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Walt Disney Family Museum : Der Übervater und seine Geschichten

Auf allen Medien: Walt Disney Bild: AFP

Das Walt Disney Family Museum in San Francisco ist eröffnet. Den Mann hinter dem Mythos wollen uns die Tochter Diane Disney Miller und der Enkel Walter E. D. Miller zeigen. Die Materialfülle überwältigt, die Präsentation ist auf dem neuesten Stand. Der Mythos aber hat das letzte Wort.

          Wer er ist, weiß hier jeder. Trotzdem streckt der großgewachsene, breitschultrige Mann im dunkelblauen Einreiher artig die Hand zum Gruß aus und sagt: „Hi, I'm Walter.“ Und weil wir gerade vor einer Konservendose, dem Etikett nach gefüllt mit köstlichem Chili con Carne, stehen, beginnt er, über die Essgewohnheiten seines Großvaters, der auch Walter hieß, aber nur Walt genannt wurde, zu erzählen. Walt Disney, so sein Enkel Walter E. D. Miller, habe zwar eine Köchin namens Thelma gehabt, aber sein Lieblingsessen sei doch aus der Dose oder Tüte gekommen. Chili oder Bohnen mit Speck als Hauptgericht, Jello zum Nachtisch. So war er halt, der Opa.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Walters Mutter könnte jetzt sicher noch ein paar private Details hinzufügen, wäre sie, Diane Disney Miller, die eben noch im pastellfarbenen Hosenanzug über die Gänge und durch die Galerien wuselte, nicht plötzlich verschwunden. Macht nichts. Eigentlich brauchen wir weder Enkel noch Tochter, um an diesem Ort über die Vorlieben, liebenswerten Schwächen und Schrullen des Privatmanns und Familienvaters Walt Disney in Wort und Bild, Film und Ton mehr zu erfahren, als wir uns je ausmalten, wissen zu können oder zu sollen. Denn genau darüber will uns das von Disneys Nachkommen gegründete Walt Disney Family Museum nicht nur informieren, sondern in Erstaunen versetzen. Geboten wird ein Leben zum Nacherleben. So stehen wir auf einmal vor der prächtigen Eisenbahn, die Disney durch sein Anwesen rattern ließ, einem Spielzeug, das groß und solide genug war, um auch Besucher wie Salvador Dalí samt Gefolge auf einen Ausflug durch den Rosengarten mitzunehmen.

          Hunderten von Monitoren

          Das Tschutschubähnchen für Kinder und Erwachsene bekommen wir allerdings erst spät zu sehen, ziemlich zum Schluss des Museumsparcours, der uns streng chronologisch durch Leben und Werk des Unterhaltungsgenies schleust. In erschöpfender Gründlichkeit wird uns eröffnet, wie Disney als Junge jeden Morgen ab halb vier Zeitungen austrug, nachdem sein Vater irgendwo in Missouri sich das Zustellungsgebiet gesichert hatte, wie er die Schülerzeitung mit Zeichnungen belieferte, wie er, zu jung, um als Soldat in den Ersten Weltkrieg zu ziehen, als freiwilliger Sanitäter nach Frankreich verschifft wurde, wie er, wieder nach Amerika zurückgekehrt, in Kansas für ein kommerzielles Zeichenstudio arbeitete, nebenbei die ersten Zeichentrickfilme kennenlernte, selbst einige lustige Werbespots unter der Bezeichnung „Laugh-O-Grams“ anfertigte, dafür eine Firma gründete und schnell bankrott machte. Es dauert nicht lange, bis wir begreifen, dass der Privatmann Disney nicht vom Geschäftsmann zu trennen ist.

          Auf allen Medien: Walt Disney Bilderstrecke

          Und lange bevor wir den Ausgang erreichen, wo all die Cartoons hängen, die den Tod des weltberühmten Kunstweltenschöpfers betrauern, unter ihnen ein weinender Globus mit Micky Mouse Ohren, verwischen sich in unserer Vorstellung auch die Bilder des Familienvaters und des auf Hunderten von Monitoren auftauchenden, unermüdlich seine Erfindungen anpreisenden Verkäufers und Vermarkters. Das entspricht durchaus dem Plan der Museumsgründer. In drei Kapiteln, erklärt Museumsdirektor Richard Benefield, soll uns Disneys Geschichte gefangennehmen, und wenn im ersten sein Leben verhandelt wird, im zweiten sein Wirken, dann weitet sich im dritten der Horizont, um die Geschichte Amerikas aufzunehmen, in der sich auch Disneys Geschichte spiegelt. Oder ist es umgekehrt?

          Disney, der Draufgänger

          Ins Rollen aber kam die Sache mit dem Museum auf der privaten Schiene. Disneys Erben waren oft gar nicht glücklich mit den Erzählungen einiger Biographen, die Charakterschwächen des großen Mannes, sogar Versäumnisse in seinem Familienleben, das offiziell geradezu als disneyesk dargestellt wurde, aufzuspüren meinten. Tochter und Enkel wollten als Leiter der Walt Disney Family Foundation, die sich den gezielt korrektiven Spaß einhundertzehn Millionen Dollar hat kosten lassen, per Museum die Dinge richtigstellen, endlich und ein für allemal. Was jenseits von Disneyland die schlimmsten Ahnungen hervorrufen musste. Gott sei Dank bleiben sie nun weitgehend unbestätigt. Ja, schon wahr, Disney wird im Walt Disney Family Museum nicht wirklich kritisch belastet und belästigt. Immerhin werden Vorkommnisse wie der bittere Streik der Animationskünstler Anfang der vierziger Jahren und, als Folge davon, die Aussage Disneys vor einem Kongressausschuss über unamerikanische Umtriebe nicht unterschlagen. Igor Strawinsky, vernehmen wir an anderer Stelle, sei über den Musikanimationsfilm „Fantasia“ voller Begeisterung gewesen. Bis er das in den folgenden Jahren abgestritten habe.

