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Peter Hacks II : Ihm war zeit seines Lebens kalt

Der Dramatiker, Essayist und Lyriker Peter Hacks war der inoffizielle Staatsdichter der DDR, die ihn längst nicht so schön geehrt hat wie er sie. An diesem Karfreitag wäre der im Jahr 2003 verstorbene Dichter achtzig Jahre alt geworden: Eine Huldigung.

          Was ein Dichter glaubt, ist fast egal; aber eben nur fast. Eine scharf umrissene, fest für wahr gehaltene und gut durchgearbeitete Weltauffassung kann einen reifen literarischen Stil selbstverständlich nie ersetzen. Gar nicht so selten aber liefert sie seit spätestens dem Naturalismus denen, die ihn sich erzogen haben, ein nährstoffreiches, dichtes und feinporiges Material, an dessen Prägung sich die Kunst immerhin beweisen kann. So gibt es zum Beispiel bei katholisch vorbelasteten Autoren aus den allerverschiedensten Milieus, wenn sie nur gute Schriftsteller sind, also bei ansonsten so grundverschiedenen Leuten wie James Joyce, Gene Wolfe oder Léon Bloy, ein gemeinsames untergründiges Moralistenbrodeln im Duktus, ein erdiges, feuriges Predigerelement, in dem die heimliche oder offen ausgesprochene Gewissheit aufgehoben ist, es werde dereinst ein furchtbarer Richter kommen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie das Erzkatholische war im zwanzigsten Jahrhundert auch das Hochkommunistische eine eigene Weltsprache, deren Grundgewissheit allerdings nicht in der Überzeugung bestand, ein höheres Wesen werde dem ganzen Elend eines Tages ein Ende machen, sondern in der exakt entgegengesetzten Ansicht, die Befreiung der Leute von Not und Plage könne nur deren eigenes Werk sein.

          Streng, aber vielseitig

          Aus dem Katholischen wie dem Kommunistischen folgt, wenn auch nach entgegengesetzen Schlussweisen, dass es alles andere als egal ist, wie die Sätze gesagt sind, in denen es zur Sache geht. Das merkt man den Sätzen dann an; es lässt sich genießen. Das Hochkommunistische ist streng, aber vielseitig - es kann mit sehr langen Wörtern ebenso gut umgehen wie mit ganz kurzen Sätzen. In Walter Ulbrichts schöner „Begründung der Thesen über die Novemberrevolution 1918“ vom 19. September 1958 etwa kommt das monströs schwerfällige Wort von den „sozialdemokratisch-parlamentarischen rechtsstaatlichen Illusionen“ vor; Erich Honecker dagegen mag es in seinem Schlusswort zur Rede vor der 27. Großen Strafkammer beim Landgericht Berlin-Moabit am 3. Dezember 1992 eher knapp: „Ich bin am Ende meiner Erklärung. Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“

          Beide Exempel sind erstklassige Stilbeweise hochkommunistischer Rhetorik. Beim Dichter Peter Hacks, dem größten Schöpfer schönster Sätze in diesem Idiom, reden selbst die alten Römer, als hätten sie Stalin gelesen: Der Philosoph Seneca möchte im Hacks-Drama „Senecas Tod“ vor Einnahme des kaiserlicherseits verordneten Giftes noch zwei Freunde zur Abendgesellschaft einladen. Sein Hausbesorger Nikodrom mahnt, es komme aber noch ein dritter Gast. Seneca: „Wer ist der dritte, den du meinst?“ Nikodrom: „Der Tod.“ Seneca: „Mit jenem nimmer steht der Weise im Verkehr. / Er suche, wo man ihn empfange, nicht bei mir.“ Nikodrom: „Und wenn er ungeladen eintritt?“ Seneca: „Gehe ich.“ Die beiden, sieht man, pflegen Umgangsformen wie die alten Bolschewiki: Als Stalins Gattin sich 1932 das Leben genommen hatte, bot der Generalsekretär, für einen Augenblick geschwächt und bange wie Nikodrom, den Genossen seinen Rücktritt an. Molotows Antwort: „Schluss damit. Schluss. Du hast das Vertrauen der Partei.“

