Reinickendorf pro Monat ab, ein Drittel aller Aadee-Aufträge. Diese Aufträge sind gut fürs Image, und Schröder hofft auf Folgeaufträge. „Die einzelne Bestattung ist nicht lukrativ.“ Bis auf 300 Euro könne er den Preis drücken, sagt Schröder, und es klingt fast stolz. „Aber die Masse macht’s.“
Ein Februarmorgen auf dem Friedhof in Berlin-Neukölln. Das Licht ist an diesem Frühjahrstag noch ganz dünn. Es ist kurz vor zwölf. Noch wenige Minuten bis zur gewissermaßen ordnungsgemäßen Bestattung, wie an jedem letzten Mittwoch im Monat.
Ein paar Sonnenstrahlen kämpfen sich durch den Himmel, aber eine Tür aus Milchglas lässt sie nicht in die Friedhofskapelle hinein. Eine Frau mit weißen Haaren und einer roten Rose in der Hand bleibt irritiert vor einem Pult stehen. Auf dem Papier sind die Namen der Verstorbenen aufgelistet: Hinter 12.01 Uhr, 12.02, 12.03, 12.04, 12.05. Die Frau setzt sich auf eine Bank. Es ist die Betreuerin von dem Toten, der um 12.03 Uhr bestattet werden soll. Daneben ein Mann um die 40, sagen will er nichts. Dann kommt noch eine Frau mit blauem Lidstrich zögerlich auf die kleine Trauergemeinde zu. Sie setzt sich und weiß nicht, wohin mit den Händen, mit dem Blick.
Wer erinnert sich?
Um 11.50 Uhr tritt der Bestattungsangestellte auf sie zu. Er trägt einen schwarzen Anorak mit weißem Kragen, auf seinem Revers stehen Name und Unternehmen. „Sie können jetzt Abschied nehmen“, sagt er höflich und öffnet zwei Flügeltüren. Aufgebahrt stehen dort fünf Urnen aus schwarz bemaltem Blech, darum ein feinmaschiges Netz.
Die Frau mit den weißen Haaren steigt die drei Stufen hinauf. „Es ist die zweite von rechts“, sagt der Bestatter. Der Mann mit Zopf bleibt sitzen und steckt sich noch eine Zigarette an. Als die Frau sich wieder umdreht, setzt der Angestellte nacheinander die Urnen auf ein kleines Wägelchen. Dann zieht die kleine Gruppe schweigend los. Hinter einer alten Eiche biegt der Bestatter ab und bleibt vor einer Reihe mit fünf Löchern stehen.
Als er die erste Urne zum Loch ganz links trägt, scheppert es unter seinen Funktionsschuhen: Der Bestatter steht auf hellgrünem Kunstrasen, das ein langes Stück Blech versteckt. Darunter hat er noch fünf Löcher vorgegraben, für die nächste Runde ab 13 Uhr. Er versenkt die erste Urne, faltet die Hände und verabschiedet den Toten mit den Worten: „Ruhe in Frieden“, und: „Was bleibt, ist die Erinnerung.“ Nur: Wer erinnert sich?
Als die Frau ihre Rose auf die Urne gelegt hat und die anderen eine Schippe Erde in die Löcher drei und vier gestreut haben, ist die Beerdigung zu Ende. Der Bestatter holt Spaten und Schubkarren und beginnt, frische Erde auf die Urnen zu füllen. „Ein bisschen würdevoll sollte man das schon machen.“ Zwischendurch muss er kurz telefonieren, dann rollt er den grünen Streifen aus Kunstrasen ein und auf den gerade gefüllten Löchern wieder aus.
Wenn die Fläche rund um die Löcher eins bis zehn aufgebraucht ist, wird Gras über die Sache wachsen und so aussehen wie das Stück weiter links: Dort steht inmitten eines freien Rasenstücks ein Gedenkpfeiler, der über die Toten wacht. Dafür kommt nur eine bestimmte Art von Grassamen in Frage. „Rollrasen ist zu teuer“, sagt der Bestatter. Wir warten immer, bis wir eine bestimmte Quadratmeterzahl zusammenhaben, dann streuen wir die Samen aus.“ Lange wird das nicht dauern.