          Von einer irgendwie kulturtheoretisch begründeten Untersuchung und Aufbereitung des Phänomens Disney kann aber keine Rede sein. Wer recht hat, ob der alte Richard Schickel, der dem Werk Disneys nur als kapitalistischem Unterfangen Genialität zuzubilligen gewillt war, oder eher jüngere Apologeten, die Disney als popavantgardistischen Architekten einer amerikanischen, wenn nicht globalen Fantasiewelt feiern, das interessiert hier vorerst niemanden. Benefield, zuvor in leitender Position fürs Kunstmuseum von Harvard tätig, mag sich indes noch als Garant eines grundlegend wissenschaftlichen Ansatzes entpuppen. Vielleicht wird er, wie angekündigt, in Lehrveranstaltungen und Symposien tatsächlich Tiefenschichten freilegen und Kulturströmungen nachgehen. Zunächst soll das Museum aber eine Geschichte erzählen.

          Es ist die Geschichte vom Geschichtenerzähler, wie die Welt ihn so nur einmal kennt. All seine globale Anziehungskraft aber entwickelt er, in diesem Szenario, aus einem uramerikanischen Selbstverständnis. Im Glorienschein seines Museums erscheint uns Disney, der Selfmademan, Disney, der unermüdlich sich neu erfindende Tatmensch, Disney, der Draufgänger und auch von Rückschlägen nicht zu entmutigende Durchhaltekünstler, der aus Fehlschlägen den nächsten Erfolg zimmert und einfach eine neue Figur erfindet, wenn ihm die alte in einem Urheberrechtsstreit verlorengeht, Disney, der Brückenbauer, der das nostalgische Kleinstadtidyll mit utopischen Visionen verbindet, Disney, der Fantast, in dem sich nationale Überzeugungen und Sehnsüchte verkörpern, Disney, der Magier, der das Morgen schon im Heute vorwegnimmt. Disney, Disney, Disney, eine endlose Folge von Inkarnationen.

          Der Mythos hat das letzte Wort

          Was Wahrheit, was Legende ist, darf da keine Rolle spielen. Wer wollte auch nicht gern an die Geburt von Mickey Mouse während einer Bahnfahrt von Manhattan nach Hollywood glauben? Disney, so geht die Geschichte, hatte die Rechte an Oswald, dem Glückshasen mit den sehr langen Ohren, abgeben müssen und sann über einen Ersatz nach. Wie wäre es mit einer Katze, einem Kätzchen? Oder lieber einer Maus? Einer Maus mit Oswalds Ohren? Die Mortimer heißen könnte? Nur nicht Mortimer, protestierte Lillian, die mitreisende Gemahlin. Wenig später tauchte Mickey, die Maus, in „Steamboat Willie“ auf, einem Animationsfilm, der selbst Geschichte machte, weil er Ton und Bewegung synchronisierte. Überhaupt die Technologie! Das Museum vergöttert sie. In allen nur möglichen Varianten wird sie beschrieben und, viel aufregender, vorgeführt. Sagenhaft etwa in ihrem zwei Stockwerke hohen Gerüst die „Multiplane camera“, die dem Animationsfilm in herrlichen Schwebefahrten die Illusion der dritten Dimension erschloss und so aus „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ das Zeichentrickwunder in revolutionärer Spielfilmlänge machte.

          Technologisch auf dem letzten Stand befindet sich aber auch die Präsentation. Das ist erst einmal eine enorme Überraschung. Eingenistet hat sich nämlich das Museum in einen Backsteinbau, wie es ihn in San Franciscos Presidio, einem riesigen ehemaligen Militärgelände, das wie Dornröschen auf seine Erweckung wartet, buchstäblich hundertfach gibt. Im Innern jedoch hat die Rockwellgroup, die sonst die Oscar-Verleihung oder New Yorker Restaurants zum Glitzern bringt, ein Unterhaltungsambiente hingezaubert, das die nüchterne Information in einer Spaßtour unterbringt, die auch in einem Disney-Themenpark nicht fehl am Platze wäre. Da tönt und blinkt und leuchtet es von allen Wänden und aus allen Ecken, da laufen über Monitore alte Familienfilme und neue Animationsversuche um die Wette, da laden funkelnde Tische zum interaktiven Spiel mit Geschichte und Zukunft, da kurvt schließlich eine silberblaue Rampe vorbei an Disneys zwei letzten Jahrzehnten und mitten hinein in ein monumental ausgetüfteltes Modell von Disneyland, wie die Wirklichkeit es nie gesehen hat, aber Disney bestimmt mit Wohlgefallen betrachtet hätte.

          Den Mann hinter dem Mythos wollen uns Diane Disney Miller und Walter E. D. Miller zeigen. Wenn das so einfach wäre. Der Mythos jedenfalls hat das letzte Wort, und womöglich ist es auch, ungeachtet aller Bekundungen, nicht anders vorgesehen. Tochter und Enkel stellen uns einen Walt Disney vor, der sich nicht wesentlich von dem unterscheidet, den wir zu kennen glauben. Überwältigend aber ist die Fülle des Materials, sind die Zeichnungen, die leider nicht immer im Original vorgelegt werden, die raren Fotos und Filmausschnitte, die technischen Apparate und, nicht zuletzt, die Inszenierung. Es ist, wie sich im Guten und weniger Guten sagen ließe, eine Inszenierung aus dem Geiste Disneys.

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