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Übergewicht : Das Gehirn in den Zeugenstand!

  • -Aktualisiert am

Diäten sind Pyrrhussiege: Schuld ist nur der Energiebedarf des Gehirns Bild: Dieter Rüchel

Ist es meine Schuld, dass ich zu dick bin? Die fünfte Todsünde sollte in Zeiten moderner Medizin nicht länger als Rechtfertigung für moralische Urteile dienen. Hier kommt der Freispruch für Schwergewichtige.

          Was ist Schuld? Im juristische Sinne vorwerfbar ist die Ausführung einer rechtswidrigen Tat, bei der der Täter nach seinen Fähigkeiten und den konkreten Umständen in der Lage war, sich rechtskonform zu verhalten. Dem Gericht obliegt es, nach diesen Maßstäben die Schuldfähigkeit eines Angeklagten festzustellen, was nicht immer ganz einfach ist. Zweifellos aber sind Gerichte in einem Rechtsstaat allgemein anerkannte Instanzen für Schuldfragen - genaugenommen die einzigen. Die Kirche als ehemals mächtige Institution in Sachen Schuld hat sich aus diesem Metier weitgehend zurückgezogen. Dennoch wirken alte christliche Vorstellungen von Schuld und Sühne bis heute nach.

          Die wohl ältesten Urteilsverkündungen dieser Art finden sich im Katechismus der Katholischen Kirche. Gemeint sind die sieben Todsünden, die zwischen 400 und 600 nach Christus formuliert wurden: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit. Wer sich schuldig macht und sich nicht vor dem Tode im Zustand der Reue befindet, den erwarten die Qualen des Inferno.

          Die Angeklagten sind leicht zu überführen

          Doch was für Delikte werden hier unter Strafandrohung gestellt? In der mittelalterlichen Vorstellungswelt wurden mit den Todsünden menschliche Charakterschwächen zu Verbrechen gegen den Glauben erklärt. Nun basiert der Gedanke der Todsünde auf der Annahme eines schwachen Willens. Wie bei einem schuldfähigen Kriminellen geht die Theologie davon aus, dass wir in diesen Fällen eine Wahl haben. Doch stimmt das?

          Das britische Nationalgericht Fish'n'Chips: Die Entscheidung, weniger zu essen, stellt keine reale Option dar

          An dieser Stelle möchte ich als Arzt und Wissenschaftler einen Antrag auf Revision stellen - nämlich im Fall Gula: der Völlerei. Sie stellt einen Sonderfall im Todsündenregister dar, weil sie eines der existentiellen Bedürfnisse eines jeden Menschen unter bestimmten Voraussetzungen zum Verbrechen erklärt - die Nahrungsaufnahme. Die Angeklagten sind leicht zu überführen, denn die scheinbare Beweislast trägt jeder Gula-Sünder sichtbar mit sich herum; sein Körperumfang macht ihn verdächtig.

          Freispruch erster Klasse

          Wer dick ist, isst zu viel, und wer zu viel isst, ist maßlos. Und obwohl auch die katholische Kirche übergewichtige Menschen schon lange nicht mehr als Sünder stigmatisiert, wird Dick-Sein in unserer Gesellschaft noch immer negativ bewertet. Es hat in unserer Gesellschaft eine seltsame Metamorphose erfahren: vom religiösen zum modernen Sündenfall, wobei die alten Argumente ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Der Vorwurf an diejenigen, die dick sind und es bleiben, die in ihren Diätbemühungen scheitern und denen man es ansieht, wird entweder stumm oder laut formuliert: „Mensch, du bist zu schwach.“ Oder: „Du isst aus purer Lust.“

          Diese Verurteilung hat auch deshalb in Jahrhunderten nie an Brisanz verloren, weil die These vom schwachen Willen übergewichtiger Menschen bis vor kurzem wissenschaftlich unwiderlegbar war. Doch es ist an der Zeit, den Fall neu aufzurollen. Das Ziel dieses Prozesses ist nicht eine Begnadigung. Wir wollen also nicht in der Gesellschaft um mehr Nachsicht werben, um auf diesem Wege übergewichtige Menschen seelisch von ihren Schuldgefühlen zu entlasten. Das Anliegen besteht auch nicht darin, die Schuldfähigkeit dieser Menschen in Frage zu stellen. Nein, was ich fordere, ist ein Freispruch erster Klasse.

          Ein Dilemma, aber kein Zeichen von Willensschwäche

          Jeder Mensch, der übergewichtig ist, hat ein und dasselbe Problem: Seine Energieversorgung ist gestört. Genauer gesagt: Die Energieversorgung seines Gehirns befindet sich in einer Krise. Dem Gehirn gelingt es immer schlechter, Energie aus den Körperdepots im Fett- oder Muskelgewebe zu ziehen, um den eigenen Energiebedarf zu decken. Deshalb fordert es immer mehr Energie von außen an. Was nichts anderes heißt, als dass der Betroffene immer mehr essen muss und somit weiter an Gewicht zulegt. Mit anderen Worten: Auch wenn die Körperdepots übervoll sind, hat das Gehirn noch echten Energiebedarf. Und der muss gedeckt werden! Das ist ein Dilemma, aber kein Zeichen von Willensschwäche. Gegen das fundamentale biologische Grundbedürfnis, das Gehirn hinreichend mit Energie zu versorgen, ist jeder Wille machtlos.

          Natürlich kann jeder die Entscheidung treffen, mit einer Diät ein paar Pfunde abzuspecken. Das scheint zunächst auch zu funktionieren. Aber in Wahrheit handelt es sich um einen Pyrrhussieg. Denn der Preis, mit dem ein auf diese Weise reduziertes Körpergewicht erkauft werden muss, ist hoch. Wir können Körper und Gehirn eine Abnehmkur aufzwingen, aber das eigentliche Problem - den erhöhten Energiebedarf des Gehirns - lösen wir damit nicht. Im Gegenteil, wir verschärfen es.

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