Vierzig Prozent der Bestattungen in Berlin sind laut Statistischem Landesamt mittlerweile anonym, vor zwanzig Jahren waren es nicht einmal halb so viele. Der Trend gilt bundesweit. Und es sind nicht nur alte Menschen, die namenlos sterben. Selbstbestimmt, kostengünstig, anonym - das ist der neue Dreiklang, der an die Stelle von Religion, Ehe, Bestattung tritt. Und er ist verräterisch.
Pfarrer Belker: „Einsame sind einfach unsichtbar“
“Wie eine Gesellschaft mit ihren Toten umgeht, das zeigt ihr seelische Verfasstheit“, sagt Gerd Belker. „Mich empört nicht, dass Bestattungen billig sind. Mich empört, dass es so was gibt, dass Menschen einfach unbemerkt sterben. Wir nehmen unsere Mitmenschen nicht mehr wahr. Leistungsschwache und Einsame sind einfach unsichtbar.“
Den Essener Pfarrer trieb schon vor Jahren um, dass immer mehr Menschen ohne Namen, Gebet und Anteilnahme „entsorgt“ würden. Also hat er vor einigen Jahren in seiner Gemeinde einen „Gottesdienst für Unbedachte“ ins Leben gerufen. Einmal im Monat lädt er zum „Dienst der Barmherzigkeit“ in der Essener Citykirche, um die Namen der Verstorbenen in Ehren zu halten. Parallel schalten die Zeitungen in der Region gratis eine Sammeltraueranzeige. Mal mit 20, mal mit 30 Namen. Belker freut sich über die Rückmeldungen. „Die Leute suchen das Gespräch. Viele sind froh, dass sie wenigstens aus der Zeitung erfahren, dass ihr Nachbar gestorben ist.“ Ähnliche Gedenkgottesdienste gibt es auch in Erfurt, Köln und Leverkusen.
Es gibt viele Gründe für die vielen anonymen Bestattungen. Es ist keiner da, der sich kümmert. Oder jemand, der sich nicht kümmern kann oder will. „Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander“, sagt der Hamburger Soziologe Norbert Fischer, der zum Thema „Vom Gottesacker zum Krematorium“ promoviert hat. Und weil die Menschen immer älter werden, wird das Ersparte immer weiter aufgebraucht, am Ende ist für den Tod nichts mehr übrig. Dabei ist die Rasenbeisetzung nicht nur preiswert, sondern praktisch: Keiner muss das Grab pflegen. Das spielt in Fischers Augen für immer mehr Menschen eine Rolle, die vielleicht sogar eine Familie haben, dieser aber nicht zur Last fallen wollen oder zu weit entfernt wohnen von der Tochter in Hamburg oder der Nichte in Berlin.
Weil viele Deutsche auf Mallorca einsam leben, sterben auch viele allein. Jeder Fünfte, der dort stirbt, wird von niemandem vermisst. „Das sind die Zeichen unserer Zeit“, sagt Peter Wehr, Pfarrer der deutschen Kirchengemeinde in Santa Cruz. Monat für Monat erlebt er solche Todesfälle. Weil das Konsulat oft keine Angehörigen ausfindig machen kann, werden die Deutschen auf Kosten der Inselgemeinde eingeäschert und in einer anonymen Grabstätte, der „fosa común“, bestattet.
