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Robert A. Heinlein : Er konnte alles außer irdisch

Robert A. Heinlein, der an diesem Samstag hundert Jahre alt geworden wäre, hat die Zukunft systematischer erforscht als alle Propheten vor ihm. Wir haben den Schriftsteller immer noch nicht eingeholt, meint Dietmar Dath.

          Seine ersten Sätze öffnen Türen ins Weite: „Mein ganzes Leben lang wollte ich zur Erde“ (“Podkayne of Mars“, 1963), „Wenn ein Mann eintritt, der wie ein Wanderer gekleidet ist und sich benimmt, als ob ihm das Lokal gehöre, so ist es ein Raumfahrer“ (“Double Star“, 1955), und sein schönster, verheißungsvollster Anfang lautet: „Es war einmal ein Marsianer namens Valentine Michael Smith“ (“Stranger in a Strange Land“, 1961). Nach durchschnittlich anderthalb Seiten wird bei Robert A. Heinlein selbst das rätselhafteste uranfängliche Bild zur stimmigen, ja zwingenden Geschichte; der Erzählinstinkt dieses Schriftstellers wusste stets, wohin er wollte.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Gegen Ende seiner langen Laufbahn wurde ihm diese frappierende Fabelfindersicherheit oft als kalte Rechenkunst verübelt - Jüngere, Nachdrängende nannten ihn einen monomanen Maschinisten, reaktionären Solipsisten und Schlimmeres. In David Pringles vielzitiertem und im Großen und Ganzen erfolgreich kanonbildenden Romanführer „Science fiction - The 100 Best Novels“ von 1987 kommt „The Number of the Beast“, ein verspieltes Heinlein-Spätwerk aus dem Jahr 1980, bloß als „scheußlicher alter Müll“ vor.

          Der alte Heinlein - unangreifbar durchs Vollbrachte

          Den Mann, der ein Vierteljahrhundert lang sein Genre unangefochten beherrscht hatte, kratzte das längst nicht mehr; von modischem Tadel ließ er sich so wenig aus der Ruhe bringen wie vom Lob Kurt Vonneguts, der den Verfasser von „Stranger in A Strange Land“ dieses einen Romans wegen neben Jonathan Swift und Voltaire stellte. Der alte Heinlein, unangreifbar durchs Vollbrachte, erinnert - das verleiht ihm durchaus unheimliche Züge - an die Hauptfigur seiner Erzählung „All you Zombies“, die sich buchstäblich selbst gezeugt hat (das Ganze hat mit Zeitreisen und einer Geschlechtsumwandlung zu tun; es lässt sich nicht besser erklären, als Heinlein das getan hat; man lese es in „The Fantasies of Robert A. Heinlein“ nach). Die Maßstäbe, nach denen seine Literatur bewertet werden muss, sind von ihm selbst gesetzte, sui generis.

          Bücher, in denen Welten wohnen, von Robert A. Heinlein

          Andere Science-Fiction-Autoren der fraglichen Zeit mögen in tüftlerischen Einzelheiten origineller gewesen sein, stilistisch vielseitiger, philosophisch gewitzter, psychologisch einsichtsvoller, politisch zuverlässiger - aber in die große Trias der modernen Geschichtsüberwinder, Kosmosordner und Zeitentrücker, zu der das Duo Jules Verne und H. G. Wells ergänzt werden will, gehört sein Name als dritter, kein anderer.

          Mythologische und spekulative Phantastik

          Im Gegensatz zu seinem französischen und seinem britischen Ahnherrn, die sich ihren Möglichkeitsräumen eher wie Reporter genähert und sich darin journalistisch, bestenfalls reiseschriftstellerisch bewegt haben, war Heinlein außerdem ein wirklicher Dichter, nämlich jemand, dem es gelungen ist, mittels unverwechselbarer sprachlicher Eigentümlichkeiten etwas sichtbar zu machen, das kein Film je zeigen könnte. Die Beiläufigkeit, mit der bei ihm die Wunder der wissenschaftlich gefütterten Vorstellungskraft Gestalt annehmen - Mollusken, die Gedanken lesen können; selbstbewegte Bürgersteige; eine Gefängnisrevolte auf dem Mond; mehrdimensionale Architektur - hätte einer, der nur plump auf diese Wunder zeigen kann, als wären sie nichts als Spezialeffekte, nie erreicht.

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