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Provinzleben : Alle Wege führen nach Nang-Pu

Auferstanden aus Ruinen, wählte die Stadt ein folgenreiches Symbol für ihr Wappen: den mythischen Vogel Phönix. Bild: Gemeinde Attnang-Puchheim

Der Eisenbahnknoten Attnang-Puchheim hat einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis Österreichs - als Ort zum Umsteigen, als Anhang eines Bahnhofs. Wie lebt man in einer Stadt mit einem solchen Identitätsdilemma?

          Sitzt ein Chinese im Zug und schaut aus dem Fenster. NANG-PU liest er da und denkt, er sei in der Mongolei. Ist aber kein Witz, und verfahren hat er sich auch nicht. Er steht mitten in Oberösterreich, und vermutlich muss er gleich aussteigen, um seinen Anschlusszug nicht zu verpassen. Denn Attnang-Puchheim ist das Synonym für das, was man heute gerne einen transitorischen Ort nennt. Obendrein einer, der in Österreich zum Synonym für einen hässlichen Bahnhof und sonst nichts geworden ist: als Eisenbahnknoten ein Name, aber kein Ort. Wie Bebra, als es die innerdeutsche Grenze noch gab.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Doch hinter der schlierigen Fensterscheibe sind Häuser zu sehen, ein Kirchturm am Fuß eines bewaldeten Hügels. Also müssen hier auch Menschen leben. Für die hat sich auch die Kunst bislang nicht interessiert. Gleichwohl sich die Stadt als Topos durch die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts zieht. In Heimito von Doderers Roman „Die Strudlhofstiege“ schreitet der einsame Leutnant Melzer auf seinem Weg durch die Tiefe der Jahre „über den Perron zu Attnang-Puchheim“, darüber sich grämend, einen Heiratsantrag nicht ausgesprochen zu haben. Auch Thomas Bernhard kam immer wieder hier durch. Und in Gerhard Bronners berühmtem „Bundesbahn Blues“, einer Art alternativer Nationalhymne der Österreicher, fehlt der Bahnhof auch nicht.

          Das Salzkammergut ist nah und doch in weiter Ferne

          Aus dem Weltall betrachtet, ist Attnang-Puchheim eine zerrissene Stadt. Das bleibt sie auch, wenn man sich ihr auf dem Landweg nähert. An den südlichen Ausläufern des Hausrucks gelegen, einer waldreichen Hügelkette, geht der Blick nach Süden auf den markanten Traunstein. Der steil aufragende Kalkriese dominiert das Panorama. Das Salzkammergut ist nah und doch in weiter Ferne. Wo das Zentrum sein könnte, wuchern Bahngleise. Zwölf Hektar groß, im Süden eingeschnürt von einer Bundesstraße, haben Schiene und Straße eine zweigeteilte Stadt geschaffen. Die ist im Lauf der Zeit zum Doppelnamen zusammengewachsen, aber nicht so richtig. Sie hat ein Leib-Seele-Problem: Der Leib, das ist die Eisenbahnersiedlung Attnang, die Seele ruht in Puchheim mit dem Redemptoristen-Kloster, dem Schloss und der Wallfahrtsbasilika Maria Puchheim. Besiedelt während der bajuwarischen Landnahme im achten Jahrhundert, sind beide Ortsteile alt, aber erst der Bau der Westbahnstrecke anno 1860 brachte sie zusammen. Eine Zuggewinngemeinschaft.

          Noch aus dem Weltall als Gleiskörper zu erkennen: Attnang-Puchheim in Oberösterreich
          Noch aus dem Weltall als Gleiskörper zu erkennen: Attnang-Puchheim in Oberösterreich : Bild: Land Oberösterreich

          Noch immer hat die Stadt zwei Feuerwehren, zwei Musikkapellen, zwei Kirchenchöre. Und zwei Etablissements. Das „Moonlight“ im Westen und das „Amore Mio“ im Osten, jeweils unweit der Ortstafel, markieren das Entrée zur Stadt. Bei Nebel - und den gebe es hier häufig, sagt ein Einheimischer - sehe das aus wie zwei Nebelschlussleuchten. „In Attnang-Puchheim haben wir jetzt auch so ein Lokal“, heißt es in Helmut Qualtingers Sketch „Die Striptease-Familie“: „In Attnang-Puchheim haben wir eine, die kann bauchtanzen . . . - Ein Striptease-Mädel? - Nein, ein Postfräulein . . .“ Heute haben wir einen großen Fruchtsafthersteller mit einem Fabrikgelände in der Au, einen Spezialisten für industrielle Automatisation, eine Firma für Fassadenbau, die unter anderem die neue Bibliothek von Alexandria auf ihrer Referenzliste hat. Das „Tor zum Salzkammergut“ liegt in einer industrialisierten Gewerbezone nach amerikanischem Vorbild. Dazu später mehr.

          „Sterben - das ist wie Umsteigen in Attnang-Puchheim“

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