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50 Jahre „Text und Kritik“ : Die Literatur ohne Tendenz betrachtet

Das erste „Text und Kritik“-Cover neben dem einer späteren Grass-Auflage Bild: Verlag

Seit einem halben Jahrhundert begleitet die von Heinz Ludwig Arnold gegründete Literaturzeitschrift „Text und Kritik“ die deutsche Gegenwartsliteratur mit unverstelltem Blick. Was mit Grass begann, wirkt noch heute zukunftssicher. Mit Interview-Hörproben.

          Versetzen wir uns in das Jahr 1963. Heinz Ludwig Arnold war damals 23 Jahre alt, Konrad Adenauer erklärte seinen Rücktritt und machte Platz für Ludwig Erhard, den zweiten Bundeskanzler der Republik. 1963 wurde Borussia Dortmund deutscher Meister, und eine Königin, Queen Elizabeth, feierte zehnjähriges Thronjubiläum. Ein Kaiser, Äthiopiens Haile Selassie, hielt eine Rede vor den Vereinten Nationen, und ein junger Musiker namens Bob Marley nahm umgehend einige Sätze aus dieser Rede in einen seiner Songs auf. Den Nobelpreis für Literatur erhielt der Grieche Giorgos Seferis, den Büchnerpreis Hans Magnus Enzensberger.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Goethe hätte übrigens in jenem mirakulösen Jahr 1963 seinen 214. Geburtstag gefeiert, wenn er noch gelebt hätte. Goethe war damals seit 131 Jahren tot. Aber was sagt diese Zahl wirklich aus? Was heißt es, seit 131 Jahren tot zu sein? Ein Schriftsteller kann hundert Jahre nach seinem Tod in der öffentlichen Wahrnehmung durchaus lebendiger und gegenwärtiger sein als zum Zeitpunkt seines Ablebens. Wann immer sich „Text und Kritik“ Autoren vergangener Epoche zuwendet, Gryphius, Seume, Raabe, Hebel und anderen, dann agiert die Zeitschrift als literarisches Instrument zur Reanimation.

          Literatur vermag Vergangenheit gegenwärtig zu machen, die nahe wie die ferne. Darin ist sie einzigartig. Ihr Einfluss auf unser Zeitempfinden ist enorm. Die Lektüre von „Text und Kritik“ ist seit fünfzig Jahren eine Schule der ästhetischen, aber auch der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Und sie ist eine Schule der Empfindsamkeit, was das heikle Verhältnis von Literatur und Zeit betrifft.

          Der größte greifbare Gegensatz zu Ernst Jünger

          Kritik ist in weit höherem Maße zeitlich verortet als ihr Gegenstand, die Literatur. Wie hat sich die Zeitschrift „Text und Kritik“ im Jahr ihrer Gründung positioniert? Die erste Ausgabe galt einem lebenden, die zweite Ausgabe einem verstorbenen Autor. Die Entscheidung für Günter Grass war die Entscheidung für einen jungen, bereits erfolgreichen und damals absolut gegenwärtigen Autor. Grass, so musste es damals scheinen, war ein Versprechen auf die Zukunft der deutschen Literatur, auf ihre Vitalität und ihre Fähigkeit, sich mit der jüngsten Vergangenheit, mit dem „Dritten Reich“ auseinanderzusetzen und damit sogar im Ausland Anerkennung zu finden. 1961 war „Die Blechtrommel“ in Frankreich erschienen, 1962 folgte England, 1963 erschien der Roman in den Vereinigten Staaten. Im selben Jahr setzte Grass mit „Hundejahre“ seine „Danziger Trilogie“ fort. Aktueller, gegenwärtiger, aber auch kontroverser als mit Grass hätte man „Text und Kritik“ wohl kaum beginnen lassen können.

          Aber wer sagt überhaupt, dass es allein derartige literaturstrategische, literaturpolitische Erwägungen waren, die zu dieser Entscheidung geführt hatten? Vielleicht stellte Grass ja einfach nur den größten greifbaren Gegensatz zu Ernst Jünger dar. Vielleicht ging es viel weniger strategisch und weitaus hemdsärmeliger zu.

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