          Ernsthafte Aufforderung

          Hacks ist 1955 von München in die DDR gegangen, um da zu arbeiten, wo diese Art Nüchternheit herrscht. Man vergisst das gern (oder will es vergessen machen), aber zur fraglichen Zeit und eine Weile später haben nicht nur alte KPD-Leute, denen Adenauer nicht geheuer war, sondern auch politisch vergleichsweise unvorbelastete Lohnabhängige, die sich vor Arbeitslosigkeit fürchteten, und schließlich Künstler und Schriftsteller den Bannfluch „Geh doch rüber“ als ernsthafte Aufforderung aufgefasst - nicht nur Hacks, auch Stefan Heym kam aus dem Westen, genau wie der Romancier Werner Steinberg, der nach frustrierenden Erfahrungen mit dem westdeutschen Literaturbetrieb doch lieber von den Roten gedruckt werden wollte (und damit nicht nur Freude hatte).

          Manchen lockte auch die sogenannte „Entstalinisierung“ nach dem XX. Parteitag der KPdSU, ein Vorgang, von dem Peter Hacks ungefähr so viel gehalten hat wie sein später guter Freund, der Faschismus-Forscher und Revisionismus-Gegner Kurt Gossweiler, dem wir die leicht zu merkende Formel von der „Stalin-Kritik des konterrevolutionären Agenten und Tito-Freundes Nikita Chruschtschow“ verdanken. Die politische Situation war, als Hacks in sein Land kam, nach mehreren Seiten hin vielversprechend; die künstlerische, und das hieß für den Dramatiker: die sprachliche, war eher trist. Denn wie an allem, was deutsch war, klebte auch an der deutschen Sprache nach 1945 Blut und Dreck; wer da etwas retten und bewahren wollte, musste entweder Neuerer werden oder tiefe Brunnen ins Vergangene graben. Am besten beides: Arno Schmidt, Neuerer und Konservativer, den Hacks sehr schätzte, beschloss daher, gleich „alles, was je schrieb, als immerfort mitlebend zu behandeln“.

          Erlass ans Publikum

          Hacks verließ sich bloß auf einen, der dafür aber Goethe hieß (die Vorstellung, Goethe sei groß genug, den ganzen deutsche Horrormuff von den sogenannten Freiheitskriegen bis Hitler in die Schranken zu weisen, ist vielleicht der einzige offen schwärmerische Zug an Hacksens Denken und Schaffen; liest man nur lange genug Goethe, kommt sie einem allerdings zunehmend plausibler vor). Es ging Hacks bei seinem vielberufenen Klassizismus nicht darum, den Sozialismus mit goethischen Girlanden zu verhübschen, sondern darum, die Schönheit der Goethe-Haltung zu sozialisieren, allerdings nicht didaktisch und als Schenkung, sondern absolutistisch, als Erlass ans Publikum: Damit habt ihr euch zu beschäftigen, wenn ihr nach Hitler wieder menschenähnlich werden wollt.

          Goethe ist Hacks Garant nicht nur von Schönheiten, sondern vor allem von Haltung; die schätzte er immer, selbst ein Philosoph wie Seneca, dessen Philosophie Hacks flach fand, kann ihm aufgrund seiner Haltung zum Dramenhelden werden. „Senecas Tod“ wird vom dramaturgischen und rezensorischen Flachsinn gern als Tragödie aufgefasst, es ist sogar schon so inszeniert worden. In Wahrheit teilt das Stück mit, wie töricht der Hang gewisser Schamanen und sonstiger Intellektueller in Gesellschaftsordungen, die sich selbst nicht durchschauen, immer ist, das Leben ausgerechnet vom Tod her verstehen zu wollen, das Jenseits vom Diesseits aus. Hacks hat sich dagegen nicht nur in seiner Dramatik, sondern auch als Essayist erklärt: „Mit dem Fortschritt kann es jeder halten, wie er will, ausgenommen die Künstler. Das Prinzip Hoffnung mag ein Weltprinzip sein oder auch keines; jedenfalls ist es ein Kunstprinzip. Indem einer Kunst macht, verrät er, dass er mit dem Weltende nicht rechnet. Er gibt sich nicht die ganze Mühe, um einen befristeten Stoff für einen befristeten Verbraucher herzurichten. Würde er mit dem Weltende rechnen, würde er die Sache lassen.“

          Erzieherisch, doch unwiderstehlich

          Dass Hacks, wo er so entschieden erzieherisch spricht, oft unwiderstehlich ist, hat ihm im gründlich depolitisierten Deutschland nach der DDR den Ruf eingetragen, vor allem ein Autor bedeutender Aufsätze und hinreißender Kinderbücher zu sein. Weil es Kulturträger gibt, die Kunst für Kinder als etwas Kindisches betrachten und gerade deshalb schätzen, und weil die sich einbilden, Prosa zu verstehen, da sie selbst dauernd Prosa zu reden und zu schreiben glauben, soll Hacks entsprechend formatiert werden. Das kann selbst, wenn es kurzfristig gelingt, nicht von Dauer sein.

