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Projekt „Zeitbank“ in Eggesin : Dieses Gebäude soll ein ganzes Dorf retten

  • -Aktualisiert am

Klein ist der Bau, groß der Erwartungsdruck, der auf ihm lastet: Die Zeitbank ist die Hoffung von Eggesin und ein Zankapfel Bild: Hartwig

Im strukturschwachen Vorpommern zimmern ein paar Menschen mit vielen Ideen an einer neuen Identität - und entfachen damit ungeahnte Konflikte. Heraus kommt eine Geschichte über Schlechtmacher und Schönredner in einem älter werdenden Land.

          Ich liebe doch mein Eggesin, hier bin ich zu Hause, hier krieg ich Luft, hier will ich nicht weg“, sagt die Rentnerin, die auf einem Stuhl in der Fachwerkkirche sitzt. „Ich zeig Ihnen mal das schöne Eggesin“, sagt der Bürgermeister, setzt seine Sonnenbrille auf und steigt in seine glänzende Geländelimousine. „Hier ist nichts los“, sagt die Mutter mit den zwei Kindern und steigt auf ihr Fahrrad. „Fahren Sie besser nach Ueckermünde, da haben sie Wasser“, sagt eine Angestellte. Der östlichste Osten des Landes. Flaches Land, faule Leere. Aber nein, nicht doch. Das wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Das stand da schon zu oft. Sie wollen nicht wieder die Buhmänner sein, die Blöden und Faulen, die Fernsehgucker, bei denen die Fassade blättert und im Zimmer des Bürgermeisters selbst die Blumen die Köpfe hängen lassen.

          Eine ungewohnte Währung

          „Hier muss doch mal wieder Leben rein“, sagt eine Rentnerin. „Im Sommer, da kommen doch viele Urlauber, da ist was zu holen, das muss doch was heißen“, sagt der Bürgermeister. Die Region komme, sagt er. Die Region stehe, sagt ein anderer. Schönreden, schlechtmachen. Dazwischen gibt es kaum andere Stimmen in Eggesin, einem ehemaligen Garnisonsstandort, dem seit der Wende die Hälfte der Einwohner weggelaufen ist. Die Blaubeerstadt, zu der Stadt und Bürger sie dann gemacht haben. Eine Stadt, die Ehrenamtliche braucht, weil sie kaum Jobs vergibt, die Ideen hat, aber wenig Image, die viele Vorhaben umsetzte, die zum Politikum wurden: Blaubeerscheune, Kulturwerkstatt, Gemeinschaftszentrum. Das waren Vorhaben, die wieder Leben hierherbringen sollten.

          Ehrenamtliche der Zeitbank
          Ehrenamtliche der Zeitbank : Bild: Hartwig

          Cordula Schmorl, 66 Jahre alt, steht in dem weißen Neubau, schräg gegenüber der Amtsverwaltung. Wegzugehen, das habe sie sich nie vorstellen können, sagt sie. Weitermachen wolle sie. Über Jahre arbeitete sie in der Küche der Kaserne, obwohl sie eigentlich etwas anderes gelernt hatte, Finanzkauffrau. Nun kümmert sie sich um das Geld bei einem Verein, der sich auf eine ungewohnte Währung stützt: Zeit. Frau Schmorl setzt sich an einen gedeckten Tisch. Kaffee gibt es und selbstgebackenen Kuchen. Draußen sind Pflanzen aufgereiht, die gleich getauscht werden sollen, beim Tauschplausch. So nennen die Teilnehmer das Treffen, zu dem sie einmal im Monat zusammenkommen. Ableger gegen Ableger, Kaktus gegen Benjamini, so etwas. Aber eigentlich geht es um das, was Cordula Schmorl mit einem Flugblatt erklären will. Das Bild eines Baums ist darauf. Und „Frau H. und Herr V.“.

          Einen Markt für jeden

          Herr V., sagt Cordula Schmorl, konnte nicht mehr allein die Bäume schneiden, daher kam Frau H., schnitt ihm die Bäume, und Herr V. ist jetzt im Minus bei der Bank. So einfach ist es, das Konzept der Zeitbank. Kontenführung wie bei der Sparkasse, Absicherung im Alter. So hatten sie sich das anfangs gedacht, als sie etwas suchten, um der Überalterung entgegenzuwirken. Als das Bundesbauministerium Modellregionen brauchte, die Zukunft schaffen wollen, und sie Gelder bekamen für ein Gemeinschaftshaus mit der Zeitbank. Mitten im Ort steht sie nun, auf einer Wiese, nur wenige Gehminuten vom Rathaus entfernt, zwischen unbenutzter neugotischer Kirche und umgestalteter Fachwerkkirche. Und genau darin liegt der Ärger. Die Bürger wollten das Zentrum und die Bank nicht, mehr als zweitausend unterschrieben dagegen. Sie sagten: Es gibt doch schon genug. Wir haben Vereine, aber keine Arbeit. Sie wollten nicht, weil die Handwerker um ihr Handwerk fürchteten. Die Gastronomen um ihre Gastronomie. Das Zentrum kam trotzdem. Manche nennen es Kasten, Würfel, Karnickelbucht, Trafostation.

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