In Deutschland zeichnet der Gesellschaftswandel seine Spuren in die Friedhöfe. Weil immer mehr Tote immer weniger Platz beanspruchen, liegen Flächen brach, freie Rasenflächen ersetzen Grabsteinlandschaften. Also schrumpft die Zahl der Friedhöfe. Laut VDB, dem Verband Deutscher Bestatter, schreiben 90 Prozent der Betreiber rote Zahlen. Doch was wird etwa aus dem Platz, an dem jetzt Sperlings Asche vergraben liegt? Auf dem Papier ist es einfach: „Grünfläche mit Sondernutzung“ heißt der Fachbegriff. Aber in der Praxis? Eine Tiefgarage? Ein Buddelkasten für Kinder? Der Friedhofsbetreiber muss sich darum erst einmal nicht sorgen: Nach der letzten Beisetzung muss er die Fläche 20 Jahre weiter bewirtschaften, das heißt 20 Jahre ohne Einnahmen - dafür aber Kosten für Parkpflege und Exhumierungen, die der Betreiber auf Wunsch der Angehörigen bezahlen muss.
Was zu tun ist, wenn jemand anonym stirbt, beschäftigt auch Hausverwalter und Vermieter. „Mietrechtliche Fragen beim Tod des Mieters“ heißt ein Seminar, das die Berliner Akademie der Immobilienwirtschaft in diesem Jahr erstmals anbietet. „Die Leute werden immer älter, und damit werden es immer mehr Fälle“, sagt der Vermieter Jens Jonetzko. Bei 6000 verwalteten Einheiten erlebe er rund 30 solcher Fälle im Jahr. „Ein Produkt unserer Gesamtgesellschaft“: immer mehr Single-Haushalte, immer mehr arme Menschen.
Anwalt Pohl: „Das ist manchmal schon viel bürokratischer Mist“
Laut Gesetz müssen die Angehörigen für die Beerdigung aufkommen, auch weil 2004 das Sterbegeld der Krankenkassen gestrichen wurde: Eltern, Geschwister und Großeltern, Ehegatten, volljährige Kinder und Enkelkinder. Die schlagen das Erbe aber immer öfter aus: 2005 gaben die Träger noch knapp 32 Millionen Euro für Sozialbestattungen aus, 2010 waren es gut 57 Millionen. Oder es sind nur entfernte Verwandte. Auch dann muss das Amt ran - und der Vermieter. „Solche Fälle sind für uns ein hohes, aber leider alltägliches Geschäftsrisiko“, sagt Jonetzko. Vor allem, wenn sich der Nachlassprozess in die Länge zieht. Dann muss Jonetzko für die Mietausfälle aufkommen, die Wohnung darf er in dieser Zeit nicht einmal auf eigene Kosten räumen lassen. „Und wenn am Ende rauskommt, dass der Mieter oder seine Familie nicht flüssig sind, bin ich dran.“ Bis zu 5000 Euro kann die Räumung mit den anschließenden Malerarbeiten kosten.
Der Vermieter von Willy Sperling hat Glück gehabt. Sperling hatte so viel Geld auf dem Konto, dass der Dauerauftrag für die Miete ein Jahr lang weitergelaufen ist. Anwalt Pohl sitzt jetzt in seiner Kanzlei nahe dem Kurfürstendamm in Berlin und breitet die Akten vor sich auf dem Eichentisch aus. „Das ist manchmal schon viel bürokratischer Mist.“ Er hat die Zahlungen an die GEZ eingestellt, bei Vattenfall gekündigt, sich um das Zeitungsabo gekümmert und natürlich um Geldangelegenheiten. Pohl zählt das Geld im dem Umschlag mit der Aufschrift „Bargeld“: 1905 Euro, schon das reicht für die Rückzahlung der Bestattungskosten an das Amt. Sperling hat sparsam gelebt. Keine teuren Restaurantbesuche, kein Auto, keine Reisen. Mehr als 200 000 Euro hat er angespart. „Das reicht für ein ordentliches Honorar“, sagt Pohl. Für die Rückzahlung der Bestattungskosten - und für die Räumung.