          Denn Hacksens Hauptfach ist die allerreifste Erwachsenendichtung, die man sich denken kann. Seine Sentenzen, Perioden, Distichen, Alexandriner, Blankverse, Lieder, Zeitstrophen, Elegien, Sonette, seine Klein- und Großformen sind haltbare Gefäße für Gedanken, die das Unendliche vom Endlichen aus denken wollen, die Ewigkeit von der Konkretion her, die abstrakte Intelligenz von der sinnlichen Schönheit.

          Kann leer sein, was groß ist?

          Wenn Hacks also etwa anhand der konkreten Situation der frühen DDR im Stück „Moritz Tassow“ Lenins Polemik gegen den „linken Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ explizieren will, dann benutzt er dafür gerade keine Karikaturen und kurzatmigen Pappkameraden, sondern selbst dem linksradikalen Narren, den er als schlechtes Beispiel meint, hat er als Mittel der Darlegung seiner falschen Ansichten solide Sätze geschenkt, die aus einem Wittgenstein-Drama stammen könnten: „Ich red nicht ungern. Gute Worte setzen / sich an die Dinge in der Art wie Henkel, / Dass sie beweglich sind und handhabbar. / Man redet über sie, dann hat man sie.“

          Der Marxist Mattukat aber, der das Blendwerk des Schwätzers durchschaut, darf eben noch bessere Sätze sprechen, damit die Rangordnung klar ist: „Er will im Recht sich wissen, sonst in nichts, / Mundlos genießen, was er handlos erntet. / Wo steck ich solche hin? Nicht groß sein kann, / was leer ist. Aber kann leer sein, was groß ist?“ Kein Anlass, keine Maske ist dem Dichter zu doof, um daran seine Textintelligenz zu wetzen - selbst im agitatorischen Aktualitätentheater, das er nicht mochte und selten ausprobiert hat, finden sich plötzlich Bruchstücke einer theoretischen Kritik des Wirtschaftsliberalismus: „Du hast gesagt, Kollege, im Wettbewerb / Kann einer nur gewinnen. Lasst mich das / Kollegen, unterstreichen. Dieser eine, / Das ist der Sozialismus.“, heißt es in „Die Sorgen und die Macht“.

          Abglanz vom Geist

          Selbst Erich Honecker, literarisch veredelt zur Königin Semiramis von Ninive, darf seinen in Hacksens Augen ganz ekelhaften Schlingerkurs mit so wohlgesetzten Worten selbst erläutern, dass zumindest ein Abglanz von Geist darauf fällt: „Und meine zu umwegige List, Verrottung / herbeizuführen, vorsätzlich, doch so, / als walte natürlicher Verfall, / kurz, uns zu schädigen, um uns zu retten, / war krauses Zeug und Eitelkeit des Planens.“

          Der Dichter verstand sich als überlegener Bauchredner nicht allein linker Spinner, kluger Frauen, fauler Friedensstifter und absolutistischer Könige, aus ihm redeten manchmal sogar die Größten restlos außerliterarischer Disziplinen: „Die Geheimnisse der Vernunft sind so viel unerschöpflicher als die der Unvernunft“, sagt Albert Einstein im späten Drama „Die Höflichkeit der Genies“, und das ist, wie jeder zugeben muss, der sich mit Einsteins Leistungen und Ansichten beschäftigt hat, just so gesagt, wie Einstein gern geredet hätte, aber mangels Dichtergabe kaum je geredet hat. Geheimnisse der Vernunft: Davon lebt das ganze Politikverständnis dieses Autors; nur deshalb etwa könnten sogar seine Hausbesitzer Frau Ypsilanti und Herr Beck in bestem Deutsch politischen Realismus lehren - als einem solchen Kerl im späten Stück „Fafner, die Bisam-Maus“ vorgeworfen wird, er habe das Wort eines Ehrenmanns gebrochen, sagt er völlig richtig: „Ein geringeres Wort zu brechen würde sich kaum rechnen.“

