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Peter Hacks II : Ihm war zeit seines Lebens kalt

Hacks hätte gegen solches Zeug nicht auf Klassik gesetzt, wenn er nicht, dritter Weltkrieg hin, Vanitas her, genau wie sein Seneca gewusst hätte, dass sein physischer Tod nur der Ursprung einer zweiten, breiteren, tieferem Wirkung sein würde. Heute ist der von seiner DDR stets nur ungenügend geehrte Staatskünstler nicht nur die Summe aus einer Haltung und einem Stil, zu der ihn vorschnell viele, auch Bewunderer, erklären, sondern ein wahrer Flächenstaat der Literaturwelt, endlos auszuforschen. Man kann jetzt, weil der Eulenspiegel Verlag sich in dieser Angelegenheit so nützlich macht, wie er überhaupt nur kann, außer fünfzehn Bände einer ersten Werkausgabe zu studieren, auch Hacks als Pamphletisten erleben („Am Ende verstehen sie es, Politische Schriften 1988-2003“), man darf ihn im Dialog mit dem Leibnizianer und Ästhetiklehrer Hans Heinz Holz belauschen („Nun habe ich Ihnen doch zu einem Ärger verholfen“) oder sich mit einem Abonnement der Zeitschrift „Argos“ in die seit einiger Zeit immer beschleunigtere Zirkulation von „Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks“ (so der Untertitel des Almanachs) einkaufen, denen sich auch die sehr übersichtliche und häufig aktualisierte Website www.peter-hacks.de verschrieben hat.

Das große Spiel des Dichters

In dem wohl wichtigsten Sekundär- und Quellenwerk seit Hacksens Tod, dem Band „Gespräche mit Hacks 1963-2003“, den sein langjähriger enger Freund, literarischer Wegbegleiter und Genosse André Müller senior soeben hat erscheinen lassen, kann man viel über die hohen Einsätze lernen, um die das große Spiel des Dichters gespielt wurde. Müller ist - die Leser seiner eigenen Werke wissen das - ein Erzähler mit einem diesen Dingen sehr angemessenen, höchst trockenen Sinn fürs Komische: „Wieder mit Wolfgang Harich gegessen, der nun plötzlich zu hundert Prozent umgeschwenkt ist und Heiner Müller als ,Hauptfeind' begreift. Er hat sich im Fernsehen in Wibke Bruhns verliebt. Es ist zum Schreien.“

In diesem Buch hält Müller, so lapidar und unheimlich, wie es sich bei derlei gehört, eine Beobachtung über Hacks fest, die bei einigem Nachdenken geeignet ist, uns den ganzen Mann aufzuschließen: „Ihm war zeit seines Lebens kalt“ - das heißt, das Energiegefälle zwischen ihm und dem Universum, die stets angeregten Zustände in ihm und die Trägheit der Sachverhalte und anderen Köpfe, hätten ihn bei geringerer Kondition bald zermürbt.

Dürfen Linke lustig sein?

Linke wie rechte Leser und Kritiker, die über Wesen, Präsenz und Wirkung von Hacks in der deutschen Literaturgeschichte nachdenken, gefallen sich gern in scheinparadoxen Gegenüberstellungen wie „Dogmatiker und Freigeist“ oder „Betonkopf und Ästhet“. Gemeint ist: Er hatte einerseits Grundsätze, von denen er nicht abging, und war andererseits fähig, zu lieben, zu genießen, zu gefallen. Das mag mancher nicht fassen. Denn Linke, besonders prinzipienfeste, sollen nicht lustig sein und keinen Seelenadel haben, wo kämen wir sonst hin? Als hätte es keinen Epikur gegeben, als wäre die Aufklärung je zu irgendetwas anderes gut gewesen als dazu, die armen Menschen aus der Verpanzerung in Ausdrucksarmut und Lustfeindschaft zu locken.

Es war Sommer. Wir hatten die Zustände so satt wie immer, feierten aber bis in den frühen Morgen und fütterten einander aus Zuneigung Sätze von Hacks, als wären es gegrillte Nachtigallenbrüstchen. Wir waren verliebt, in ihn und ineinander; wie hätten wir ahnen können, dass solche vermeintlichen Luxusgenüsse in Wirklichkeit Grundnahrungsmittel sind?

Die wichtigsten Stationen des Dichters

Peter Hacks, geboren am 21. März 1928 in Breslau, ging 1955 in die DDR. Dort schrieb er, zunächst Brecht-Schüler, historisch-politische Dramen wie „Der Müller von Sanssouci“ (1958), 1960 auch ein „Produktionsstück“ („Die Sorgen und die Macht“). In programmatischen Äußerungen findet er ab Mitte der sechziger Jahre zur Klassik als der adäquaten Kunst einer sozialistischen Gesellschaft. Neben entsprechenden Dramen schreibt Hacks auch Musiktheater („Die schöne Helena“, 1964), zahlreiche, meist märchenhafte Erzählungen und Kinderbücher, oftmals polemische Essays zu Kunst und Politik sowie 1975 den Theaterwelterfolg „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“. Peter Hacks starb am 28. August 2003 bei Groß Machnow. Sein Nachlass, auch der briefliche, wird wie sein übriges Werk vom Eulenspiegel Verlag veröffentlicht.

Quelle: F.A.Z., 15.03.2008, Nr. 64 / Seite Z1

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