Sperlings Hausrat geht für 230 Euro an einen Trödler
Roger Mirr steht im Wohnzimmer von Willy Sperling und räumt auf. Der junge Mann verschwindet fast zwischen mannshohen Müllsäcken, die Zeitungsberge auf dem Tisch hat er noch nicht abgeräumt. Er hat wache blaue Augen. Früher war er Polizist. Jetzt hat er sein eigenes Unternehmen, er räumt die Wohnungen von Toten. Ein einträglicher Job, der krisensicher ist und nie langweilig wird.
Nachlassverwalter Pohl ist sein bester Auftraggeber, und die Arbeit hat ihn in all den Jahren zum Experten gemacht. „Je weicher, desto reiner“, sagt Mirr. Er erkennt „375er aus der DDR und 585er. 900er, das gibt’s höchstens bei Trauringen von reichen Leuten.“ Bei Sperling entdeckt er auf einem Beistelltisch einen alten Joghurtbecher voller Münzgeld. „Auf so was muss man achten. Wenn einmal so ein Becher zweckentfremdet ist, kann das heißen, dass auch in anderen noch Geld sein könnte.“ Er stöbert weiter, findet unzählige Briefe, vom Stromversorger, vom Rentenversicherer. Das Lesen von privaten Briefen hat Mirr aber aufgegeben. „Mein voyeuristischer Bedarf ist gedeckt. Spätestens, seit ich mal einen Anrufbeantworter abgehört habe. Da war wohl die Freundin des Toten dran, 14, 15 Mal. Ihre Stimme wurde immer verzweifelter, beim letzten Mal hat sie fast geschrien.“
Sperling hatte keinen Anrufbeantworter. „Der war ein armes Würstchen, glaub ich.“ Es stehen nur noch ein paar Bilder in der Vitrine, die Vase ist weggepackt. Ein Testament findet Mirr nicht. Jetzt muss er Geld machen aus dem Hausrat, der in den Müllsäcken steckt.
Zwei Wochen später, ein Dienstagmorgen im Industriegebiet Berlin-Tempelhof. Schon vor neun Uhr haben Hunderte von Menschen vor dem Auktionshaus Beier gewartet, bis die Tore geöffnet wurden. Eine Stunde später notieren sie Nummern auf eine Liste, um sie bei der Versteigerung leicht wieder zu finden. Ein paar türkische Männer spielen zwischen einem antiken Sekretär und Hometrainern eine Runde Karten, bis die Chefin mit dem kleinen Holzhammer kommt. Monika Beier versteigert Möbel und Hausrat von Verstorbenen, Nachlässe im Wert von 30 000 bis 50 000 Euro, jede Woche. Fast alles geht weg, von der Pfeifensammlung bis zur Porzellanhundefamilie. Man gewöhne sich an den Umgang mit dem Tod, sagt Beier. „Aber man muss schon auch manchmal sein Herz ausschalten.“
Die größte Halle ist für den Hausrat reserviert. Wer hier den Zuschlag kriegt, dem gehört alles, was in einem der Regale liegt. In der ersten Reihe, ganz hinten, steht das Regal mit der Nummer 43. Es ist der Hausrat aus Sperlings Wohnung, Startgebot: 100 Euro.
Die Männer drängen sich um die quirlige Monika Beier. Sie hat ein Headset-Mikrofon vor dem Mund. Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten: Sperlings Hausrat geht an einen Trödler, für 230 Euro. Noch während er die Sachen in Pappkartons packt, preist er dem ersten Interessenten schon die Vase mit dem Kranich an. „Ich mach Ihnen einen guten Preis.“
Danke Jenni Roth...
Veronika Soey (VeronikaSoey)
- 25.11.2012, 15:35 Uhr
Wo ist eigentlich die Kirche bei alledem?
Herr Müller (Huckeltown)
- 25.11.2012, 14:01 Uhr
Wer auf der Bahre liegt ist Tot. Sanitäter legen einen Patienten
auf eine Trage!
klaus keller (klkeller)
- 25.11.2012, 13:44 Uhr