          Sonderfall Theaterübel

          Über das Gesetzesförmige, Erwogene, Geregelte und sich dann doch wieder aus den Regelungen Freikämpfende nicht an der Politik, aber an der Kunst des Peter Hacks lässt sich schwer reden an einem Ort und zu einer Zeit, wo, zum Beispiel, nur Literaturwissenschaftler, nicht Autoren, noch etwas von Metrik verstehen (wo soll man speisen in Ländern, in denen nur die Lebensmittelchemiker was vom Kochen ahnen?).

          Das Theaterübel ist von diesem Zustand nur der Sonderfall; in Deutschland gilt die Idee als altbacken, abgetan, schon fast tot, einfach mal ein Stück zu spielen, vom Text her, während man nur einen Roman zu schreiben braucht, den zwei Journalisten in je zwei Spalten besprechen, rumms kommt ein Dramaturg und will ein Video und einen DJ drum herum wickeln. Einverstanden, her mit dem Neuen und weg mit dem Erledigten; aber der Umstand, dass die Neuigkeit merkwürdigerweise meistens leichter herzustellen und schwerer zu genießen ist als das angeblich Vergammelte, nimmt nicht gerade für den Krempel ein.

          Lustigkeit des Geschlechterwahnsinns

          Angefangen hat diese ganze Mode unter Deutschen nicht einfach, wie man jetzt als verbiesterter Theaterabonnent meinen könnte, im dekadenten Westen, sondern schlicht in Konkurrenz zu Hacks an sich, also gerade auch in der DDR, dort erfunden und vorangepeitscht von Heiner Müller. Der hatte zunächst, im „Philoktet“, zum Beispiel, bei aller Erzwidersacherei noch ein ehrliches dramatisches Kräftemessen mit dem Gegner veranstaltet - Neoptolemos: „Aus faulen Grund wächst wohl ein Gutes nicht.“ Odysseus: „Eins ist der Grund, ein andres ist der Baum.“ Später zog Müller es vor, Hacks von außerhalb der Kunst her zu ärgern; als Verfechter von deren Abschaffung und Ersetzung durch Boing und Zack. Zunächst hatten beide noch die jeweils effektivsten Mittel zur Hand, zum Festlichen und Heiteren (Hacks) wie zum Greulichen und Sinnlosen (Müller). Spätestens bei den wirklich heiklen Themen, zum Beispiel der untröstlichen Lustigkeit des Geschlechterwahnsinns, wurde dann die Überlegenheit des beweglichen Hacksschen Witzes, etwa im Stück „Adam und Eva“, über den Müllerschen Atomkriegshumor, etwa im Stück „Quartett“, unübersehbar - letzteres Machwerk verlangt vom Publikum ganz ernsthaft, als Szenenbild einen „Bunker nach dem dritten Weltkrieg“ zu ertragen, man fasst es heute kaum, wie finster dumm sie waren, diese achtziger Jahre, sowohl in der BRD wie in der DDR.

          Hacks hätte gegen solches Zeug nicht auf Klassik gesetzt, wenn er nicht, dritter Weltkrieg hin, Vanitas her, genau wie sein Seneca gewusst hätte, dass sein physischer Tod nur der Ursprung einer zweiten, breiteren, tieferem Wirkung sein würde. Heute ist der von seiner DDR stets nur ungenügend geehrte Staatskünstler nicht nur die Summe aus einer Haltung und einem Stil, zu der ihn vorschnell viele, auch Bewunderer, erklären, sondern ein wahrer Flächenstaat der Literaturwelt, endlos auszuforschen. Man kann jetzt, weil der Eulenspiegel Verlag sich in dieser Angelegenheit so nützlich macht, wie er überhaupt nur kann, außer fünfzehn Bände einer ersten Werkausgabe zu studieren, auch Hacks als Pamphletisten erleben („Am Ende verstehen sie es, Politische Schriften 1988-2003“), man darf ihn im Dialog mit dem Leibnizianer und Ästhetiklehrer Hans Heinz Holz belauschen („Nun habe ich Ihnen doch zu einem Ärger verholfen“) oder sich mit einem Abonnement der Zeitschrift „Argos“ in die seit einiger Zeit immer beschleunigtere Zirkulation von „Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks“ (so der Untertitel des Almanachs) einkaufen, denen sich auch die sehr übersichtliche und häufig aktualisierte Website www.peter-hacks.de verschrieben hat.

