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Texas rockt : Eine Stadt ergibt sich der Musik

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He? She? We! Yoko Ono gab das Geheimnis ihrer Fitness-Methode in Austin preis Bild: dapd

Jedes Jahr veranstaltet die texanische Hauptstadt Austin ihr Festival „South by Southwest“. Es hat sich zum Mekka der Rockmusikfreunde entwickelt, und man kann fünf Tage lang sonst nichts hören.

          An Ausschlafen ist nicht zu denken. Wenn Austin ein Geräusch wäre, dann wäre es das unablässige Krächzen der Purpurgrackel, eines äußerst penetranten Sperlings, der von sechs Uhr früh an kein Erbarmen mehr kennt. Doch während des fünftägigen Festivals „South by Southwest“, das seit 1987 in der selbsternannten „Welthauptstadt der Live-Musik“ stattfindet, ist der Vogel zumindest ab Mittag praktisch chancenlos: In jedem noch so kleinen Club, an jeder Straßenecke, im Grunde überall, wo man eine Gitarre auspacken kann, spielen an diesen Tagen knapp zweitausend Bands und Musiker und buhlen um die Aufmerksamkeit der reizüberflutet durch die Hitze schlurfenden Zuschauer.

          Ganz gleich, wo man steht: Überall blendet die Musik von unzähligen Bühnen ineinander und verbindet sich zu einem avantgardistisch anmutenden Dröhnen. Spätestens nach einem Tag ahnt man, dass es unter dem weiten blauen Himmel und mit mindestens zehn gleichzeitig stattfindenden Traumkonzerten pro Stunde nur einen einzigen Luxus geben kann: fünf Minuten ohne Musik. Doch die sind selbst an den Ufern des vielbepaddelten Lady Bird Lake, der sich als Fluss verkleidet durch die Stadt schlängelt, nicht zu bekommen.

          Fledermäuse in der Marihuanawolke

          Hier spielen am Abend die ganz großen Bands: The Strokes etwa, die hier als All-American-Band zu bestaunen sind und von Achtjährigen in Fan-T-Shirts, amerikanischen Daddys in kurzen Hosen und betrunkenen Teenagern in grüner St.-Patrick's-Day-Kostümierung bejubelt werden. Auch die Touristen, die unter der Congress Avenue Bridge darauf warten, dass pünktlich zum Sonnenuntergang die weltweit größte städtische Fledermauspopulation in den Himmel aufsteigt, werden unverlangt mit einem Soundtrack versorgt: Vom Südufer weht der Neo-Achtziger-Pop der Twin Shadows herüber, auf der anderen Seite ist offenbar eine experimentell gestimmte Mariachi-Kapelle am Werke. Die Fledermäuse kümmert all das Dröhnen wenig: Pünktlich um acht Uhr abends flattern rund 750 000 Tiere in den Himmel.

          Ein Vierteljahrhundert nach seiner Gründung quicklebendig: Das „South by Southwest”-Festival in Austin ist ein Publikumsmagnet
          Ein Vierteljahrhundert nach seiner Gründung quicklebendig: Das „South by Southwest”-Festival in Austin ist ein Publikumsmagnet : Bild: Reuters

          „Keep Austin Weird“, schreit es von Hemden, Tassen, Aufklebern und Plakaten, die man in den städtischen Souvenirläden erstehen kann. Vielen ortsansässigen Althippies ist der städtische Slogan nur noch eine Phrase. Wer aber erstmals hierherkommt, wird nicht umhinkönnen, sich darüber zu wundern, dass ausgerechnet die texanische Bundeshauptstadt eine solche Hochburg der Freakkultur ist - nicht nur während des Festivals, dann aber ganz besonders. Über der gesamten Stadt hängt eine Marihuanawolke, der Klebefilm auf den Straßen kündet von den Ausschreitungen der letzten Nacht.

          Roky Ericksons Freude an der chemischen Bewusstseinserweiterung

          Die meisten hier tragen die Insignien der amerikanischen Popkultur zur Schau: Röhrenhosen, Cowboystiefel, beeindruckende Bärte und Sonnenbrillen. Viele tragen immerhin einen Gitarrenkoffer; achtzig Prozent der Menschen, die einem auf der 6th Street begegnen, sehen aus wie Rockstars, dreißig Prozent sind es womöglich sogar.

          Einer, der wirklich Ernst gemacht hat mit dem „Keep Austin Weird“-Motto, spielt an einem der Abende in der überklimatisierten Austin Musical Hall: Roky Erickson. Der Mann ist eine tragische Legende der Rockmusik: 1966 war er mit seiner Band, den 13th Floor Elevators, Miterfinder des Psychedelic Rock. Doch die Freude an der chemischen Bewusstseinserweiterung brach ihm den Hals: Erickson nahm zu viel Drogen ein und fiel um 1968 durch immer seltsameres Verhalten auf. 1969 wurde er auf Basis der Diagnose „paranoide Schizophrenie“ in einer psychiatrischen Klinik in Houston mit Elektroschocks behandelt. Im selben Jahr verhaftete man ihn wegen Drogenbesitzes. Ericksons Anwälte plädierten mit Hinweis auf die geistige Verwirrung ihres Mandanten auf „unschuldig“, in den Knast kam er trotzdem. Nach etlichen Fluchtversuchen aus dem Gefängnis von Austin verlegte man ihn schließlich in eine Haftanstalt für geistig verwirrte Kriminelle, wo er abermals mit Elektroschocks behandelt wurde.

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