          Das große Spiel des Dichters

          In dem wohl wichtigsten Sekundär- und Quellenwerk seit Hacksens Tod, dem Band „Gespräche mit Hacks 1963-2003“, den sein langjähriger enger Freund, literarischer Wegbegleiter und Genosse André Müller senior soeben hat erscheinen lassen, kann man viel über die hohen Einsätze lernen, um die das große Spiel des Dichters gespielt wurde. Müller ist - die Leser seiner eigenen Werke wissen das - ein Erzähler mit einem diesen Dingen sehr angemessenen, höchst trockenen Sinn fürs Komische: „Wieder mit Wolfgang Harich gegessen, der nun plötzlich zu hundert Prozent umgeschwenkt ist und Heiner Müller als ,Hauptfeind' begreift. Er hat sich im Fernsehen in Wibke Bruhns verliebt. Es ist zum Schreien.“

          In diesem Buch hält Müller, so lapidar und unheimlich, wie es sich bei derlei gehört, eine Beobachtung über Hacks fest, die bei einigem Nachdenken geeignet ist, uns den ganzen Mann aufzuschließen: „Ihm war zeit seines Lebens kalt“ - das heißt, das Energiegefälle zwischen ihm und dem Universum, die stets angeregten Zustände in ihm und die Trägheit der Sachverhalte und anderen Köpfe, hätten ihn bei geringerer Kondition bald zermürbt.

          Dürfen Linke lustig sein?

          Linke wie rechte Leser und Kritiker, die über Wesen, Präsenz und Wirkung von Hacks in der deutschen Literaturgeschichte nachdenken, gefallen sich gern in scheinparadoxen Gegenüberstellungen wie „Dogmatiker und Freigeist“ oder „Betonkopf und Ästhet“. Gemeint ist: Er hatte einerseits Grundsätze, von denen er nicht abging, und war andererseits fähig, zu lieben, zu genießen, zu gefallen. Das mag mancher nicht fassen. Denn Linke, besonders prinzipienfeste, sollen nicht lustig sein und keinen Seelenadel haben, wo kämen wir sonst hin? Als hätte es keinen Epikur gegeben, als wäre die Aufklärung je zu irgendetwas anderes gut gewesen als dazu, die armen Menschen aus der Verpanzerung in Ausdrucksarmut und Lustfeindschaft zu locken.

          Es war Sommer. Wir hatten die Zustände so satt wie immer, feierten aber bis in den frühen Morgen und fütterten einander aus Zuneigung Sätze von Hacks, als wären es gegrillte Nachtigallenbrüstchen. Wir waren verliebt, in ihn und ineinander; wie hätten wir ahnen können, dass solche vermeintlichen Luxusgenüsse in Wirklichkeit Grundnahrungsmittel sind?

          Die wichtigsten Stationen des Dichters

          Peter Hacks, geboren am 21. März 1928 in Breslau, ging 1955 in die DDR. Dort schrieb er, zunächst Brecht-Schüler, historisch-politische Dramen wie „Der Müller von Sanssouci“ (1958), 1960 auch ein „Produktionsstück“ („Die Sorgen und die Macht“). In programmatischen Äußerungen findet er ab Mitte der sechziger Jahre zur Klassik als der adäquaten Kunst einer sozialistischen Gesellschaft. Neben entsprechenden Dramen schreibt Hacks auch Musiktheater („Die schöne Helena“, 1964), zahlreiche, meist märchenhafte Erzählungen und Kinderbücher, oftmals polemische Essays zu Kunst und Politik sowie 1975 den Theaterwelterfolg „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“. Peter Hacks starb am 28. August 2003 bei Groß Machnow. Sein Nachlass, auch der briefliche, wird wie sein übriges Werk vom Eulenspiegel Verlag veröffentlicht.

          Quelle: F.A.Z., 15.03.2008, Nr. 64 / Seite Z1

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